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01.10.2007
 

Neues Album

Springsteens amerikanische Lautmalerei

Von Joachim Hentschel

Wenn man "Magic" gehört hat, fühlt man sich, als hätte man einen ganzen Thanksgiving-Truthahn verdrückt: Mit seinem neuen Album liefert Superstar Bruce Springsteen eine große Schippe Konsens-Rock. Und beleuchtet, wie die einfachen Leute in Amerika mit dem Krieg leben.

Ganz am Anfang der neuen Springsteen-Platte steht ein Sender mitten in der Prärie. Eine dieser einsamen, kleinen Buden, wie man sie in ungezählten amerikanischen Filmen gesehen hat: der Discjockey im Niemandsland, der Rufer in der Öde, der letzte Reiter der Ätherwelle: "Ist da draußen noch irgendjemand am Leben?"

Das Lied heißt "Radio Nowhere", und Bruce Springsteen benutzt es gewissermaßen, um erstmal den Kanal wieder freizupusten, auf dem er sendet. Zwei Fäuste und vier Gitarrengriffe, Rock'n'Roll, Donnerschläge, blendendes Saxophon. Etwas, das mehr nach einem Wetterphänomen klingt als nach simpler Musik. Und natürlich wird Springsteen so verstanden, wenn er sich zu Wort meldet, von den Hörern und auch von sich selbst: als eine der letzten aufrechten Stimmen im US-Rock, als solitärer Sender in einer verdorbenen Medienwelt. Der Elvis der amerikanischen Arbeiter, der für die einfachen Leute singt, sie aber nicht für blöd verkauft.

Rock'n'Roll-Spaßarbeit

So soll es laut Legende auch damals passiert sein, wenige Tage nach dem 11. September 2001: Ein Unbekannter kurbelte sein Autofenster herunter, rief dem vorbeifahrenden Springsteen zu: "Bruce, wir brauchen dich!" Die Antwort war "The Rising", das Album über die Feuerwehrmänner, Hinterbliebenen und die Soldaten in Afghanistan, für das Springsteen 2002 Lobpreisung, Erfolg und nicht weniger als drei Grammys bekam.

Wenn er nun, fünf Jahre danach, seine legendäre E Street Band ein weiteres Mal beisammen hat und mit "Magic" eine laute, elektrisch geladene, mitklatschtaugliche neue Platte bringt, die davon erzählt, was der Krieg mit Amerika und seinen Menschen anrichtet, dann kann das durchaus daran liegen, dass Bruce Springsteen sich wieder gebraucht fühlt. Auf der anderen Seite steht, dass er in den USA dringend mal wieder einen Hit haben sollte. Die vergangenen Platten mit introvertiertem Folk und Liederbuch-Klassikern waren nur in Europa richtig groß, und das kann sich auch einer, der allein in Amerika mehr als 60 Millionen Platten verkauft hat, auf Dauer nicht leisten.

Dass der Publikumsschwund daher kommen könnte, dass Springsteen vor der Präsidentenwahl 2004 intensiv für den Demokraten John Kerry geworben hat, darauf hat er sich zum Glück gar nicht erst herausgeredet. Das neue Album wird dennoch als unpolitische Platte angekündigt, als Rock’n’Roll-Spaßarbeit, die auch den Schnauzbärten gefallen sollte, die Springsteens "Born In The U.S.A." noch immer für eine Nationalhymne halten.

Das müsste klappen, denn schneller verständliche, thekentauglich-muskulösere Rockmusik als "Magic" hört man heute selten. Springsteen und seine Band haben dieses Klangbild in den siebziger Jahren ja selbst entwickelt, eine große amerikanische Lautmalerei, in der man die Glocken der Spielmannszüge zu hören glaubt, das Dröhnen der Chevy-Motoren, den Hammer der Autofabrik. Wenn "Magic" vorbei ist, fühlt man sich, als habe man einen ganzen Thanksgiving-Truthahn mit Schwenkkartoffeln auf einmal gegessen.

Die Rückkehr des "Gypsy Bikers"

Den Populismus, so schwer erträglich er manchmal ist, muss man ihm wohl zugestehen. Trotz alledem ist "Magic" nämlich ein großartiges, erschütterndes, abwechselnd apokalyptisch-bildstarkes und lakonisches Werk. Ein Porträt der emotionalen Innenpolitik Amerikas, und es bleibt eine von Springsteens ganz großen Stärken, wie punktgenau er seine erfundenen Charaktere an den Kurven der Historie platziert.

Wie liebevoll er in einem Song die Kleinstadt-Freunde die Rückkehr des "Gypsy Biker" vorbereiten lässt – eines im Irak gefallenen Kumpans, wie sich herausstellt, dessen Leiche sie am Ende in den Bergen verbrennen. Wie er von den brüchigen Durchhalteparolen singt, mit denen seine Leute sich einreden, dass alles nicht so schlimm sein kann. Wie er einer verletzten Seele durch die Stadt folgt, vorbei an den Mädchen in Sommerkleidern und den Leuchtreklamen. Ob die Frau ihn verlassen hat, weil er im Krieg war? Ebenso mehrdeutig klingt es, wie der Erzähler sich tröstet: "Immerhin habe ich noch meine Füße" – Bagdad hat er überlebt, aber fliehen muss er auch zu Hause.

Bush-Karikaturen, die mittlerweile durch jedes Show-Programm spuken, wären hier undenkbar. In den besten Fällen hat der Protest ja die Künstler dazu veranlasst, ihr Bild von Amerika konkret zu formulieren: wie es war, ist und sein soll. Wenn Springsteen in die Kristallkugel schaut, sieht er einerseits das nahende Feuer, die blutrote Sonne. Andererseits ist da am Horizont die Stadt, das verlorene Paradies, in dem er als Kind das heile Leben genoss. Unerreichbar. Im letzten Song erwacht ein Soldat in der Wüste, und da könnte man sogar glauben, dass die ganze Platte nur ein Traum gewesen ist. Ein Traum von den Möglichkeiten, dem Krieg da draußen und da drinnen irgendeinen Sinn abzuringen.

Soll das vielleicht die Magie sein? Bruce Springsteen glaubt jedenfalls so felsenfest daran, dass der Rock’n’Roll dem Banalen, Aussichtslosen die Bedeutung schenkt, dass man schon nicht mehr darüber spotten kann. Und was da im Dunkel der Landstraße leuchtet – das muss die Skala des Radios sein.

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