Mittwoch, 10. Februar 2010

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26.07.2007
 

Bayreuth 2007

Buh-Orkan auf dem Grünen Hügel

Von Werner Theurich

Katharina Wagner hatte mit ihrer Neuinszenierung der "Meistersinger” in Bayreuth viel vor. Das Ergebnis war ernüchternd: eine kopflastige und dennoch beeindruckend platte Wagner-Pizza - jede Menge Belag auf dünnem Boden. Das Publikum quittierte die Premiere mit einem Buh-Konzert.

Nackte Panik muss Katharina Wagner bei der Konzeption ihrer Neudeutung von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg” im Nacken gesessen haben: Einstand in Bayreuth, Kampf gegen die vermeintlich humorige Idylle der Künstler-Oper, Konkurrenz mit provokationserprobten Skandalnudeln wie Schlingensief, Stress um ihre mögliche Nachfolge von Wolfgang Wagner als Festspiel-Chef - da können einer 29-jährigen Newcomerin auf dem Regiestuhl schon einmal die kreativen Pferde durchgehen.

So packte sie den "Meistersinger”-Stier bei den Hörnern und brezelte die im Kern zeitlose Singer/Songwriter-Parabel um Liebe und gesellschaftliche Zwänge zu einer vielschichtigen Kunst-Diskussion auf. So weit, so ambitioniert. Und Katharina Wagner kamen - dank detaillierter langjähriger Werkkenntnis - jede Menge Ideen. Leider versuchte sie, alle zu realisieren und in eine große bunte Wundertüte zu packen. Die Inszenierung ging so wegen akuter Überfracht unter - dank einiger überragender musikalischer Leistungen allerdings nicht sang- und klanglos.

Die bekannten Szenen und Requisiten der Oper sind verschwunden: Keine Schusterstube, keine Festwiese, kein fester Ort. Diese Meistersinger schweben in einer fein gedrechselten Kunstwelt aus Zitaten und Anspielungen. Ein intellektuelles Spiel, das allerdings nur oberflächlich und kurzfristig verwirrt. Denn die Bilder und die Regie sprechen stets eine überdeutlich plakative Sprache.

Alles ist Diskurs, viel ist Klamauk

Die Kirche, in der sich anfangs der Ritter und Jungkreative Walther von Stolzing und seine künftige Liebe Eva treffen, ist eher ein Weiheraum der Kunst. Albrecht Dürer späht gleich dreifach überlebensgroß durch die Dachbalken, in kleinen Parzellen an der Rückwand der groß aufgespannten Guckkasten-Bühne sieht man einen Konzertflügel, eine Licht-Installation, eine Plastik und anderes mehr. Sauber gedrillte Nürnberger Schüler, ehemals als "Lehrbuben” der Handwerker-Zünfte firmierend, huldigen sauber in Reih und Glied und hübsch schuluniformiert einer Staffelei mit Gemälde, bauen brav die Tische und Stühle für die Kunsthonoratioren der Stadt auf, während sich Eva und Walther näher kommen. Auch per Kunst: Walther bemalt und verfremdet ein Cello für seine Geliebte. Diese Entgrenzung der Räume als dramaturgisches wie erzähltechnisches Mittel bleibt der rote Faden der Inszenierung: Nichts ist greifbar, alles ist Diskurs.

Walther muss den strengen Regeln des Nürnberger Meistergesangs genügen, um seine Eva im Wettbewerb mit den anderen Künstlern zu gewinnen. So der Ausgangsinhalt der Oper. Regisseurin Wagner macht den jungen Rebellen allerdings zu einem Maler, was künftig zu Komplikationen zwischen Text und Bild führt. Stolzings künstlerischer Mentor und kluger Helfer, der Schuster und Meistersinger Hans Sachs, erkennt sogleich das Potential Stolzings und hilft ihm gegen seinen Hauptwidersacher, den Regel-Fetischisten Sixtus Beckmesser, mit dem die Regisseurin allerdings auch andere Dinge vorhat, als ihn, wie von Richard Wagner vorgesehen, dem Gespött von Volk und Künstlerkollegen preiszugeben. Der Weg dahin ist gespickt mit großformatigen Symbolen, Bildern und drastischer Action, die von alptraumhaften Künstlervisionen Sachsens bis hin zur ironischen Hinrichtung des Regietheaters reicht. Viel Stoff, viel Theater, viel Klamauk.

Hans Sachs, der unermüdlich Zigaretten pafft und auf seiner Retro-Schreibmaschine hämmert (ein Laptop wäre zu zeitgenössisch gewesen), wird von karnevalistisch anmutenden, großköpfigen Geistern Wagners, Hölderlins, Schillers, Kleists, Bachs und ähnlichen Heroen heimgesucht, die ein koboldhaftes Spiel mit ihm treiben, schunkeln, Cancan tanzen und seine Sehnsucht nach der wahren Kunst nach Kräften veralbern. Leider setzt Katharina Wagner auch bei dieser eben noch lustigen Persiflage gleich noch eins drauf und gesellt zu den Geistesgrößen drei ähnlich dimensionierte, grelle Table-Dance-Girlies hinzu - die wohl mit ihrer Sinnfreiheit und nackten Brüsten die Sünden des Regietheaters symbolisieren sollten. Deren Sex-Attribute werden anschließend gleich in einer großen Kiste mit reinigendem Feuer entsorgt, an dem man sich wieder aufwärmen kann - ätzend ironisch, aber ein austauschbarer Gag unter vielen.

Zum Schlagerfuzzi mutiert

Aber auch Walther von Stolzing fällt ein ums andere Mal der Bildersucht der Regisseurin Wagner zum Opfer. Im zweiten Aufzug krönt eine übergroße Schwurhand die Bühne - allzu dralles Symbol der Verschworenheit der Meistersinger mit ihren Regeln. Diese erdrückende Skulptur knickt angesichts der Power des jungen Neumeisters ein - und Maler Stolzing lackiert in bester Action-Painting-Manier flugs die Nägel der Meisterhand. Der gesenkte Zeigefinger - das wirkt wirklich so platt, wie es sich anhört. In dieser Art wird sich durch die Handlung gehangelt: Stets ein wenig zweifelnd, ob denn der Stoff überhaupt für eine stringente Deutung gut ist. Die Szene geht über alles, die Bilder siegen über das zielführende Band. Die Lehrbuben-Keilerei des zweiten Aufzugs endet in einem wilden Atelierfest, der lustigsten und schlüssigsten Szene der Inszenierung.

Im dritten Aufzug schließlich hat sich alles gewendet: Sachs und Stolzing sind in der bürgerlichen Welt angekommen. Der Schuster in cooler Künstlerwohnung mit Designer-Sofa, der talentierte Stolzing ist äußerlich zum Schlagerfuzzi mutiert, der mit Eva zum Familienglück nur noch den richtigen Rahmen sucht - der schwebt dann von der Regie entsandt vom Himmel hoch hernieder. Wieder so eine Idee. Wie auch die wackere Umdeutung des strengen Beckmesser, der im Finale zum wirklichen Avantgardisten wird - mit neuer Frisur und kalauerndem "Beck in Town”-T-Shirt.

Die anschließende "Festwiese " - stets eine heikle Stelle der Oper, wegen ihrer behäbigen Deutschtümelei - macht aus dem nachdenklichen Sachs eine eitle Witzfigur. Als er seine nach wie vor ächzend nationalfröhliche Mahnung "Verachtet mir die Meister nicht!” singt, erstehen neben ihm Goethe und Schiller als monumentale, Arno-Breker-gestylte Brachialdenkmäler, während er düster und kantig ausgeleuchtet zum Parteitagsredner wird. Was will uns das sagen? Dass Hans Sachs ein naiver Dummkopf ist? Dann war der Rest der Oper allerdings eine fromme Lüge. Oder die Regisseurin hat ihre Zentralfigur denunziert. Oder alles ist eh egal, wenn’s nur nett aussieht.

Glänzender Klaus Florian Vogt als Stolzing

Inmitten dieses Wusts an Widersprüchen und wohlfeilem Bildersalat glänzte vor allem einer: Klaus Florian Vogt (erstmals in Bayreuth) sang den Walther von Stolzing mit solch strahlender Kraft und sinnlich glühender Stimme, dass er für die Zukunft beste Hoffnungen weckt. Standing Ovations für den jungen Tenor. Michael Volle (noch ein Bayreuth-Debütant) servierte einen vielschichtigen und bissigen Beckmesser, während Franz Hawlata als Hans Sachs mit enger und beklommener Stimme seiner Rolle selten das nötige Gewicht verleihen konnte. Auch keine Offenbarung: Amanda Mace, ausstaffiert mit einem unvorteilhaften Kostüm wie von Trucci, gab mehr Schrillness als erotische Wärme von sich.

Großartig die Orchesterführung von Sebastian Weigle: Der international erfolgreiche Dirigent (designierter Chef der Frankfurter Oper) lieferte einen ebenso frisch brausenden wie fein durchstrukturierten Sound, der die bekannten Tücken des Bayreuther Hauses souverän meisterte. Manchmal etwas laut, aber von beeindruckender Transparenz und Genauigkeit. Fast erwartbar, der Buh-Orkan für die Regie Katharina Wagners, die viel wollte und es an Selbstkritik und Urteilskraft gegenüber ihren Einfällen mangeln ließ. Ihre Wagner-Wundertüte platzte aus allen Nähten - übrig blieben nur bunte Fetzen.

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