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22.10.2007
 

Keith Jarrett in Concert

Der letzte Romantiker

Von Ralf Dombrowski

Er wurde erwartet wie ein Messias: Jazz-Pianist Keith Jarrett gab sich nach 15 Jahren erstmals wieder in Deutschland die Ehre. Sein Frankfurter Konzert geriet zum Hochamt eines Virtuosen, das schwer trägt an der Rolle des Genies.

Grau ist Keith Jarrett geworden. Rückenprobleme gibt er in Interviews zu Protokoll, eine rätselhafte Motivationskrankheit hat er Ende der Neunziger hinter sich gebracht. Auf der Bühne erscheint somit ein Künstler, der angesichts seiner Biografie demütig, versöhnlich hätte geworden sein können. Er muss ja auch niemandem mehr beweisen, dass er ein herausragender Pianist ist. Dieses Urteil ist längst lexikalisiert und anhand von Tonträgern nachvollziehbar. Jarrett gibt sich tatsächlich scherzhaft, taxiert pantomimisch vor dem ersten Stück die Größe des Flügels, lächelt. Getragen startet er sein Konzert, harmonisch schwebend, ein wenig Tritonus-lastig, mit wuchtigen Bassfiguren, nach Bedeutung suchend.

Jazz-Pianist Jarrett: Auf der Suche nach der blauen Blume
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AP

Jazz-Pianist Jarrett: Auf der Suche nach der blauen Blume

Dann der erste Huster, ein paar mehr, der Kälteeinbruch der vergangenen Tage ist im Saal angekommen. Jarretts gute Laune ist schlagartig verschwunden. Das erste Stück verebbt beziehungslos, der Künstler erhebt sich und belehrt sein Publikum, wie schwer es für ihn sei, sich bei derartigem Lärm zu konzentrieren. Immerhin, er ist nicht so ungehalten wie unlängst in Perugia, versucht es mit Humor zu nehmen ("Seit 25, nein 35 Jahren bin ich für solche Ansagen bekannt. Wo bitte bleibt der Lerneffekt?") und karikiert mit kurzer Einlage das unterhaltende Barpiano.

Aber er ist gereizt, wühlt nun heftiger im Flügel, macht selbst reichlich Geräusche zu seinem Spiel, summt, knarzt, stampft, und ist spürbar bemüht, seinen Groll zu verdrängen. Doch der nächste Huster kommt, Jarrett bricht ab, verlässt kurz die Bühne, setzt wieder an, ein weiteres Mal wiederholt sich das Spiel und nach einer Dreiviertelstunde ist Pause.

Grenzen der Kunst

Ein Raunen geht durchs Foyer. Manche sagen, Keith Jarrett sei eine Diva, andere fragen sich, warum er denn überhaupt Konzerte spiele, wo ihn doch das Publikum offensichtlich nur störe. Ärger macht sich Luft, doch er trifft nur die Oberfläche des Phänomens. Denn Jarretts Inspiration lebt von der Autosuggestion des Künstlers. Sein Anspruch an die Kreativität des Augenblicks ist derart hoch, dass ihn jede Irritation aus der Ruhe bringt und ihm seine spieltechnische Perfektion sogar im Wege steht.

Mit Jarrett wird klar, wie limitiert das Klavier eigentlich ist, ein Klangkompromiss, der den schwingenden musikalischen Raum in 88 Segmente unterteilt, Zwischentöne, Nuancierungen aber nur bedingt anhand von Pedal, Anschlag, Obertonschwebungen etcetera zulässt.

Darüber hinaus wird mit Jarrett deutlich, dass es für den Künstler selbst Grenzen gibt, die er nicht überschreiten kann. Man kann nicht schneller spielen als schnell, rhythmischer als rhythmisch, lyrischer als lyrisch. Aus dieser profunden Verunsicherung heraus lässt sich nachvollziehen, warum Jarrett so penibel auf die Vibrationen achtet, die in einem Raum herrschen. Husten ist für ihn ein Zeichen mangelnder Disziplin, ein Signal, das nicht kommen darf, wenn sich der luzide Augenblick einstellen soll.

Goldenes Handwerk

Nach der Pause folgt das Kontrastprogramm. Jarrett muss sich in der Garderobe entschlossen haben, dass er an diesem Abend nicht auf die endgültige Eingebung warten will. Er erscheint wie umgekehrt, nun machen ihm vereinzelte Huster nichts mehr aus, mit einem Mal kommt all das, worauf sich so viele gefreut haben. Der Pianist präsentiert sein goldenes Handwerk, choralhaft melodische Moll-Meditationen, Köln-Konzert-Artiges (eine ostinat hämmernde, um die Zentren der Tonika und Subdominante kreisende Linke, darüber fließend perlend die rechte Hand).

Es folgt am späten Debussy inspirierte, wogende Motivik, kombiniert mit uhrwerkartig verzahnter, sich über die Kadenzgewohnheiten hinwegsetzender Akkordik, die sonatenhaft die fließenden Harmonieabläufe aufnimmt, zuerst in Choral-ähnliche Form bringt und dann im Pianissimo einer Nocturne-Stimmung ausklingt.

Jubel im Saal, ein entspannter Künstler lässt sich zu vier Zugaben überreden und belohnt das ihm gewogene Publikum, ähnlich wie 2005 in der Carnegie Hall, mit Hits wie "My Song" und "True Blues" oder gibt ihm Hausaufgaben auf, ob sich etwa im Intro der zweiten Zugabe wirklich ein bisschen "Misty" versteckt haben könnte.

Das offene Ende

Am Ende aber blieb so etwas wie Melancholie. Bei aller Brillanz der zweiten Konzerthälfte merkte man Keith Jarrett an, dass er seinem Publikum noch immer nicht traute. Eigentlich hätte er sich nach den Zugaben, als er und die Menschen im Saal so etwas wie Gemeinsamkeit gefunden hatten, sich hinsetzen und von vorne anfangen müssen. Denn da war sie momenthaft zu spüren, diese Inspiration, die über Können und Routine hinausreicht. Aber er ging und überließ die Zuhörer ihren Spekulationen.

Denn als Solo-Künstler und Virtuose ist er doch dem seit zwei Jahrhunderten in der europäischen Konzertmusik umher spukenden Ideal des aus sich selbst heraus schaffenden Originalgenies verhaften. Keith Jarrett ist einer der letzten Romantiker, konsequent bis zum Schluss. Denn die blaue Blume kann niemand finden, sonst wäre sie kein Mythos mehr.

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