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12.05.2007
 

Eurovision Song Contest

Horror vor der Russendisko

Von Daniel Haas, Helsinki

Ein Gespenst geht um: Es stammt aus Osteuropa, rasselt mit den Ketten der Folklore, schert sich wenig um guten Stil. So sehen es westliche Geschmackswächter und prophezeien eine Balkanisierung des Grand Prix. Hoffentlich haben sie recht.

Helsinki - Den Ostblock gibt's nicht mehr? Falsch. Er rottet sich gerade wieder zusammen, nur dass der Eiserne Vorhang diesmal aus Lametta besteht. In Helsinki, so eine besorgte westliche Popintelligenz, marschiert eine Schlager-Soldateska in Glitter und Fummeln auf; im Stechschritt der guten Laune paradiert sie über die Plätze der öffentlichen Wahrnehmung. Und heute Abend, beim 52. Eurovision Contest, wird sie die Bastion der gepflegt-ironischen Musikunterhaltung endgültig schleifen. Bye bye Grandprix, hello Russendisko.

Sängerin der Mädchengruppe Serebro: Die Russen kommen
Getty Images

Sängerin der Mädchengruppe Serebro: Die Russen kommen

Nach dem Debakel für die Westeuropäer im Halbfinale formierte sich, wie zu erwarten war, der Chor der Verschwörungstheoretiker. In die politischen Ressentiments gegenüber den Balkannachbarn stimmt kultureller Dünkel ein, herauskommt ein Arrangement der Intoleranz mit bedenklichen Nebentönen. Die Westnationen könnten aufgrund ihrer langen demokratischen Tradition gar nicht anders, als einfach das beste Lied zu küren, während sich die von Totalitarismus und Vetternwirtschaft korrumpierten Ostnachbarn Punkte zuschaufelten. Schönster Beleg der These: Der Kommentar der serbischen Finalistin Marija Serifovic, die bei einer Pressekonferenz sagte: "Wir machen den Wettbewerb unter uns aus."

Abgesehen davon, dass die (übrigens exzellente) Sängerin den Kreis der Finalisten meinte: Das Argument klingt schief. Nachbarschaftshilfe ist beim Grand Prix auf geografische und kulturelle Nähe angewiesen. Ein mazedonischer Künstler bekommt aus Serbien Punkte, weil er dort bekannt ist, x Tourneen absolviert hat und Promotion macht. Zypern hat keinen eigenen Musikmarkt und ist auf Griechenland angewiesen. Dort ist man wiederum begeistert vom zypriotischen Pop und feiert die von dort stammenden Künstler als Stars. Wer hier Verschwörungen wittert, ignoriert geflissentlich das Zusammenspiel regionaler und ästhetischer Faktoren bei der Rezeption von Musik.

Wenn die Angst vor der Balkaniserung des Song Contest überhaupt berechtigt ist, dann nur aus wirtschaftlicher Perspektive. Sollte Osteuropa weiterhin derart deutlich den Ton angeben, könnten die westlichen Geldgeber die Lust am Mitmachen verlieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine paneuropäische Veranstaltung ohne große Industrienationen auskommen muss. Beim "Spiel ohne Grenzen" zum Beispiel zog sich Deutschland schmollend zurück.

Die Kunst des Klischees

Schmollphasen können auch Besinnungszeiten sein. Westeuropa würde eine Revision der eigenen Eurovions-Produktion, seiner Entsendepolitik gut anstehen. Allen voran England, deren diesjähriger Beitrag als Null-Punkte-Kandidat schon jetzt verhöhnt wird. Kein Wunder: Die Flugbegleiter-Truppe bedient mit ihrem Song üble Schwulenklischees und gilt zu Recht als ranschmeißerisch an eine Kernzielgruppe des Contest, die gleichzeitig belächelt und hofiert wird.

England ist überhaupt das Musterbeispiel für westliche Grand-Prix-Verstocktheit: Seit 1968, als Cliff Richard den sicher geglaubten Sieg nicht nach Hause trug, düpiert man sich und den Wettbewerb mit Peinlichkeiten. Nicht umsonst heißt der britische Vorentscheid "Song for Europe", nicht "for Britain". Die Identifikation mit dem Contest ist gering.

Seit der EU-Osterweiterung verfängt diese Haltung jedoch nicht mehr. Der Wettbewerb hat im Lauf seiner 52-jährigen Geschichte eine bestimmte Erwartungshaltung erzeugt. Man will einen Wettstreit der Nationalkulturen sehen, nicht die Exekution einer Hitparade, in der lieblose Pop-Remittenden verramscht werden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass nationale Klischees sowohl aufgeriffen als auch spielerisch variiert werden.

Swing, schwieriges Ding

Texas Lightning konnte nicht gewinnen, weil Deutsche mit Cowboy-Hüten und Banjos mit Germania soviel zu tun haben wie Dallas mit Lederhosen. Auch Roger Cicero wird es deshalb schwer haben: Fürs deutsche Publikum ist Swing die Musik der Nachkriegszeit, sie kam mit den amerikanischen Besatzungstruppen ins Land und steht nicht nur für eine politische, sondern auch für eine kulturelle Befreiung: Louis Armstrong blies dem Faschismus den Marsch; der Schlager, von den Nazis als Propagandainstrument missbraucht, hatte ausgespielt. Osteuropa kam mit angloamerikanischer Musik erst sehr viel später in Berührung. Swing ist dort ein Kuriosum; nett, aber fremd.

Wie also müsste die Haltung des Westens sein? Respekt fürs Andere, Ironie fürs Eigene, das wäre ein Anfang. Nur weil der hiesige Markt Pop auf Amerika und England reimt, sind andere Nationen noch lange kein Fall für die ästhetische Entwicklungshilfe. Warum nicht von ihrem Spaß an der Folklore, ihrer spielerischen Bearbeitung der eigenen Musikgeschichte lernen?

Dafür müsste sich auch der Popdiskurs verändern. Er dürfte nicht immer weiter zur spezialistischen Nabelschau verkommen, die immer auch ein Schielen nach England und Amerika ist. Indie und Alternative, schön und gut, aber wie bei HipHop und R&B, die die hiesige Pop-Intelligenz ebenfalls als Trommelmusik sträflich vernachlässigt, ist Osteuropa ein weißer Fleck auf der Landkarte von Redaktionen und Sendern.

Und Roger Cicero, was ist ihm zu wünschen? Natürlich alles, alles Gute. Und vielleicht ein Gamsbärtchen an den Gangsterhut.

Mitarbeit: Irving Wolther

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