SPIEGEL ONLINE: Herr Eggert, wir haben gehört, der Regisseur Schlingensief sei mit Ihrem Stück nicht zurechtgekommen.
Eggert: Ich glaube, er hat es unterschätzt, mit einem Stück zu arbeiten, das es noch nicht auf CD gibt und das erst einmal erarbeitet und aufgeführt werden muss. Bisher hat er ja nur mit den bekannten Opern toter Komponisten gearbeitet. Das hier war also Neuland für ihn. Schließlich ist er ja keiner, der Partituren lesen kann.
SPIEGEL ONLINE: Inszeniert er jetzt halben Kram?
Eggert: Da er sich nicht als Regisseur sieht, wird ihm auch der Begriff "inszenieren" fremd sein. Stattdessen geht er bewundernswert ehrlich mit der Situation um: Er verzichtet komplett auf eine Inszenierung und lässt eine rein konzertante Aufführung der zweistündigen Musik stattfinden.
SPIEGEL ONLINE: Das ist nicht gerade spannend.
Eggert: Spannend wird es durch die Gegenüberstellung mit einem von ihm gestalteten Epilog. Für den geht nämlich doch noch der Vorhang auf, Schlingensief erscheint, und dann ist die "Fremdverstümmelung" meiner Oper durch ihn angesagt.
SPIEGEL ONLINE: Ist das ein neuer Begriff für die Kapitulation eines Regisseurs?
Eggert: Schlingensief selbst hat ihn geprägt. Der Slogan seiner früheren Partei "Chance 2000" hieß ja "Scheitern als Chance". Ich glaube nicht, dass ihn das Scheitern an sich schreckt. Ihm liegt an einem Diskurs über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Oper. Dazu vergeht er sich gewaltsam an meiner Musik. Ich lasse ihn, eventuell wider besseres Wissen, gewähren. Vielleicht ist es ja zu etwas gut, das Ergebnis spannend und anregend.
SPIEGEL ONLINE: Weshalb bereichern Sie das diesjährige Bonner Beethovenfest überhaupt mit einer Oper über Kleinwüchsige, Gummimenschen und siamesische Zwillinge?
Eggert: Weil es ein bisher unerforschtes und großartiges Opernthema ist! Seit 15 Jahren ist es mein Traum, eine Oper über die schrille Welt der sogenannten "Kuriositätenkabinette – Englisch "Freak Shows" – zu schreiben. Angeregt worden bin ich durch Tod Brownings Kultfilm "Freaks" von 1937, der sowohl dem damaligen amerikanischen Publikum als auch den Nazis zutiefst unheimlich war und der erst vier Jahrzehnte später gezeigt wurde.
SPIEGEL ONLINE: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie die harten Schicksale dieser Menschen durch Sang und Klang unziemlich verweichlichen?
Eggert: Der größte Wunsch aller ungewöhnlichen Menschen ist es, wie alle anderen behandelt zu werden. Daher wäre es diskriminierend, so etwas nicht zu einem Opernthema zu machen. Für mich waren Show-Freaks immer sehr heroische und mutige Menschen, die ich bewundert habe.
SPIEGEL ONLINE: Zurück zu Ihren Differenzen mit Schlingensief: Ihre Partitur als Steinbruch – das lassen Sie sich gefallen?
Eggert: Da der Missbrauch mit dem vorherigen Erklingen der unbeschädigten und kompletten Musik für den Zuhörer deutlich wird, entsteht wohl ein Situation, wie sie es vorher noch nie in der Operngeschichte gegeben hat. Natürlich wird Schlingensief dann auch andere Elemente in seinen Diskurs über "Behinderungen in der Oper" einbringen. Gut möglich, dass da was Spannendes entsteht.
SPIEGEL ONLINE: Wird Ihre Oper nicht rettungslos kastriert?
Eggert: Meine Oper wird im ersten Teil des Abends ja nicht angetastet und ist komplett und unverändert zu hören. Danach teilt sie das Schicksal der Cleopatra im Film "Freaks" – die wird nämlich von den Freaks verstümmelt und selber zum Freak gemacht. Insofern hat die Bonner Premiere am 2. September schon eine Logik.
SPIEGEL ONLINE: Wird man auch hören können, dass das Stück verkrüppelt worden ist?
Eggert: Und ob! Der Dirigent wird über Mikrofon Anweisungen geben, plötzlich Takte überspringen oder unvermittelt abklopfen. Die Orchestermusiker müssen hörbar in ihren Noten blättern. Die Sänger werden mitten in der Phrase unterbrochen. Ein Musiker würde natürlich nie auf solche Ideen kommen. Schlingensief ist da brutal.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie im Ernst, dass der ideenreiche Schlingensief von der konzertanten Aufführung, also Ihrem Teil des Abends, wirklich die Finger lassen wird?
Eggert: Bei seiner intuitiven Art des Arbeitens ist alles möglich. Bis jetzt hat er sich mit unserer Oper noch nicht groß beschäftigt. Warten wir's ab.
Das Interview führte Klaus Umbach
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Oper | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH