Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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10.08.2007
 

Rockband Sportfreunde Stiller

Burschen, Bälle, Banalitäten

Von Thomas Winkler

Gartenzwerge der deutschen Pop-Nation: Die Sportfreunde Stiller spielen gemütlich-grobmotorischen Schunkel-Rock mit zeitgeistig zugeschnittener Protesthaltung und jeder Menge Allgemeinplätzen. Das neue Album des Münchner Trios ist also ein garantierter Hit. Leider.

Es war wie ein Traum. Die Welt war zu Gast bei Freunden und Deutschland ein Fahnenmeer. Die Sonne schien, der entspannte Nationalstolz war ausgerufen, Kicker in weißen Trikots und schwarzen Hosen spielten überraschend attraktiven Fußball und die Sportfreunde Stiller standen ganz oben an der Spitze der deutschen Charts. "Ein Wahnsinn", erinnert sich Peter Brugger, Gitarrist und Sänger der Münchner Band, zwölf Monate später, "wir sind da so reingerutscht mit unserem Lied."

Das Lied hieß "54, 74, 90, 2006" und versuchte bekanntlich erfolglos, die deutsche Nationalmannschaft zum WM-Titel zu brüllen, aber bescherte den Sportfreunden Stiller ihre erste Nummer Eins und einen Auftritt vor einer Million feiernder Fans im Berliner Tiergarten, Backe an Backe auf einer Bühne mit den kickenden Nationalhelden.

Ein Jahr später ist die Erinnerung verblasst und der Alltag zurückgekehrt, Lukas Podolski ist verletzt, der Sommer versinkt im Regen und die Sportfreunde Stiller sind immer noch da. Oder schon wieder. "La Bum" heißt ihr neuestes Album, von dem folgendes zu sagen ist: Die Anspielung des Titels an den legendären Torjäger Gerd Müller und dessen einmaligen Ausflug in die Schlagermusik ("Dann macht es Bumm") bleibt die einzige Fußball-Assoziation der Platte.

Ansonsten aber bleiben die Sportfreunde sich treu: Die Songs schleppen sich eher grobmotorisch übers Spielfeld, die Reime sind so holprig wie früher einmal das Kombinationsspiel des deutschen Teams, die elektronischen Einsprengsel scheinen von Erich Deuser programmiert und die Melodien entworfen von einem grölenden Haufen Fans. Kurz zusammengefasst: "La Bum" wird sich verkaufen wie Fußball-Sammelbildchen und noch einmal bekräftigen, dass die Sportfreunde Stiller ganz heimlich, still und leise zur deutschesten aller deutschen Rockbands geworden sind. Im Rahmen des Sommermärchens 2006 fand lediglich die Krönung statt.

Die kleinen Dinge im großen Zusammenhang

Die war auch längst überfällig. Schließlich brachte das Trio schon immer deutsche Befindlichkeiten auf den Punkt wie kaum eine andere Band. Das mag zwar bisweilen eher absichtslos geschehen sein, aber nichtsdestotrotz stets zielsicher. Man gab sich zwar grüblerisch, blieb aber immer leicht verständlich. Sinnierte über das Leid in der Welt, die Sprachlosigkeit zwischen den Menschen, die soziale Kälte, und immer mal wieder über die großen Zusammenhänge, aber vergaß nie, sich rechtzeitig ins heimelige Private zurückzuziehen. Mit dem "kleinen Leben" beschäftigen sich die "eher aus dem Bauch raus" geschriebenen Lieder seiner Band, sagt Brugger: "Wir versuchen nicht irgendwas darzustellen, was wir nicht sind." Ihr seid authentisch? "Ja, vielleicht ist das das Wort."

Die kleinen Dinge in einen großen Zusammenhang stellen, menschlich sein, ehrlich sein, das schätzt das Publikum an unseren Sportfreunden, die schon mit ihrem Bandnamen der typisch deutschen Vereinsmeierei ein Denkmal setzten. Hans Stiller hieß der Trainer des Münchner Vorortklubs SV Germering, in dessen Bezirksliga-Mannschaft sich Brugger, 34, und Schlagzeuger Florian Weber, 32, dereinst kennenlernten. Bassist Rüdiger Linhoff, 32, schließlich wurde der Kitt, der den fanatischen FC-Bayern-Fan Brugger und Weber, Anhänger des Münchner Lokalrivalen 1860, bis heute zusammenhält.

Seitdem hüllen die Sportfreunde die Sorgen und Nöte, Gedanken und Anliegen des Kleinbürgers in eine flotte, vergleichsweise coole Verpackung. "Diesmal haben wir zu Anfang musikalisch viel ausprobiert und rumgetüftelt", erzählt Brugger, "aber dann gemerkt, dass das zu verkopft wird. Das ist nichts für uns." So gelten also auch ohne Fußball-Metaphern weiterhin grundsätzliche Gutmenschenprinzipien. "Bescheidenheit ist eine Tugend, die ich generell wichtig finde", erklärt Brugger, "sich übers Publikum zu erheben, das soll man nicht tun." Tun sie auch nicht. Stattdessen findet eine permanente Verbrüderung mit der Zielgruppe statt, die vor allem auf ihren Konzerten, so Brugger, "eine gute Zeit hat".

Floskeln aus dem deutschen Alltag

Dieses simple, aber doch einzigartige Erfolgsgeheimnis wird auch auf "La Bum" wieder umgesetzt: Zu vorwärts ratterndem Gitarrenpop mit eingängigen Melodien erinnert sich Brugger in "9/95er Tief über Island" an den letzten Urlaub oder listet in "Alles Roger!" so lange Floskeln aus dem deutschen Alltag auf, bis sich "BlaBla" auf "alles wunderbar" reimt. In "Eine gute Nacht" macht er einen drauf, in "Anders als auf Ansichtskarten" und "In unmittelbarer Ferne" arbeitet er tapfer an der Fortführung einer Zweierkiste und "Sodom" schließlich bestätigt kritiklos das eigene Dasein: "Ich liebe mein Leben, so ist das eben". Dieser Song hat zweifellos das Zeug, zur Hymne einer richtungslosen Generation zu werden. Für die aber haben die Sportfreunde auch noch ein wenig Lebenshilfe im Angebot, natürlich auf einem Niveau, das niemandem zu nahe tritt: "Tu nur, was dein Herz dir sagt".

Wer die Sportfreunde Stiller hört - und das sind einige und es werden immer mehr -, der muss sich entscheiden. Wer sie mag, entscheidet sich für Oktoberfest und Spaßvergnügen, für die Fankurve und das Schunkeln mit den Massen und doch auch für ein irgendwie halbwegs kritisches Bewusstsein. Wer sich gegen die Sportfreunde entscheidet, erklärt sich selbst zur Spielverderber, zum humorlosen Moralisten, zum Besserwisser.

Das ist keine einfache Entscheidung. Gerade deshalb sorgt sie für einen wohltuenden Distinktionsgewinn. Oder anders gesagt: In diesen Zeiten, in denen es so einfach geworden ist, jederzeit gegen alles und trotzdem dabei zu sein, in diesen Zeiten, in denen Millionen demonstrieren gegen die Armut in der Welt, Globalisierung und die Klimakatastrophe, ohne ihren eigenen Lebensstil hinterfragen zu müssen, in diesen Zeiten, in denen Protest modisch geworden und weitgehend ohne persönliche Konsequenzen zu haben ist, in solchen Zeiten mag es dann vielleicht doch ganz gut tun, die Spaßbremse zu spielen.


Sportfreunde Stiller: "La Bum" (Vertigo Berlin/ Universal)

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