Von Joachim Hentschel
In ihrer 13-jährigen Karriere haben Tocotronic kein einziges Lied über Sex gemacht. Was nicht schlimm ist, nur ein bisschen eigenartig. Denn wenn junge Männer eine Rockband gründen und damit die besten, fruchtbarsten Jahre ihrer Adoleszenz verbringen – dann müsste sich das Thema doch eigentlich irgendwann aufdrängen.
Rockband Tocotronic: Immer schön unscharf bleiben
Genau genommen haben Tocotronic ein Lied über Sex gemacht, aber das handelt praktisch nur davon, dass ein solches Lied unmöglich ist: "Über Sex kann man nur auf Englisch singen/ Allzu leicht kann's im Deutschen peinlich klingen." Und englisch gesungen haben sie fast nie.
So oder so würde kein Tocotronic-Fan auf die Idee kommen, die neue, insgesamt achte Platte "Kapitulation" nach versteckten Schweinereien abzusuchen. Vielleicht eher nach heimlichen Hinweisen auf die Werke von Pasolini, H.P. Lovecraft, Joris-Karl Huysmans oder dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Man stolpert in den neuen Tocotronic-Liedern zwar über diese Bröckchen, falls man sie erkennt, aber: Wirklich Suchen würde auch danach niemand.
Spötter kultivieren bei intellektuell angefeuchteten Künstlern ja gerne das Klischeebild von der Hörerschaft, die an den Lippen des Sängers hängt und jedes Wort im Lexikon der Weltgeschichte nachschlägt. Bei Tocotronic dürfte das die Ausnahme sein – da hüpfen die Leute eher auf und ab beim ersten Hören, und später, im Matsch der vielen Open-Air-Festivals, sowieso. Obwohl das die rätselhafteste, erklärungsbedürftigste Musik ist, die derzeit von den Top-Ten-tauglichen deutschen Bands kommt. Blumfeld, ihre alten Hamburger Seite-an-Seite-Kämpfer, haben sich ja Ende Mai getrennt.
"Ich finde es viel interessanter, das als Aufgabenstellung zu betrachten: Wir stecken nun mal im starren Korsett einer Rockband, mit allen Konservatismen, die das mit sich bringt", sagt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, 36, immer noch der verschnupfte Lord, der blendend aparte Bohemien, dem die Lust am Theoretischen und an Gedankentempeln aller Art in den Augen glüht. "Man arbeitet auch gegen diese alte Rock-Erzählung an: Früher waren sie toll, später nicht mehr so."
Alles unter Beibehaltung der Haarschnitte
Erstens: Wenn überhaupt, dann werden Tocotronic immer besser. Falls sie nicht einfach nur besonders gut darin sind, den Leuten das aktuelle Modell als absoluten Höhepunkt zu verkaufen. Zweitens: Klar kann man auch ihre Geschichte als typische Rock-Biographie erzählen. 1994 in Hamburg entstanden, mitten in der weltweit größten Alternative-Rock-Gründerzeit. Ein Bummelstudenten-Trio mit wenig Talent und unfassbar viel Mitteilungsbedürfnis, das plötzlich zur Lieblingsband der wachsenden Independent-Pop-Jugend wurde.
1999 erste Top-Ten-Platzierung, Schwenk vom konfessionellen, Tagebuch-artigen Song ("Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren") zur abstrakteren Fantasy ("Schatten werfen keine Schatten"), und die Fans gehen mit. "Top Of The Pops"-Auftritt, Verpflichtung eines zweiten Gitarristen, Wechsel zur größeren Plattenfirma. Alles unter Beibehaltung der Haarschnitte.
Für das neue Album haben sie nun Anzeigen geschaltet, pechschwarze Seiten, auf denen in großen weißen Buchstaben nur das Erscheinungsdatum und der Titel stehen: "Kapitulation". Ein schönes Thema, das dem Publikum offensichtlich mehr Diskussionsspaß bereitet als die Anti-G-8-Liebesbotschaften anderer deutscher Popgruppen: Ist die Kapitulation, das freiwillige Sich-Ergeben vielleicht die letzte Rettung, bevor einen der Fortschrittsglaube und der neoliberale Selbsterhaltungswahn ins Verderben reitet?
"Geh einfach weg, halt die Maschine an und frag nicht nach dem Zweck!" bellt von Lowtzow im großartigen Dreschflegel-Song "Sag alles ab". Hier scheint sich der alte, ultra-linke Traum vom Tod des Kapitalismus mit der jüngeren Einsicht zu kreuzen, dass man unterbezahlte Arbeit auch gleich sein lassen kann.
Wäre es da nicht cool gewesen, wenn Tocotronic selbst kapituliert hätten? Wenn sie die Platte nur halb fertig gemacht hätten? "Ach, das gab es doch schon bei John Cage. Das Musikstück, das nur aus Stille besteht", winkt Schlagzeuger Arne Zank ab, und von Lowtzow sagt: "Das wäre ja eine reine Illustration dieses Begriffs gewesen. Eine Eins-zu-eins-Interpretation, die keinen Widerspruch enthält. Das wäre langweilig. Wir müssen immer Ja und Nein zur gleichen Zeit sagen."
Warum so altertümlich?
Es ist genau das, was manche Leute zur Weißglut bringt, wenn sie Tocotronic hören: Wie diese Band herumeiert, wie sie unscharf bleiben will. Unscharf wie die Polaroid-Fotos, die sie damals für die ersten Plattenhüllen verwendeten – bis genau diese Unschärfe Ende der Neunziger zur Ästhetik der Jugendzeitschriften und der Pop-Werbung wurde. Und Tocotronic gezwungen waren, alles zu ändern und sich freiwillig zu Spaßbremsen zu machen.
Die Angst der Band, von kulturellen Stämmen vereinnahmt zu werden, grenzt oft ans Psychotische (vor allem, wenn es irgendwie ums Deutschsein geht). Letztendlich haben Tocotronic so aber alle Anbiederungen vermieden, die Künstlern unterlaufen, wenn sie plötzlich die Liebe eines großen Publikums spüren. Nicht nur Sex kann im Deutschen peinlich sein. Obwohl es sicher Leute gab, die den ersten kleinen Tocotronic-Hit von 1995 wörtlich nahmen. Der hieß "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein".
Wer bei der neuen Platte wirklich hinhört, der wird merken, dass natürlich auch die Sache mit der Kapitulation eine Falle ist. Dass von Lowtzow nicht nur vom Niederlegen der Arbeit singt, sondern in letzter Konsequenz von der Auflösung des Ich, vom Streik gegen alle Ideale, nach denen das westliche Denken funktioniert. Eine Utopie, die den fröhlichen Müßiggängern gehörig Angst einjagen würde.
Aber wie er das dichterisch formuliert, wie er von Festungen, verwunschenen Gärten und Laternen singt – warum so altertümlich? "Man spielt eben mit der Sprache", sagt von Lowtzow leicht misstrauisch. "Man ist ja von Sprache durchdrungen. Gerade ich als Sänger arbeite damit, und das macht einfach Spaß. Ich liebe die Sprache."
Dirk von Lowtzow bemüht sich sehr, auch diesen letzten Satz ironisch klingen zu lassen. Er schafft es zum Glück nicht ganz.
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