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26.06.2007
 

Meta-Popband Art Brut

Nasse Hosen in der Waschmaschine

Von Thomas Winkler

Die Instrumente zu beherrschen, ist nicht so wichtig für eine Band wie Art Brut. Für die Briten zählt vor allem der ideelle Ansatz. Mit ihrem zweiten Album macht das widerspenstige Quintett klar: Punk ist eine Lebenseinstellung.

Da haben sie aber geguckt beim Bäcker. Kam doch dieser große, etwas fleischige Brite in den Laden, das Äußere mit Bedacht vernachlässigt, den vollen Mund leicht spöttisch verzogen, orderte auf Englisch seine Brötchen und grüßte dann zum Abschied in gebrochenem Deutsch: "Punkrock ist nicht tot."

Art Brut: Liebevoll rekonstruierte Punk-Attitüde
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Art Brut: Liebevoll rekonstruierte Punk-Attitüde

Man könnte jetzt sagen, Eddie Argos wollte, ganz gut erzogener Tourist von der Insel, nur höflich sein. "Das war schließlich der einzige deutsche Satz, den ich damals konnte", sagt der Sänger und Vordenker von Art Brut und zuckt entschuldigend mit den breiten Schultern. Und gibt dann doch zu, dass er sie genossen hat, die "Verwirrung", die der Satz stiftete. Gelesen hatte er den Satz unweit des Bäckers auf einer Wand eines der berühmten bunten Häuser in der Hamburger Hafenstraße. Später wurde der Satz zu dem Song "St. Pauli" auf Art Bruts neuem, zweiten Album "It's A Bit Complicated".

Punkrock ist nicht tot. Dieses zweite Album spielt nicht nur mit diesem Satz. "It's A Bit Complicated" schafft es in seinen besten Momenten sogar, den ehrlichen Eindruck zu erwecken, der gute alte Punk würde nicht mal schlecht riechen. Während andere britische Indie-Rockbands ihrer Generation, Bloc Party oder die Kaiser Chiefs, ja selbst die Arctic Monkeys und vor ihnen Franz Ferdinand, ein im Vergleich zum grandiosen Debüt eher müdes Zweitwerk ablieferten, gelingt Art Brut nach ihrem hoch gelobten ersten Album "Bang Bang Rock & Roll" sogar noch eine Verbesserung des eigenen Konzepts.

Das ist allerdings auch kein Wunder: Art Brut ist eine ideelle Punkband, deren Mitglieder vor allem zusammenkamen mit dem festen Vorsatz, in einer Band zu sein, aber nicht, weil sie wirklich ihre Instrumente beherrschten. Da haben die vergangenen beiden Jahre intensiven Tourens natürlich gut getan. Dank verbesserten Handwerks klingt das Quintett mittlerweile entschieden knalliger, organisierter und auf den Punkt, ohne aber seine Sperrigkeit verloren zu haben.

Vorbild Oscar Wilde

Die Ecken und Kanten, das Widerspenstige in der Musik von Art Brut stehen allerdings in Gegensatz zum Erscheinungsbild ihres 27-jährigen Frontmanns. Groß, dunkel und mit einer eher weichen Physiognomie ausgestattet, wirkt er wie eine modernisierte Ausgabe von Oscar Wilde. Was Wortwitz und verzweifelten Humor angeht, kommt der begnadete Plauderer Argos vielleicht nicht an den großen englischen Spötter heran, aber er gibt sich alle Mühe: "Life is what you make it/ And I've made mine a mess", singt er in "I Will Survive", dem Song, der so gar nichts gemein hat mit Gloria Gaynours gleichnamiger Schwulen-Hymne. Im selben Lied heißt es stattdessen weiter: "I don't know what I'm doing but it feels like success."

Und so wie Argos als begossener Pudel vor einem sitzt, denn kurz vor dem Interview ist er in einen apokalyptischen Regenschauer geraten, könnte man tatsächlich fast glauben, dass er keine Ahnung hat, wie er und seine Band mit an sich recht herkömmlichem britischem Indie-Pop solchen Erfolg einfahren konnte. Ist es die liebevoll rekonstruierte Punk-Attitüde? Sind es die Referenzen an moderne Kunst? Ist es der hintergründige, sehr britische Witz?

Die Antwort ist: Von allem ein bisschen. Argos, der unter seinem bürgerlichen Namen Kevin Macklin einen angeblich so schlechten Schulabschluss zustande brachte, dass es für die Uni nicht gereicht hat, gab seiner multinationalen Band (Schlagzeuger Mikey B stammt aus Kempten, Gitarristin Freddy Feedback aus dem Sauerland) nicht umsonst den Namen einer Kunstrichtung. Souverän spielt der begeisterte Museumsbesucher mit Zweideutigkeiten und Verweisen, mischt Anspielungen auf die Kunstgeschichte mit prolliger Arbeiterklassenattitüde, so dass Art Brut heraus stachen aus dem unübersehbaren Meer anonymer britischer Indie-Bands.

Eine gelungene Werbemaßnahme war auch die Kunstaktion, den Namen Art Brut freizugeben: "Art Brut ist ein guter Name", umreißt Argos die Idee, "warum ihn nicht mit anderen teilen?" Die Band wurde zum Franchise-Geber, mittlerweile existieren mehr als einhundert Bands in England, den USA, Australien oder Russland, sie sich alle Art Brut nennen, darunter Prominente wie die Kollegen von We Are Scientists, die als Art Brut 47 firmieren. Denn anfangs wurde noch durchnummeriert, mittlerweile allerdings haben die Urheber den Überblick verloren. Unlängst gab es in der Nähe von London sogar einen Band-Battle von Art-Brut-Franchises, über den Argos und seine Kollegen nicht einmal unterrichtet wurden. "Es ist ein wenig außer Kontrolle geraten", lächelt Argos, "aber wir sind sehr stolze Eltern."

Kuss oder Popsong?

Neben solch geschickter Eigenwerbung verstand es Argos vor allem, die britischen Musikjournalisten mit Texten zu ködern, die sich mit der Popkultur und moderner Kunst beschäftigten. "Formed a Band" oder "Modern Art" hießen Songs auf dem Debüt, in "Bad Weekend" sang Argos: "Popular culture no longer applies to me." Seitdem schleppen die Musikmagazine die Band zum Fototermin am liebsten in Galerien und Museen. "Großartig" findet das Argos: "Ich liebe zeitgenössische Kunst, auch wenn ich mich nicht wirklich auskenne."

Das kann man getrost als Koketterie abtun. Ebenso wie die Behauptung, keinen Masterplan in der Tasche zu haben. Denn nach den popkulturellen Referenzen muss man auch in neuen Titeln wie "Direct Hit" oder "Pump Up The Volume" nicht lange suchen. In letzterem wird die Frage diskutiert, ob man einen Kuss unterbrechen darf, um sich einem Popsong zuzuwenden. In "St.Pauli" schließlich singt Argos, durch die Bandkollegen über die deutsche Indie-Vergangenheit informiert: "We are Hamburg school". Tocotronic findet er "brillant", denn es "gefällt mir, wenn Bands über intellektuelles Zeugs singen".

Er hat diesmal Songs geschrieben übers Zubettgehen im Morgengrauen und Zigarettenrauchen in schmuddeligen Rock-Clubs, über nasse Hosen in der Waschmaschine, über Paare und die Zeit, in denen ein Gutenachtkuss den Sex ersetzt. Und immer wieder Popsongs über Popmusik und ihre Folgen, über Popmusik als Soundtrack zum Alltag, über Plattensammlungen und Mix-Tapes, über Fluchten unterm Kopfhörer und private Soundtracks. Fertigen Art Brut womöglich Meta-Pop? "Jaaaa", findet Argos, "wenn ich wüsste, was das bedeutet." Vielleicht weiß er es wirklich nicht. Das Ergebnis ist jedenfalls Musik für all die Menschen, die sich problemlos in den Büchern von Nick Hornby wiederfinden. Dem hätte die Geschichte mit dem Hamburger Bäcker sicherlich auch gut gefallen.


Art Brut: "It’s A Bit Complicated" (Labels/ EMI)
Live: 25.8. Dortmund

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