Helsinki - "Das ist ein neues Kapitel für Serbien, nicht nur musikalisch. Wir werden nächstes Jahr Europa willkommen heißen in Belgrad. Ich bin so stolz, Serbin zu sein", gab die 22-jährige Siegerin nach ihrem Sieg zu Protokoll. Für ihr leicht schwermütiges Lied "Molitva" (Gebet) erhielt Serifovic gestern Abend nicht nur aus den osteuropäischen und Balkan-Staaten hohe Punktwertungen, sondern auch aus vielen anderen Ländern.
Für die deutschen Grand-Prix-Fans zahlte sich das Daumendrücken nicht aus: Roger Cicero landete mit "Frauen regier'n die Welt" nur auf einem enttäuschenden 19. Platz. Dabei hatte der Swingsänger eine überzeugende Show abgeliefert.
Am stilechten weißen Anzug mit weißem Hut hat es sicher nicht gelegen. Denn obwohl Länder wie Mazedonien, Schweden oder Weißrussland wahlweise auf viel Bein bei den Frauen oder halbnackte Oberkörper bei den Männern setzten, kam auch die Siegerin Marija Serifovic im schwarzen Hosenanzug ganz ohne Glamour aus.
Umso prunkvoller ging es bei den zweiplatzierten Ukrainern zu: Verka Serduchka alias Andrej Danilko strapazierte das Auge mit einem skurrilen silbernen Sternenkostüm und das Hirn mit sinnfreien Zeilen wie "Sieben, sieben, ailulu - sieben, sieben, eins, zwei" zu bizarren Polka-Rock-Klängen. Dagegen setzte Russland auf eine Casting-Mädchenband im koketten Schuluniformen-Look und typischem Britney-Spears-Sound. Frankreich, erstmals nicht mit einem schwermütigen Chanson, sondern mit einer rockig-punkigen Parodie auf die französischen Klischees an den Start gegangen, landete trotz schriller Kostüme in pink und schwarz nur auf dem drittletzten Platz.
Insgesamt schnitten auch in der Endrunde wieder die osteuropäischen Länder am besten ab und belegten acht der zehn vorderen Plätze. Nur die Türkei auf dem vierten und Griechenland auf dem siebten Platz gelangten ebenfalls unter die Top Ten, die somit 2008 in Belgrad ohne Zwischenrunde fürs Finale qualifiziert sind.
Eingefleischte Grand-Prix-Freunde fangen angesichts der dargebotenen Auftritte an, den Verfall des geschmackvollen Liedgutes und den Verrat an der Idee des Grand Prix zu beklagen. Allerdings war der Gesangswettbewerb schon immer für Provokationen und Überraschungen gut. So etwa Udo Jürgens Mitte der sechziger Jahre oder Abba, als sie 1974 mit "Waterloo" den guten alten Chanson endgültig begruben - bis hin zu den finnischen Gruselrockern von "Lordi" im vergangenen Jahr.
| Die Ergebnisses des Eurovision Song Contests 2007 | ||||
| Rang | Land | Interpret | Lied | Punkte |
| 01. | Serbien | Marija Serifovic | Molitva | 268 |
| 02. | Ukraine | Verka Serduchka | Dancing Lasha Tumbai | 235 |
| 03. | Russland | Serebro | Song #1 | 207 |
| 04. | Türkei | Kenan Dogulu | Shake It Up Shekerim | 163 |
| 05. | Bulgarien | Elitsa Todorova & Stoyan Yankoulov | Water | 157 |
| 06. | Weißrussland | Koldun | Work Your Magic | 145 |
| 07. | Griechenland | Sarbel | Yassou Maria | 139 |
| 08. | Armenien | Hayko | Anytime You Need | 138 |
| 09. | Ungarn | Magdi Ruzsa | Unsubstantial Blues | 128 |
| 10. | Moldawien | Natalia Barbu | Fight | 109 |
| 11. | Bosnien-Herzegowina | Marija Sestic | Rijeka bez imena | 106 |
| 12. | Georgien | Sopho | Visionary Dream | 97 |
| 13. | Rumänien | Todomondo | Liubi, Liubi, Love You | 84 |
| 14. | Mazedonien | Karolina | Mojot Svet | 73 |
| 15. | Slowenien | Alenka Gotar | Cvet Z Juga | 66 |
| 16. | Lettland | Bonaparti.lv | Questa Notte | 54 |
| 17. | Finnland | Hanna Pakarinen | Leave Me Alone | 53 |
| 18. | Schweden | The Ark | The Worrying Kind | 51 |
| 19. | Deutschland | Roger Cicero | Frauen regier'n die Welt | 49 |
| 20. | Spanien | D'Nash | I Love You Mi Vida | 43 |
| 21. | Litauen | 4Fun | Love Or Leave | 28 |
| 22. | Frankreich | Les Fatals Picards | L'amour à la française | 19 |
| 23. | Großbritannien | Scooch | Flying The Flag | 19 |
| 24. | Irland | Dervish | They Can't Stop The Spring | 5 |
| Quelle: Eurovision Song Contest Website | ||||
Kaum war die Abstimmung in Helsinki gelaufen, wurde auch schon laut über die Punktevergabe unter den osteuropäischen Ländern gemäkelt. "Es gibt da Seilschaften", stimmte Deutsch-Rocker Heinz-Rudolf Kunze in den Tenor der deutschen Grand-Prix-Experten ein. Die Ostländer schustern sich gegenseitig die Punkte zu, so der unverhohlene Vorwurf. Unter den zehn Bestplatzierten sind diesmal alleine sieben Länder des ehemaligen Ostblocks. Das habe der hervorragende deutsche Titel nicht verdient, hieß es nach der Show. "Es gab keinen Beitrag, der musikalisch an Roger rangereicht hat", befand Kunze.
Auch Cicero hatte eine bessere Platzierung erwartet. "Dass es so extrem ausgeht, damit habe ich nicht gerechnet. Die Enttäuschung ist natürlich groß", sagte Cicero in der ARD. Trotz seiner Niederlage wird er seinen Titel "Frauen regier'n die Welt" aber nicht so schnell aus dem Repertoire streichen. Wie die "Bild am Sonntag" berichtet, hat CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla Cicero für den 12. Juni zur "CDU Media Night" in der Berliner Parteizentrale eingeladen, wo er seine Hymne an das weibliche Geschlecht zur Einstimmung der Gäste anstimmen soll.
Von den Nachbarländern Österreich und Schweiz bekam Deutschland jeweils sieben Punkte, von den Niederlanden sechs. Die ebenfalls als größte Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion fürs Finale gesetzten Spanien, Frankreich und Großbritannien schnitten indes noch schlechter ab. Die Schweiz war mit DJ Bobo bereits im Halbfinale ausgeschieden, ebenso Österreich mit Eric Papilaya.
Mit 42 Ländern hatte der 52. Grand Prix in Helsinki eine Rekord-Teilnehmerzahl zu verzeichnen. 28 von ihnen mussten am Donnerstagabend ins Halbfinale, wobei sich zehn - neun Osteuropäer und die Türkei - für die Endrunde mit ihren insgesamt 24 Kandidaten qualifizierten, darunter auch die erfolgreiche Serbin. Die zehn Bestplatzierten des Vorjahres sowie die vier größten Teilnehmerländer Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien waren automatisch fürs Finale gesetzt.
Traditionell findet der nächste Eurovision Song Contest immer im Siegerland des Vorjahres statt. Nachdem 2006 die finnische Horror-Rockband Lordi mit ihrem "Hard Rock Halleluja" Erster geworden war, wurde der diesjährige Wettbewerb somit in Helsinki veranstaltet. Mit rund 100 Millionen Fernsehzuschauern in aller Welt gilt der Eurovision Song Contest als größter Musikwettbewerb überhaupt.
mik/AP/AFP/dpa
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