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27.09.2007
 

Comeback einer Soul-Diva

Der Zorn der Khan

Von Uh-Young Kim

Wenn der Name Chaka Khan fällt, denken die meisten: "Haare!", "Lippen!" oder "Was hat die denn genommen?" Die Soul-Diva feierte einst Erfolge mit Partyhits wie "Ain't Nobody" und bereitete den Weg für Beyoncé & Co. Jetzt feiert sie - frech wie eh und je - mit neuem Album ein Comeback.

Die wilde Mähne ist geblieben, und ihr Mund leuchtet knallrot wie eh und je. Die Drogen jedoch gehören einer Zeit an, als die Soul-Diva nach eigener Aussage "durch die Hölle ging und in einer Limousine zurückkam". Nun steht Chaka Khan mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Auf ihrem ersten Studioalbum seit 1998 hat sie nach Jahren der Label-Querelen und künstlerischen Suche wieder zu ihrem Stil zurückgefunden.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erläutert die 54-jährige Grande Dame des Soul ihr berühmtes Zitat: "Alle anderen sind aus der Hölle in einem Toyota oder Mercedes zurückgekehrt. Mein Leben aber ist ein wenig intensiver gewesen, ich kam mir vor wie ein Goldfisch im Glas. Dabei bin ich in Wirklichkeit wie jede andere Frau." Nur dass sie eben mit einem außerordentlichen Stimmorgan und einer strahlenden Präsenz gesegnet und verflucht zugleich ist. In ihrer über drei Dekaden umspannenden Karriere spiegeln sich so Glanz und Leid der Diva wider. Stürmischer Beifall, Exzesse, Zwist und Einsamkeit haben ihre Aura als Ausnahmestar geformt.

Selten wird sie allerdings in einem Atemzug mit Aretha Franklin oder Gladys Knight genannt. Zu jung ist sie für die klassische Soul-Epoche gewesen - und zu alt für die MTV-Ära. Dabei hat sich die achtfache Grammy-Preisträgerin von Jazz über Funk und Disco bis HipHop fortlaufend neu erfunden und dabei mit Miles Davis, Ray Charles, David Bowie oder De La Soul gearbeitet. Nicht zuletzt hat das Energiebündel von Sängerin mit ihrer unabhängigen Haltung Stars wie Whitney Houston, Mary J. Blige und Missy Elliott beeinflusst.

Auf die jüngsten Ausschweifungen von Skandaldiven wie Britney Spears angesprochen, kommt Chaka in Fahrt: "Lasst die Mädchen in Ruhe! Sie machen doch bloß Erfahrungen in ihrem Leben, wie wir damals. Was sie brauchen, ist Mitgefühl - und manchmal vielleicht einen Klaps auf den Hintern. Es ist hart und einsam für sie. Glaub' mir, ich weiß wovon ich rede."

Geboren 1953 in einem Vorort von Chicago stieg Chaka Khan Anfang der Siebziger in die Funkrockband Rufus ein. Inspiriert von den Black Panthers, nannte sich Yvette Marie Stevens nach einem afrikanischen Krieger. Als die meisten Sängerinnen sich noch bedeckt hielten, entwickelte Chaka eine hochenergetische und offensiv sexuelle Bühnenpersona. Der erste Hit gelang 1974 mit "Tell Me Something Good" aus der Feder von Stevie Wonder. Schnell rückte die Soul-Sirene mit dem ungezähmten und stets mühelos vorgetragenen Gesang ins Zentrum der Band. Schon damals klang in der Rauheit und im Volumen ihrer Stimme an, dass sich diese Frau von niemandem etwas bieten lassen würde.

Kampf gegen das Image der "Hot Mama"

So war es nicht verwunderlich, als Chaka Khan sich 1978 erstmals von Rufus trennte und mit dem Disco-Stück "I'm Every Woman" gleich ihren ersten Soloerfolg hatte. Auf der Suche nach Anerkennung wollte sie sich dem Jazz zuwenden, doch ihr Label forderte Hits. Folglich gestaltete sich die weitere Laufbahn als Kampf gegen das Image der "Hot Mama", das sie nicht mehr los wurde. Trotz interner Spannungen kehrte die Sängerin mehrmals zur Band zurück, hin- und hergerissen zwischen Kunstanspruch und Ausverkauf.

Ihre größten Erfolge sollte sie in der Spätphase von Rufus feiern – "Ain't Nobody" von 1983 beschallt noch heute jede Abiparty. Das bedeutsamste Denkmal ihrer künstlerischen Kraft setzte sich Chaka Khan ein Jahr später mit dem Dance-Klassiker "I Feel For You". Drei Generationen afroamerikanischer Popmusik treffen hier aufeinander: Die Neuinterpretation des Prince-Stücks enthält ein Sample und einen Gastauftritt von Stevie Wonder, eingeleitet wird das feurige Liebesbekenntnis von Rap-Pionier Melle Mel.

In der Chemie von "I Feel For You" offenbart sich auch die herausragende Qualität seiner Interpretin: Chaka Khan hat die Begabung, eher die Freuden als die Leiden aus der afroamerikanischen Musik zu verkörpern. Während ihrer Laufbahn hauchte sie etlichen Jazz-Standards und Soul-Klassikern ihre Lebenskraft ein. Vergangenheit und Gegenwart erscheinen dabei nicht als entfernte Punkte auf einer linearen Zeitachse, sondern greifen in einem Zyklus der kollektiven Erinnerung und Neuschöpfung ineinander.

Zeitlose Funk-Attacke

So ist es auch kein Zufall, dass ein Sample ihre Karriere wiederbelebte. Vor vier Jahren zitierte der aktuelle HipHop-Regent Kanye West ihre Ballade "Through The Fire" von 1985 - es war ihr letzter Hit, bevor es in den neunziger Jahren still um sie wurde. Die clevere Neuauflage machte West über Nacht zum Star und beförderte Chaka Khan schlagartig zurück ins Bewusstsein der Popkultur.

Auf ihrem neuen Album zollt sie nun persönlichen Idolen wie Jimi Hendrix und Joni Mitchell durch Coverversionen Tribut. Die andere Hälfte von "Funk This" umfasst neue Eigenkompositionen. Mit dem altehrwürdigen Produzentenduo Jimmy Jam & Terry Lewis (u. a. Janet Jackson, Gwen Stefani) findet Chaka Khan dabei nicht nur Anschluss an den R'n'B von heute, sondern knüpft auch an den Geist der frühen Rufus-Tage an. In den reduzierten Arrangements kann sich ihr Gesangsspektrum von Schmachtfetzen bis Reibeisen-Soul voll entfalten. Herausragend ist ein Duett mit Mary J. Blige: auf "Disrespectful" entfachen die beiden Powerfrauen über einem organischen Drumgewitter eine zeitlose Funk-Attacke gegen nachlässige Männer.

Mehr noch als die Stars der Sechziger erscheint Chaka Khan so als Vorläuferin der selbstbestimmten Soul-Diva von heute. Auf dem globalisierten Popmarkt haben sich nicht nur deren Möglichkeiten potenziert, auch die Fallhöhe ist gestiegen. Doch wo sich eine Beyoncé inzwischen in alle Richtungen verbiegt, um ihrem Mann oder dem Markt gerecht zu werden, hat sich die reife Chaka Khan ihre Ecken und Kanten bewahrt. Zugedröhnte Totalausfälle aus vergangenen Tagen gehören ebenso zu ihrem Wesen wie die berüchtigte Unnachgiebigkeit, ohne die ihr Stern längst erloschen wäre.

So bekommt das Showgeschäft bis heute den Zorn der Khan zu spüren: "Manchmal habe ich mich gefragt, wo ich hier eigentlich gelandet bin. In der Modewelt? In der Sexindustrie? Im Zirkus? Oder auf dem Karneval? Du musst verdammt noch mal sehr stark sein, um diesen verrückten Scheiß zu überleben."


Chaka Khan: "Funk This" ist bei Burgundy/SonyBMG erschienen

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