Frage: Tony Wilson ist tot, Ian Curtis' Leben ein Film: Mr. Saville, ist damit ein Kapitel der Popgeschichte abgeschlossen?
Saville: Ich glaube, die Kanonisierung von "Factory" und der Manchester-Szene hat gerade erst begonnen. Für mich ist es die letzte wahre Geschichte des Pop. Und sie beginnt damit, dass Ian Curtis "Love Will Tear Us Apart" schreibt.
Frage: Das berühmteste Lied von Joy Division.
Saville: Es ist mehr als das, es ist die Essenz von Manchester. Alles, was wir damit heute verbinden – "Factory", New Order, die "Haçienda" –, wurde nur möglich dank dieses einen enormen Opfers: Ian Curtis’ Tod. Gleich zu Beginn von "Factory" steht da diese riesige Investition, und dank ihrer schafft es das Label, ein Jahrzehnt lang zu überleben, ohne je an Profit zu denken. Ians Opfer hat die Leute zusammengeschweißt. Da waren keine Drogen im Spiel, es war auch kein Unfall: Ian schreibt "Love Will Tear Us Apart" und meint es genau so. Pop hat diese Wahrhaftigkeit längst verloren, vielleicht sogar schon in den sechziger Jahren. Jedenfalls beginnt damit das Projekt "Factory".
Frage: Und mit dem Startkapital des Fernsehmoderators Tony Wilson, der sein Geld nie wieder herausbekommen sollte: "Factory" kollabierte 1992 mit zwei Millionen Pfund Schulden. Wilson hat danach mehrmals versucht, das Label wiederzubeleben, es gab laufend neue Projekte: Ist das "Projekt" die Unternehmensform, die Punk hervorgebracht hat?
Frage: Sie haben von Anfang an die Cover für "Factory" entworfen. Wie kam es dazu?
Saville: Ich war 22 und studierte Grafikdesign in Manchester und bin einfach zu Tony Wilson gegangen, wir kannten uns überhaupt nicht, und habe gesagt: Ich habe gehört, du willst einen Club aufmachen, kann ich mithelfen? Ich hatte überhaupt keine Arbeitsproben dabei, nur ein Buch des Bauhaus-Typographen Jan Tschichold, das habe ich Tony Wilson gezeigt, und er sagte: Okay, mach du das Poster für den Club. Er hat mir eine Chance gegeben, so wie er vielen Leuten eine Chance gegeben hat, und damit begannen meine Karriere und mein Leben.
Frage: Haben Sie sich eigentlich gemocht?
Frage: ... der Dritte im Bunde bei "Factory Records" ...
Saville: ... hat zwanzig Jahre lang kein Wort mit ihm geredet. Aber Tony Wilson war die Anziehungskraft für eine Menge Leute in und um Manchester, zusammen etwas zu tun. Man könnte es mit einem Sonnensystem vergleichen: Tony ist die Sonne, eine gewaltige Energie, ohne die alles auseinanderfliegen würde. Er war kein Musiker, er war kein Designer, er war kein Produzent und erst recht kein Geschäftsmann. Aber ohne seine Anziehungskraft wären die Planeten um ihn herum nie zusammengekommen: nicht ich, nicht Joy Division, nicht die Leute von der "Haçienda".
Frage: Der Club wie das "Factory"-Label endeten allerdings in einer finanziellen Katastrophe, es gab ja nie richtige Verträge mit den Bands.
Saville: Ich habe Tony Wilson tausendmal gesagt: Verdammt noch mal, das funktioniert hier erst, wenn du deinen Job beim Fernsehen aufgibst und dich bei "Factory" an einen Schreibtisch setzt, auf dem "Der Boss bin ich" steht. Tony hat mich wahnsinnig gemacht.
Frage: Und Sie ihn, weil Sie immer Deadlines ignoriert haben.
Saville: Die fünfzehn Jahre, die wir zusammengearbeitet haben, waren eine Achterbahnfahrt. Ende der Neunziger saßen wir dann irgendwann im "Groucho Club" in Soho zusammen und stellten fest, dass wir uns immer noch sehen, obwohl wir uns eigentlich gar nicht mehr brauchen. Und dass wir uns also offenbar mögen müssen. Seitdem waren wir Freunde.
Frage: Hat es sie deshalb so geärgert, wie Tony Wilson in "24 Hour Party People" dargestellt wird – dem Film über die Manchester-Szene von Michael Winterbottom?
Der Film ist wirklich total daneben, und genauso daneben ist jetzt der Tony Wilson in Anton Corbijns "Control".
Frage: Aber der echte Tony Wilson hat doch beide Filme mitproduziert!
Saville: Da ist er wohl seiner eigenen Berühmtheit erlegen. "24 Hour Party People" zeichnet eine Slapstick-Version von Manchester, weil ein Komödiant Tony Wilson spielt: Steve Coogan. Klar kann man aus "Factory" eine Komödie machen, aber das ist doch nicht das Erste, was man tun sollte. Es gibt sehr lustige Kriegsfilme, aber keiner fängt mit einer Komödie an, vom Krieg zu erzählen. Anton Corbijns Film ist ja ganz gut, aber Tony ist auch darin falsch.
Frage: Warum?
Saville: Weil der Typ, der Tony spielt, sich offensichtlich an "24 Hour Party People" orientiert hat und nicht an Tony Wilson.
Frage: Was eine typische Herangehensweise bei Ihren Plattencovern gewesen ist: die Dinge kulturell aus dem Zusammenhang zu reißen.
Saville: Das ist die seltsame Kultur, in der wir heute leben, sie baut Ungenauigkeit auf Ungenauigkeit.
Frage: Noch mal zum Anfang: Ist das Kapitel "Factory" jetzt endgültig geschlossen?
Saville: Ich glaube, dass Tony Wilsons Leben als Erwachsener unerfüllt geblieben ist. Das ist ein Problem der Jugendkultur: Sie gibt Erwachsenen nichts außer Geld. Unsere Kultur bewegt sich schnell und lebt vom Reiz des Neuen und Jungen, es wird immer schwieriger, darin zu reifen – es sei denn, man versucht es im Management. Popkultur bietet nicht viel Platz für Altersweisheit. In der Kunst, zum Beispiel, kann man älter werden, aber nicht in der Mode und der Musik. Wäre John Lennon heute noch am Leben, wäre er Botschafter, er könnte Präsident der Vereinigten Staaten werden! Denn wir leben im Westen in einer exklusiven Popgesellschaft, jede kulturelle Erfahrung läuft heute über Pop: Wenn etwas nicht in den Magazinen oder im Hamburger Bahnhof oder im Fernsehen zu sehen ist, dann existiert es auch nicht. Trotzdem wird Pop wie Kinderkram behandelt.
Frage: In Tony Wilsons TV-Sendung "So It Goes" waren die Sex Pistols 1976 zum ersten Mal zu sehen, das war doch ein revolutionärer Augenblick des Fernsehens.
Saville: Tony glaubte an das Politische im Pop, deswegen hat er sich für Musik interessiert. Was ihn an Songtexten interessierte, war Selbstverwirklichung und freie Rede, nicht die Liebeslieder. Er war etwas älter als wir, und als Pop durch Punk wieder politisch wurde, erinnerte ihn das an 1968. Punk destabilisierte das Establishment, er war gefährlich und aufregend, genau wie später die Ravekultur in den Neunzigern: Wir sind in einer Lagerhalle, wir sind auf einem Feld, wir brechen das Gesetz, keiner versteht, was wir tun, außer uns. Sobald Jugendkultur aber zu passiv und verpackt wirkt, bekommt sie einen Riss. Die Platten von "Factory" mit meinen bescheuerten Covern boten deshalb kein Konsumerlebnis mehr, es war eher so, als würde man Anteile einer Glaubensgemeinschaft kaufen. Und jetzt sitze ich mit anderen Fünfzigjährigen in Talkshows und rede über Tony Wilson, den "Mr Music" von Manchester. Was für ein Schwachsinn! "Mr Music" aus Manchester war Pete Waterman, der dreizehn Top-Ten-Hits für Kylie produzierte! Warum nur kann Popkultur nicht ernster genommen werden? It’s our fucking life now.
Frage: Nichts ist also zu Ende, das Projekt geht weiter.
Saville: Popmusik ist die Literatur unserer Zeit. Natürlich ist vieles davon trivial, aber vieles eben nicht, und es regt mich auf, dass man das nicht auseinanderhält. Dank der Popmusik kann man im Hier und Jetzt leben, sie ist der Soundtrack der modernen Welt. Nehmen Sie nur die "Haçienda" in Manchester, eine alte Werkhalle, sie ist das Symbol gewesen für die Zukunft einer abgewirtschafteten Industriestadt – genau wie der Emscher Park im Ruhrgebiet. Manchester hatte in den siebziger Jahren keinen Platz für seine Zukunft, mit "Factory" begann dann 1978 die Renaissance. Die jungen Romantiker träumten während der industriellen Revolution noch von einem anderen Ort, an den sie fliehen konnten. Wegen Tony Wilson sind die gleichen jungen Leute in Manchester geblieben – um den Ort zu verändern, an dem sie lebten.
Das Interview führte Tobias Rüther
SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH