Gar nichts hat er sich gekauft, als der Plattenvertrag unterschrieben war und das erste Geld aufs Konto kam. Nein, sagt Tom Clarke, gespart hat er das Geld. Könnten schließlich mal wieder schlechtere Zeiten kommen. So wie damals, als er Fernseher verkaufte und vier Pfund pro Stunde verdiente. Acht Pfund zahlten Clarke und Liam Watts und Andy Hopkins für eine Stunde in ihrem Übungsraum, damals.
Damals, das war bevor The Enemy zur festen Rock-Größe im Königreich ihrer Majestät wurden. Bevor das kaum volljährige Trio aus Coventry zu Lieblingen der britischen Musikpresse aufstieg. Bevor ihr Debütalbum "We’ll Live And Die In These Towns" aus dem Stand auf Platz Eins der Charts sprang und bevor man die Band zum Interview-Marathon durch anonyme Hotelzimmer in ganz Europa karrte. Damals, das ist allerdings noch gar nicht so lange her: Ihre Jobs haben die drei von The Enemy erst vor gut einem Jahr aufgegeben. "Man darf nie vergessen, wo man herkommt", sagt Clarke.
Anderthalb Jahre lang, berichtet der Sänger, Gitarrist und Songschreiber von The Enemy stolz, sei man "an jeder Milchkanne" in Großbritannien aufgetreten. Die Ochsentour führte zum Erfolg.
Einen Erfolg, den man allerdings nur verstehen kann, wenn man England versteht. Wenn man weiß, dass "working class" nicht dasselbe ist wie die hiesige Arbeiterklasse, nichts, was einem peinlich ist, das man hinter sich lassen, aus dem man aufsteigen möchte, sondern ein sehr spezielles Lebensgefühl aus Fußball und Bier, eine Mischung aus Stolz und Verzweiflung, an der sich eine ganze Armada an britischen Bands von The Who über The Jam bis Oasis schon abgearbeitet hat und aus der gar ein international erfolgreiches Film-Genre, die Kitchen-Sink-Komödie, entstanden ist.
Alltagsmythen einer Automobilstadt
Dieses Gefühl bringen The Enemy in ihren Songs auf den Punkt. Die Stücke handeln manchmal von der Liebe, aber eher von schnellem Sex auf dem Rücksitz eines Autos. Sie handeln von Fertiggerichten und Abenden vorm Fernseher, von miesen Jobs und urbaner Langeweile. Und immer wieder erzählen sie vom tristen grauen Alltag in der Automobilstadt Coventry und der Hoffnung, dass das doch nicht alles gewesen sein kann: "Wir leben und sterben in diesen Städten", heißt es im Titelsong des Albums, "lass dich davon nicht runter ziehen."
Hymnen für Lohnsklaven ohne Hoffnung
Beide Konzerne haben in den letzten Jahren massiv Stellen abgebaut. Viele sind nun erwerbslos. Andere haben noch Arbeit, aber ist das unbedingt besser? "I'm so sick, sick, sick and tired/ Of working just to be retired", singt Clarke in "Away From Here", einer Hymne für das Heer der Lohnsklaven ohne Hoffnung.
Solch einer war er selbst einmal. Die Arbeit in einem Elektro-Markt als Fachverkäufer für Fernsehgeräte schien ihm als kleines Glück. Schließlich hatte der Job-Berater, der im letzten Schuljahr vorbei kam, sich zwar geduldig Toms Träume von einer Karriere im Musikgeschäft angehört, dann aber seine Akte zugeklappt und verkündet: "Deine Englisch-Noten sind ganz in Ordnung, du könntest vielleicht in der Verwaltung von Jaguar arbeiten."
Nach dem Schulabschluss folgten 34 erfolglose Bewerbungsgespräche und irgendwann die Erkenntnis: "Hey, ich bin sogar zu doof, um Bleistiftanspitzer verkaufen zu dürfen", erinnert sich Clarke, "also war ich ziemlich froh, als ich den Scheißjob als Fernsehverkäufer bekam. Nur manchmal fiel mir noch auf, dass ich meine Träume aufgegeben hatte."
Bekenntnisse eines The-Jam-Verweigerers
Nur ein paar Monate später ist Clarke zwar immer noch erst 19 Jahre alt, aber auf dem besten Wege ein "working class hero" zu werden - als Nachfolge der Gallagher-Brüder von Oasis oder von Paul Weller, gewissermaßen. Mit dem Jam-Sänger wird Clarke immer wieder verglichen, weil er mit ähnlich belegter Stimme und absoluter Dringlichkeit seine Texte herauspresst. Und weil mancher Song klingt wie eine zeitgemäße Neubearbeitung alter Klassiker der Mod-Institution, vor allem "We’ll Live And Die In These Towns", das an "Going Underground" gemahnt.
Dabei versichert der Widergänger, dass die ästhetische Ähnlichkeit nicht das Werk eines Kopisten ist. Jahrelang hatte er sich geweigert The Jam überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, weil jeder zweite Bekannte meinte, er müsse sich die unbedingt mal anhören. Die wohlmeinenden Ratschläge aber stießen auf taube Ohren. "Es gibt nichts, was ich mehr hasse", so Clarke, "ich will Musik selbst entdecken." Erst vor einem Jahr, die Songs für das Album waren längst geschrieben und zum Teil schon aufgenommen, sperrte ihn ein Freund in seinem Auto ein und legte eine CD mit The Jam ein. "Ich wurde dazu gezwungen", sagt Clarke breit grinsend, "aber ich muss zugeben: The Jam sind verdammt großartig."
Auch Clarkes Ego ist schon fast so gewaltig wie das seiner Vorgänger. Als "We'll Live And Die In These Towns" die Chartspitze eroberte, war er "stolz darauf, dass wenigstens eine Woche lang gute Musik dort oben steht". Und als das Album den Platz an der Sonne wieder aufgeben musste, eiferte er Oasis-Chef und Oberschandmaul Noel Gallagher nach und löste eines dieser Pop-Skandälchen aus, das die Briten und vor allem ihre Presse so lieben. "Eine verfickte Schande" sei es, gab Clarke zu Protokoll, dass jemand wie Paul Potts, Tenor und Sieger einer TV-Talent-Show, statt ihnen die Nummer Eins blockiere.
Ansonsten aber hat Tom Clarke vor, den Fallen des Erfolgs zu entgehen. Den Fans hat man versichert, die graue Heimatstadt nicht zu verlassen und niemals nach London zu ziehen. "Den ersten, der mich einen Prominenten nennt, haue ich eins aufs Maul", verspricht er, "ich bin Tom Clarke, ich bin aufgewachsen in Birmingham, ich lebe in Coventry und ich bin, was ich bin. Was auch immer passiert: Ich bleibe ein ganz normaler Typ."
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