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11.05.2007
 

Eurovision Song Contest

Party in der Festung der Einsamkeit

Aus Helsinki berichtet Daniel Haas

Wenn morgen der Eurovision Song Contest über die Bühne geht, treten auch zwei Stilprinzipien gegeneinander an: Ironie gegen Naivität, Augenzwinkern gegen Schenkelklopfen. Schlimm ist das nicht. Im Gegenteil.

Die Hartwall-Arena thront über Helsinki im Norden der Stadt. Eine Anlage mit dem Charme des Armee-Stützpunkts, umgeben von fußballfeldgroßen Parkplätzen. Hier könnte man düstere Science-Fiction-Thriller drehen oder Dramen über die existenzielle Verlorenheit des Menschen. Hangar-artige Nebengebäude hocken mürrisch auf dem riesigen Areal; die zahlreichen Zufahrtstraßen scheinen aus dem Nirgendwo zu kommen. Den Verbindungsweg zwischen Festivalgebäude und Pressezentrum kennt man irgendwoher. Wann hatte man diesen Albtraum doch gleich?

Die deutsche Botschaft liegt am Seeufer, weit draußen, im Westen der Stadt. Klassisch modern steht sie für das Beste, was nordisches Design zu bieten hat: Klarheit, Funktionalität, Eleganz. Die weiße Fassade schimmert edel im Mittagslicht, im dazu gehörigen Park schlendert man bis ans Wasser und staunt: Welch stilistische Konsequenz, welch unprätentiöses Bekenntnis zur Gestaltung. Wo hat man das zuletzt gesehen? In einem Coffeetable Book wahrscheinlich.

In der Hartwall-Arena ging gestern das Halbfinale über die Bühne, in der deutschen Botschaft ein kleiner Empfang, der doch Großes verheißen sollte: Roger Cicero spielte auf, als Gast kam die finnische Eurovisionsteilnehmerin Hanna Pakarinen hinzu.

Die Hartwall-Arena ist der steingewordene Ausdruck der modernen Event-Kultur: Grob, klobig und absolut unromantisch soll sie die Massen verschlucken und wieder ausspucken. Ein Drive-In des Amüsements. Im Botschaftsambiente hingegen wurde Popkultur fürs bürgerliche Selbstverständnis arrangiert: ein bisschen intellektuell, ein bisschen sexuell, technisch versiert und grundsätzlich ironisch.

Wäre der Eurovision Song Contest eine Veranstaltung des diplomatischen Korps, dann hätte Roger Cicero beste Chancen. Sein Stil ist bilateral - er hofiert die Frauen und amüsiert die Männer -, seine Musik taktisch - sie bedient den Hunger nach künstlerischem Können im traditionellen Sinn. Seine Person ist nostalgisch und irgendwie alte Schule, ein Attaché des guten Geschmacks. Aber der Grand Prix findet auf einem Armeestützpunkt statt, wo Gäste in Bretterverschlägen ihre Karten entgegennehmen, um im Festsaal selber eine Bühnendeko zu bewundern, die an Erlebnisbäder der frühen achtziger Jahre erinnert.


Dass dies aber letztlich nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet, sondern nur die nächste Episode in der großen europäischen Medien- und Partygeschichte, dafür sorgen die Fans. Sie verwandelten das lieblose Areal gestern in einen Rummelplatz der Nationen. Da schmetterten die Estländer eine Hymne, da skandierten Türken Erbauungs-Slogans, Georgier leuchteten mit weißrot geschminkten Gesichtern in der Menge, und Engländer kreuzten in Fummel und Stola auf. "Jedes Land hier ist freundlich", sagt George Delaney, 39, aus London, und präsentiert stolz einen rosafarbenen Union Jack. "Und genauso sollte es sein!

Der Eurovision Song Contest ist nach wie vor ein Karneval der Kulturen, selbst wenn seit der Osterweiterung die Feier zunehmend auch eine Demonstration nationalen Selbstbewusstseins geworden ist. "Daher rührt ja oft das Missverständnis, der Wettbewerb sei ein Schaulaufen des Trash", erklärt Dr. Irving Wolther, Deutschlands erster Fachakademiker für Grand-Prix-Fragen. "Was westliche Zuschauer bei den jüngeren und jüngsten EU-Kandidaten oft als folkloristische Fummel und Ethno-Sounds wahrnehmen, sind kreative Aneignungen des Pop-Idioms, wie es vom angloamerikanischen Markt vorbuchstabiert wird."

Die Ironie-Ästhetik, wie sie mit Guildo Horn 1998 noch einmal für die deutsche Spaßkultur Gestalt annahm, hat außerdem mehr oder weniger ausgespielt. Ende der Neunziger noch sorgte die EU-Osterweiterung für neuen Nachschub zur Belustigung: Man konnte die Novizen mit einer Mischung aus Grauen und Spaß als Peinlichkeitslieferanten sehen, als Volksmusiker, denen Kostümbildner und Drumcomputer schrille Streiche spielten.

Dann wurde die Jury abgeschafft, das Televoting kam und damit die ernüchternde Wahrheit: Europa ist auf dem am angelsächsischen Popvorbild geschulten Ohr mehr oder weniger taub. Gefeiert wurde zuletzt Lordi, eine Truppe, die tief verwurzelt in der finnischen Heavy-Metal-Szene, nicht für die Kultur des Augenzwinkerns, sondern fürs Bekenntnis zum Eigensinn steht.

Die Verkleidung des ukrainischen Drag-Künstlers Andrei Danilko alias Verka Serduchka ist deshalb auch von anderem ideellen Zuschnitt als die von Roger Cicero. Sein Outfit verhüllt den authentischen Menschen, wer auch immer dies letztlich sein mag, womöglich besser als der skurrile Fummel, mit dem der Ukrainer morgen an den Start gehen wird. In seinem Look schlägt das Künstliche in ein deutliches Statement um: Seid mutig, bekennt euch zum Anderssein, auch und gerade in einem Kulturkreis, der sich in letzter Zeit nicht gerade durch Toleranz gegenüber Transsexuellen oder Schwulen ausgezeichnet hat.

Dieses Bekenntnis zum Spaß, verstanden als europäische Vision einer alle möglichen Stile vereinenden Popmusik, lässt sich überall zelebrieren. Sogar vor und in einer Festung der Einsamkeit, weit im Norden Europas.

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