• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.10.2007
 

Dylan im Museum

Bob der Malermeister

Ausgerechnet Chemnitz! In der sächsischen Stadt läuft eine weltweit bisher einmalige Ausstellung mit Bildern von Bob Dylan. Ob dessen Werke wirklich gut sind, darf man bezweifeln - den Erfolg der Schau nicht.

Chemnitz gilt nicht unbedingt als ein Ort, mit dem die Welt exklusive Kunstausstellungen verbindet. Andererseits: Der etwas graue Charme der Stadt könnte genau richtig sein, um die Kunstwerke eines Mannes zu würdigen, der selbst in einer eher tristen Umgebung aufwuchs; in Hibbing, einer öden Bergarbeiterstadt im US-Bundesstaat Minnesota, in der Bob Dylan einen Teil seiner Kindheit verbrachte.

Dylan: "Wer so bildhaft und abstrakt mit Sprache arbeitet, der zeichnet vielleicht auch"
AP

Dylan: "Wer so bildhaft und abstrakt mit Sprache arbeitet, der zeichnet vielleicht auch"

In einer weltweit bisher einzigartigen Ausstellung zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz rund 170 Aquarelle und Gouachen aus der Hand von Bob Dylan. Vermutlich hätten Museen auf der ganzen Welt diese Ausstellung gerne gehabt - hätten deren Chefs nur die Idee gehabt, sie zu organisieren. Ingrid Mössinger hatte diese Idee.

Der umtriebigen Museumschefin ist der Dylan-Coup zu verdanken. Mössinger hatte bereits mit Chemnitzer Werkausstellungen von Pablo Picasso, Edvard Munch und Henri de Toulouse-Lautrec für Aufsehen gesorgt; was die Beachtung außerhalb der Kunstwelt angeht, dürfte die Dylan-Schau allerdings ihre bisherigen Erfolge übertreffen.

Seit Samstag strömen die Besucher nun in die Kunstsammlungen. 1100 waren es allein bei der offiziellen Eröffnung, gestern kamen noch einmal 900. "Die Resonanz ist sehr, sehr gut. Man hat den Eindruck, die Leute hätten der Ausstellung regelrecht entgegengefiebert", sagte Pressesprecherin Silke Röhling heute zu SPIEGEL ONLINE. Es sei schön, so Röhling, "auch Leute in der Ausstellung zu sehen, die vielleicht sonst nicht so häufig ins Museum gehen. Das sind echte Fans dabei, die im Bob-Dylan-T-Shirt kommen, das ist wirklich toll".

Der Verlag signalisierte: Dylan ist interessiert

Auf Dylan verfiel Ingrid Mössinger durch Zufall. Bei den Arbeiten an einer anderen Ausstellung, so erzählt sie in der aktuellen Ausgabe des Kunstmagazins "Art", habe sie sich an Dylans berühmtes Video zum "Subterranean Homesick Blues" aus dem Jahr 1965 erinnert. Mit seiner charismatisch nöligen Stimme leiert Dylan den Songtext runter und hält dazu einen Stapel Blätter in der Hand, auf denen Worte des Textes stehen. Dylan zieht jeweils ein Blatt weg, sobald er das Wort aus dem Songtext singt. Mössinger: "Wer so bildhaft und abstrakt mit Sprache arbeitet, der zeichnet vielleicht auch". Das habe ihre Neugier geweckt.

In einer popgeschichtlichen Dylan-Ausstellung in der New Yorker Morgan Library stieß sie schließlich auf ein Bändchen aus dem Jahr 1994: "Drawn Blank", eine Sammlung mit Zeichnungen Dylans aus den Jahren 1989 bis 1992, die Random House veröffentlicht hatte. Wenig später habe sie den Kontakt zu Dylan über den Verlag gesucht. Der signalisierte ihr: Bob Dylan ist an einer Ausstellung interessiert.

Die "Drawn Blank Series", die die Kunstsammlungen nun ausstellen, gehen auf Dylans Schwarzweißzeichnungen aus dem Buch zurück. Dylan hatte seine Skizzen überwiegend mit Bleistift und Kohle in ein Reiseskizzenbuch gezeichnet. Für die Chemnitzer Ausstellung fertigte er eigens jeweils mehrere Varianten dieser älteren Schwarzweißzeichnungen an und versah sie zusätzlich mit Titeln, um den Besuchern Schauplätze und Menschen anschaulich zu machen.

Er zeichne spätestens, so teilte der scheue Dylan dem Magazin "Art" per E-Mail mit, seit er "auf der Grundschule war". In den Siebzigern nahm er Zeichenunterricht, zeigte sich in früheren Bildern vom Kubismus beeinflusst.

Ob das aber aufregende Kunst ist?

Von diesem Einfluss ist in der Chemnitzer "Drawn Blank Series" wenig zu sehen. Die Sujets der Bilder erscheinen ähnlich konventionell wie deren Umsetzung: Porträts, Stillleben, Straßenzüge, Gebäude. Immerhin: Zieht man Dylans Schwarzweißoriginale zum Vergleich heran, gewinnen die neuen Bilder. Einige der verhaltenen, flüchtig wirkenden Skizzen aus den Neunzigern werden zu expressiven Stimmungsbildern.

Die Motive sammelte Dylan in einem Zeitraum von 1989 bis 1992, also zu einer Zeit, als selbst einige seiner devotesten Jünger Dylan für abgeschrieben erklärten; seine 1988 begonnene und im Prinzip bis heute andauernde "Never Ending Tour" startete er mit einigen peinlich lustlosen Konzerten, die viele Fans brüskierten. Wer will, mag in die Bilder Dylans aus diesen Jahren eine melancholische Müdigkeit hineindeuten.

Ob das aber aufregende Kunst ist? Und vor allem: Kunst, für die sich jemand interessierte, hieße der Maler nicht Bob Dylan? Direktorin Mössinger versicherte dem Magazin "Art", Dylan habe "großes Talent" und einen "ganz eigenen Blick". Aber was sollte sie auch anderes sagen?

Chemnitz? - "Ein furchtbar grauer Ort"

Die wahren Dylanologen wird diese Frage ohnehin wenig interessieren. Chemnitz wird bis zum 3. Februar 2008 - so lange ist die Ausstellung geplant - von diesen fanatischen Anhängern Dylans massenhaft besucht werden. Menschen, so formulierte es der Autor Wiglaf Droste einmal, die zu erkennen seien an "rechthaberischer Textexegese und an der verbissenen Lust, einander achtkantig zu exkommunizieren". Einige ausgewiesene Dylanologen, wie etwa Wolfram Ette, gestalten auch das Begleitprogramm der Ausstellung mit: Ette wird in der Vortragsreihe "Bildbeschreibungen eines Songs" sprechen. Immerhin: Der Literaturdozent an der Uni Chemnitz hat es nicht weit zur Ausstellung.

Viele andere Dylanologen nehmen eine weitere Anreise in Kauf: Bei den Kunstsammlungen gingen Anfragen aus aller Welt ein. Und in internationalen Dylan-Foren im Internet wird heftig diskutiert: Was erwartet einen in Chemnitz, abgesehen von der Ausstellung?

Ein Fan aus Nordirland konnte da zumindest den Besuchern der Dylan-Seite www.expectingrain.com helfen. Er habe Chemnitz von einem früheren Besuch in denkbar schlechter Erinnerung behalten: Um elf Uhr nachts habe er verzweifelt nach einer Bar gesucht - erfolglos. Dafür sei er von der Polizei kontrolliert worden. Und bei Tage? Noch schlimmer: "Ein furchtbar grauer Ort."

Fast wie Dylans Stadt der Kindheit, die öde Bergarbeiterstadt Hibbing. Aber die ist ja nun trotzdem zu einer Pilgerstätte für Dylanologen geworden.

tdo

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP