Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Denselben Witz noch einmal erzählt bekommen, das mag Jan Wigger gar nicht, auch nicht von der britischen Band Art Brut, und schon gar nicht von Ryan Adams. Andreas Borcholte wartet ungeduldig auf ein neues Großwerk der Beastie Boys.
Art Brut – "It's A Bit Complicated"
(Labels/EMI, 22. Juni)
Noch vor knapp zwei Jahren waren Art Brut die lässigste, ungehörigste, schlaueste Band von allen: Prolls und Bildungsbürger in einem, mit dem nötigen Unernst, der richtigen Plattensammlung, der richtigen Attitüde und – natürlich – den falschen Frauen. Es ist ein bisschen kompliziert zu erklären, warum "It's A Bit Complicated" nun gerade einmal die halbe Punktzahl von "Bang Bang Rock & Roll" erhält. Um es zu vereinfachen: Das Album ist leider nur halb so gut. Gemeinsam mit "Blame It On The Trains" und "Direct Hit" bleibt das schon vor Monaten als Single veröffentlichte "Nag Nag Nag Nag" klar der fesselndste unter 11 zuweilen merkwürdig schlappen Songs. Damals konnten Art Brut ob der Brillanz der meisten "Bang Bang Rock & Roll"-Kompositionen sogar auf "These Animal Menswear" verzichten, heute klingen "Jealous Guy" und "I Will Survive" (wie auch "Pump Up The Volume" keine Coverversionen!) schon ein wenig nach Ausschuss.
Als Texter jedoch bleibt Eddie Argos geradezu absurd talentiert: Das Rummachen mit Frauen unterbricht er, wenn im Hintergrund das Lieblingslied läuft, die Pärchenfalle fürchtet er, weil man am Ende doch nur fett wird, soziale Kontakte abbricht und gemeinsam irgendwo rumliegt. Eine eminent wichtige Vorgabe haben Art Brut mit "It's A Bit Complicated" allerdings erfüllt: Sie haben sich nicht "künstlerisch weiterentwickelt". Und doch fehlen dieser LP nicht nur übermenschliche Stücke wie "Emily Kane", "Formed A Band" oder "Rusted Guns Of Milan", sondern vor allem Unbedingtheit, Anziehungskraft und Wahnsinn. Oder um es mit den Worten eines Weisen zu sagen: That joke isn't funny anymore. (5) Jan Wigger
Beastie Boys - "The Mix Up"
(EMI, 22. Juni)
Ist das wirklich ein schlauer Move? Drei Jahre nach dem grandiosen Oldschool-Album "To The 5 Boroughs" hätte man vielleicht mal wieder ein bisschen neues, wegweisendes Material von den New Yorker Beastie Boys erwartet - statt noch mehr Rückwärtsgewandtes. Wie schon "The In Sound From Way Out" (1996) ist "The Mix Up" ein reines Instrumental-Album. Adrock, MCA und Mike D frönen darauf ihrer althergebrachten Leidenschaft für die fetten Funk-Grooves der Siebziger, die als Interludien zwischen den Rap-Stücken schon so manches reguläre Beasties-Album versüßt haben. Gitarre, Bass, Schlagzeug - und der alte Kumpel Money Mark an den Keyboards, mehr braucht es nicht für ein angenehm waberndes, sehr entspanntes Album voll Füllmaterial. Dass so eine Unternehmung durchaus Bestand hat und auch noch großen Spaß macht, sei dem überbordenden Talent der Beastie Boys geschuldet, die an ihren traditionellen Instrumenten mindestens so beherzt zu Werke gehen wie an Mikrophon und Turntable. Zehn Jahre nachdem man die weißen HipHopper als beste Band der Welt gefeiert hat, wünscht man sich dennoch mal wieder ein neues Großwerk, das diesen Status bestätigt. Ungeduldig:
(6) Andreas Borcholte
Editors – "An End Has A Start"
(Kitchenware/PIAS/Rough Trade, 22. Juni)
Irgendwer hat einmal gesagt: Wenn Interpol schon Joy Division sind, dann sind die Editors The Chameleons. Wer damals noch keine Friedhöfe als Versammlungsorte wählte, sagt heute einfach: Die Editors sind bloße Kopisten, die auf den in Kürze wieder rollenden Interpol-Zug aufgesprungen sind, solange es noch nicht zu spät war. All diese Aussagen sind ziemlicher Unfug, gerade weil "An End Has A Start" ein so schönes, halbverdunkeltes, nicht ganz geheures zweites Album der Engländer geworden ist, das den Tod ins Leben holt und alle Chancen offen lässt: "In the end all you can hope for/ Is the love you've felt to equal the pain you've gone through". Der ganz normale, rettende Fatalismus. Verzeihen muss man dieser noch jungen Band zwar manch allzu triviale Zeile ("You came on your own/ That's how you leave"), doch allein die Elegie "Smokers Outside The Hospital Doors" zeugt von Weitsicht und Präzison in der Beobachtung. Unschwer zu erraten: Eine dieser Platten, denen gewichtige Todesfälle vorausgingen.
(7) Jan Wigger
Lucky Soul – "The Great Unwanted"
(Vital/Rough Trade, 29 Juni)
Also gut, meinetwegen und hiermit für jene Leute, die den ganzen Wohlfühl-Quatsch mit blühenden Frühlingswiesen und wehenden Picknickdecken unbedingt als Kaufentscheidungshilfe brauchen: "The Great Unwanted" von Lucky Soul ist eine sogenannte "Sommerplatte". Kurz zusammengefasst: Die vier vorausgeschickten (und hier allesamt enthaltenen) Singles gehörten zum Tollsten, was Großbritannien nach dem langsamen Egalwerden von Saint Etienne an herzerweichend nostalgischem Sixties-Pop mit betörenden Girl-Vocals hervorbrachte. Das stilsichere Album-Cover ließ auf Großes hoffen, und Lucky Soul können tatsächlich alles: Motown, Northern Soul, Kammerpop mit Streichern, Instant-Hits mit Handclaps, auch einen Trauerwalzer wie "Baby I'm Broke". Und singt Ali Howard nicht ein bisschen wie Sandie Shaw? Allerliebst.
(8) Jan Wigger
Ryan Adams – "Easy Tiger"
(Lost Highway/Universal, 29. Juni)
Ende des Jahres soll das Box-Set mit seltenen Fundstücken kommen, und die kaum schwindende Ryan-Adams-Fangemeinde schert sich nicht darum, dass der Meister der existenzbedrohenden Melancholie auch sonst Jahr für Jahr ein Album oder mehr herausbringt und sich dadurch längst gewöhnlich gemacht hat: Hauptsache Ryan Adams, je mehr, desto besser. Die Vorfreude auf eine neue Songsammlung heizt der Schmerzenssänger durch unvorhersehbare Auftritte an: Konzert-Rückkehrer jammerten tendenziell entweder über öden, auf zwei Stunden gestreckten Blues-Rock oder erlitten Herzstillstände aufgrund ungeahnter Herrlichkeit. "Easy Tiger" folgt auf das angeschlagen taumelnde, innerlich zerrissene "29" und greift auf frühere Schaffensphasen zurück: "Halloween Head" wäre als Whiskeytown-Song nicht weiter aufgefallen, das süffige "Tears Of Gold" mit schluchzender Pedal Steel von Jon Graboff funktioniert auch als "Cold Roses"-Nachklapp und "Two Hearts" ist nicht das einzige Stück, das die Klarheit von "Gold" wieder aufnimmt. Country-Folk, Blue Eyed Soul und eine seltsame Gelassenheit – Ryan Adams läutet seine konzentrierte Phase ein.
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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