Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Die erhabenen Pop-Gesten Jens Lekmans verführen Jan Wigger zu großen Vergleichen. Außerdem lobt er Kate Nash für den Superhit des Jahres und Róisín Murphy für ihren Mut zum wummernden Bass. Andreas Borcholte macht einen Ausflug ins Grüne mit den Pearlfishers.
Jens Lekman – "Night Falls Over Kortedala"
(Secretly Canadian/Cargo, 12. Oktober)
Die Tatsache, dass immer dann der Name Gottes fällt, wenn ein nachgeborener Musiker überwältigend die Stimme hält und weltläufig zum großen Orchester croont, gilt ja vielerorts als journalistische Faulheit. Aber beginnt Jens Lekmans neue LP etwa nicht wie Scott Walkers "It's Raining Today"? Und ist "A Postcard To Nina" nicht auch eine Art Erinnerung an Walkers aus rätselhaften Gründen kommerziell gestrandetes Großwerk "Scott 4"? Das Cover von "Night Falls Over Kortedala" zeigt Jens Lekman gedankenverloren beim Himmels-Haareschneider – ein Bild, das gut zum Stilisten und Poseur aus Göteborg passt. Vielleicht war es damals das reizende "I Saw Her At The Anti War Demonstration", vielleicht die Left-Banke-Samples in "Black Cab" und "Maple Leaves", vielleicht auch Albumtitel wie "When I Said I Wanted To Be Your Dog" oder "Oh You're So Silent, Jens", die Lekman vom Gewöhnlichen abhoben, und "Night Falls Over Kortedala" ist nun seine bisher schönste und verschwenderischste Platte.
Komisch ist sie auch noch: "I picked up a seashell to illustrate my homelessness/ But a crab crawled out of it making it useless/ And all my metaphors fell flat/ Down on the rocks where we sat". Dazu ziehen in "The Opposite Of Hallelujah" die Streicher über den Kiesstrand. Komödie oder Tragödie? Wie fast immer: Beides zugleich. (8) Jan Wigger
Kate Nash – "Made Of Bricks"
(Fiction/Universal, 12. Oktober)
Wie Judy Garland als Dorothy im "Wizard Of Oz" stolziert Kate Nash nun also im feuerroten Kleid den gelben Backsteinweg entlang, links und rechts von ihr überdimensionale Gänseblümchen und die kunstvoll zurechtgeschnittenen Büsche aus "Edward Scissorhands". Wer hat diese Frau hierher gebracht? Underground-Puristen und Indie-Billigheimer bitte kurz weghören: Es war die wundervolle Lily Allen, die an Kate Nash einen Narren fraß und bereits unfertige Versionen der "Made Of Bricks"-Songs bei jeder passenden Gelegenheit belobigte. Und ja, liebe Leser, "Foundations" ist, noch vor Rihannas "Umbrella", der ganz und gar umwerfende Superhit dieses Jahres, jedenfalls so lange, bis man ihn endgültig nicht mehr hören kann und nur noch bis zu der Stelle vorspult, an der Kate Nash das Wort "fitter" ausspricht, stolz, verächtlich und unnachahmlich. Vieles, wie die schlau getextete Liebesgeschichte zweier Ausreißer ("Birds") und die Erzählung vom Mädchen, das sich die Lippen mit Pritt-Stift zuklebt, um nicht mehr sprechen zu müssen, schmeißt Kate Nash am Klavier. Höhepunkt: Der Tänzelklavier-Song "We Get On", in dem die Protagonistin den nicht interessierten Schwarm dann doch lieber vergisst, um in den eigenen vier Wänden "CSI" zu schauen.
(7) Jan Wigger
Róisín Murphy – "Overpowered"
(Parlophone/EMI, 12. Oktober)
Sein Album "Overpowered" zu nennen und dabei gleichzeitig in einem solchen Bömmelkostüm (siehe Plattenhülle) im Kakao zu rühren und semi-gelangweilt Kartoffelecken zu essen - das kann man sich womöglich nur erlauben, wenn man zufällig so stahlkalt strahlend hübsch ist wie Róisín Murphy oder für gewöhnlich schon morgens zum Frühstück die zweite Klaus-Nomi-Platte hört. "Overpowered" ist ein glasklares Disco-Album, jetzt noch weiter weg von Moloko, sophisticated, stumpf und glücklich. "Checkin’ On Me" belehnt verschmitzt Timberlakes "Like I Love You", den fristgerecht wummernden Bass und die "House Of Jealous Lovers"-Kuhglocke gibt es auf "Overpowered" auch. "I got signed to EMI because I reminded them of Robbie Williams" wird die Murphy im Booklet zitiert, fast schon zu ulkig und unglaubwürdig, um wirklich wahr zu sein. Ewiger Gewinner in der Kategorie "Super Platte, die man niemals zu Hause auflegen wird".
(7) Jan Wigger
The Pearlfishers - Up With The Larks
(Marina/Indigo, bereits erschienen)
Man hatte schon befürchtet, David Scott hätte sich Walden gleich in die Büsche rund um Glasgow geschlagen und die Musik der Naturverbundenheit geopfert. Doch schon ist der wohl hartnäckigste und schöngeistigste der Schottenpopper mit einem neuen Pearlfishers-Album zurück, auf dem es - logisch irgendwie - ganz schön erdverbunden und ökologisch zugeht. "Save us all, send your children to eco school/ Eco school/ Where we could learn to love the animals/ And we could learn to smell the chlorophyll", singt Scott beispielsweise etwas schratig in "Eco School", und es gehört zur großen Kunst dieses Mannes, einen sperrigen Begriff wie diesen so geschmeidig zu machen, dass er in einen zuckersüßen Refrain passt und nicht weiter auffällt. Denn am bewährten Pearlfishers-Konzept hat sich auch nach dreijähriger Pause nichts geändert: Liebliche Drei-Minuten-Hymnen, die Jimmy Webb und Paul McCartney alle Ehre machen würden und die Melancholie als Lebenszweck und -Inhalt bejubeln. Beschwingter und seelenvoller Höhepunkt dieses Ausflugs ins Grüne: Die an deren "Teardrop" erinnernde Hommage "Womack und Womack". "Up with the Larks", das heißt nicht nur so viel wie "Mit den Vögeln aufstehen"; das englische Wort für Lerche hat noch mehr Bedeutungen: "To be merry as a lark" zum Beispiel würde man mit "Sich wie ein Schneekönig freuen" übersetzen: Und das passt immer gut zu einer neuen Pearlfishers-Platte.
(6) Andreas Borcholte
David Shrigley/Various Artists – "Worried Noodles"
(Tomlab/Indigo, 19. Oktober)
Um David Shrigleys 100-seitiges Kunstbüchlein aus der Pappverpackung zu ziehen, ohne deren Klappränder auszuleiern, sollte man "Worried Noodles" schütteln wie eine Ketchupflasche oder die Pappe gleich chirurgisch entfernen und sich auf das Buch voller Songtexte und Zeichnungen beschränken, um das es bei diesem Projekt ja eigentlich auch geht. Der schottische Künstler David Shrigley veröffentlichte 2005 ein Kompendium mit unzähligen Zeichnungen und Texten zu imaginären Songs. Nun, etwa zwei Jahre später, gibt es, unter Beteiligung sämtlicher von Shrigley und dem Label Tomlab angefragten Interpreten, auch die dazugehörigen Stücke. Mit dabei: David Byrne als er selbst ("For You", für Byrne-Ansprüche nur Mittelmaß), Franz Ferdinand ("No", Alex Kapranos erstmals als veritabler Mark-E.-Smith-Parodist), Liars (nervig wie stets), Scarlett's Well ("Maybe", großartig), Hot Chip, Deerhoof, Final Fantasy, Scout Niblett und Grizzly Bear. 39 Tracks, alles streng exklusiv.
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
Auf anderen Social Networks posten:
Forum
Die neuesten Beiträge:
News verfolgen
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten: