Von Stefan Schultz
Der Schauspieler William Shatner hatte schon immer ein Faible für Grenzerfahrungen: in seiner Paraderolle als Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise ebenso wie in seinem Nebenberuf als Musiker. Als Shatner sein Album "The Transformed Man" aufnahm, schrieb man das Jahr 1968. Im Fernsehen flog Captain Kirk zu dieser Zeit Tag für Tag durchs All, getrieben von der Hoffnung, die Grenzen des Universums zu entdecken. William Shatner, der Musiker, hatte diese Grenze schon überschritten: Er war in Tonbereiche jenseits des Urknalls vorgedrungen.
Auf seinem Album "The Transformed Man" breiten sich bombastische Streicherarrangements wie Schockwellen aus. Geigenmelodien wogen heran wie die Wellen eines Acid-Rausches. Dazu mischen sich Paukenschläge von extraterrestrischer Wucht.
Inmitten dieses kosmisch-orchestralen Irrsinns flüstert, raunt, stöhnt, brüllt und winselt Shatner Shakespeare-Monologe. Am Ende der Platte schreit Shatner "Ich habe das Gesicht Gottes berührt!"
Unerhörte Töne von Uri Geller bis John Wayne
Das Universum der Popkultur wimmelt von solchen Sound-Kosmonauten. Jens Raschke erzählt ihre Geschichten in seinem Buch "Disco Extravaganza". Sein "Kompendium der unglaublich merkwürdigen Musik" reicht von John Waynes patriotischem Country über die atonalen Ausrutscher des Fett- und Filzkünstlers Joseph Beuys bis zu den New-Age-Trips des Parapsychologie-Scharlatans Uri Geller.
Florence Foster Jenkins, 76, tritt ins Scheinwerferlicht, in der prall gefüllten New Yorker Carnegie Hall brandet Applaus auf. Fünf Minuten hält das Klatschen an, erst dann beginnt Jenkins zu singen. Es ist der 25. Oktober 1944, der Tag, an dem die Japaner in der Schlacht am Golf von Leyte ihren Kamikaze-Krieg begannen. Jenkins trägt ein Engelskostüm aus Rauschgold und Tüll, an ihrem Rücken sind überdimensionale Pappmaché-Flügel befestigt.
Jenkins singt Mozarts "Arie der Königin der Nacht". Ihre Stimme entfernt sich bis zu einer Viertel Oktave von der Partitur. Zeitzeugen zufolge merkte die alte Dame nicht, dass die meisten Zuschauer gekommen waren, um sie auszulachen. Selbst dann nicht, als eine Zuschauerin in einer Loge einen hysterischen Anfall erlitt.
Wie aus Musikern Narzissten werden
"Wer sich in den eigenen Vorstellungen überhöht, kompensiert häufig die eigenen Minderwertigkeitsgefühle und Unsicherheiten", erläutert die Psychologin und Gesprächstherapeutin Hildegard Belardi, 60. "In der Persönlichkeitspsychologie spricht man von einem überhöhten Größenselbst." Dieses äußere sich beispielsweise dadurch, dass Leute sich vorstellen, sie seien verkannte Virtuosen.
Musik und Künste im Allgemeinen eigneten sich besonders gut zur Stabilisierung des eigenen Ich, da es für sie zwangsläufig nur sehr weiche Bewertungskriterien geben kann. "Warum manche Punk- oder Heavy-Metal-Bands erfolgreiche Stars sind, andere hingegen nicht, lässt sich kaum begründen", sagt Belardi. Erschwerend hinzu komme, dass es unter den großen Künstlern tatsächlich einige gegeben hat, die erst nach ihrem Tod berühmt geworden sind. "Menschen, die sich selbst für verkannte Genies halten, orientieren sich gerne an solchen Biografien."
Gelegentlicher Größenwahn sei nicht unbedingt negativ. Er könne Menschen beispielsweise dazu dienen, sich nach einer Niederlage selbst zu motivieren und ein langfristiges Ziel weiter zu verfolgen. "Problematisch wird das erst, wenn Selbst- und Fremdbild so weit auseinander liegen, dass die betreffende Person nicht mehr mitbekommt, dass die von ihr verfolgten Ziele Hirngespinste sind", sagt Belardi.
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