Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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01.12.2007
 

25 Jahre "Thriller"

Ein Treffer voll ins Schwarze

Von Joachim Hentschel

Bis er kam, waren Schwarze nur bedingt salonfähig im Popgeschäft. Mit Michael Jacksons "Thriller"-Album änderte sich alles: Plötzlich war afroamerikanischer Pop farblos im besten Sinne. Die Hommage an eine revolutionäre Platte.

Keine schwarzen Künstler auf MTV! Die Auskunft bekam im Frühjahr 1983 Walter Yetnikoff, Chef der Plattenfirma CBS Records, als der damals noch junge Pop-Fernsehsender das Video "Billy Jean" ablehnte, das Werk seines 24-jährigen Künstlers Michael Jackson.

"Thriller"-Album: Kulturell und finanziell epochal
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"Thriller"-Album: Kulturell und finanziell epochal

Der Rassismus versteckte sich hinter einem Formatanspruch – damals sah sich MTV als Station für das weiße Rockpublikum, für Fans von Police oder Van Halen. Yetnikoff musste angeblich erst drohen, alle Videos der Plattenfirma zurückzuziehen, bis Jacksons nächstes Video "Beat It" dann doch gespielt wurde. Und am Ende zum Imagefilm und Erfolgssymbol des Senders wurde.

Nach all dem, was mit Michael Jackson in den letzten Jahren passiert ist, nach dem Kinderschänderprozess, den Bankrott-Gerüchten und dem sturzartigen Popularitätsverlust, ist es schwer, sich das vorzustellen, aber: Am 1. Dezember 1982, als sein Album "Thriller" herauskam, schlug die Geburtsstunde des postmodernen Megastars.

Keiner sah so aus wie er, keiner klang so wie er, keiner hatte gleichzeitig mehr und trotzdem weniger Eigenschaften. "Ich bin mir selbst nicht sicher, ob er wirklich schwarz ist. Und er sich auch nicht!", soll Yetnikoff zu "Rolling Stone"-Chefredakteur Jann Wenner gesagt haben, als auch der eine Titelgeschichte über Jackson verweigerte. Im Februar 1982 erschien sie dann doch. Überschrift: "Sein Leben als Mann".

Heute, zum 25. Jubiläum, gilt das Album "Thriller" als die weltweit meistverkaufte Schallplatte aller Zeiten. Offizielle Zahlen gibt es nicht – vernünftige Erhebungen rechnen mit 60 Millionen Exemplaren, Jackson selbst sprach im November 2006 von über 100 Millionen. In den USA war das Album seinerzeit 37 Wochen lang auf Platz eins, gewann sieben Grammys, 27 Platinalben. In der US-internen Liste der bestverkauften Platten steht "Thriller" trotzdem nur auf Platz zwei, hinter den "Greatest Hits" der Eagles.


So paradox es klingt: Einen Großteil seines Erfolgs verdankt "Thriller" der Tatsache, dass es so erfolgreich war. Die neun Stücke waren eher hastig aufgenommen worden, in nur vier Monaten. Im Team mit dem Produzenten Quincy Jones hatte Jackson schon 1979 vom Album "Off The Wall" rund zehn Millionen Exemplare verkauft, entsprechend groß war der Druck.

"Billy Jean" – den von Jackson selbst geschriebenen Song über einen weiblichen Fan, der eines Tages an seinem Swimming-Pool auftauchte und ihm eröffnete, er sei der Vater von einem ihrer Kinder – wollte Jones zuerst nicht: Das Intro mit dem mäandernden Basslauf, der peitschenden Elektroniktrommel, den spukigen Synthesizern fand er zu lang, zu wenig radiotauglich. "Aber das ist das Gelee!" soll Jackson gesagt haben, "das bringt mich zum Tanzen!" Danach keine Widerrede mehr.

Tonangebend in allen Disziplinen

"Damit eine Platte so einschlagen kann", erklärte Produzent Jones 2001 in einem Interview, "muss sie in mindestens fünf oder sechs verschiedenen Disziplinen angreifen. Soul, Beat, Balladen, was zum Tanzen, Rock’n’Roll". Für "Beat It" holte man sich Eddie Van Halen, den Gitarristen der immens populären Pop-Metaller Van Halen. Der alte Horrorschauspieler Vincent Price, der gut mit Jones’ Frau Peggy bekannt war, sprach im Studio den gruseligen Monolog zum Titelsong und produzierte mit Jackson einen bizarren Radiospot für die Platte.

"Thriller" verkaufte zeitweise eine Million Stück pro Woche, kurbelte nachweislich die gesamte Musikindustrie derart an, dass 1983 in den USA zur umsatzstärksten Periode seit dem Disco-Jahr 1978 wurde. Als Quincy Jones im März 1984 für eine Jackson-Titelstory der "Time" interviewt wurde, sprach er bewusst im Namen der Black Community: "Michael hat uns endlich auf die Ebene gebracht, wo wir hingehören. Schwarze Musik musste so lange nur die zweite Geige spielen, dabei ist sie der eigentliche Motor des Pop."

Eine überbordende Zeichenwelt ist mit "Thriller" verbunden; in ihr spiegeln sich soziale, ethnische, kulturelle Konflikte. Zu "Billie Jean" tänzelt Jackson mit Fliege, rosa Hemd und Charleston-Schuhen übers Straßenpflaster, in einem Outfit, das an amerikanische Minstrel-Shows erinnert. Im "Beat It"-Clip kommt er in eine nächtliche Lagerhalle und schlichtet hochsymbolisch den Messerkampf zwischen einem schwarzen und einem weißen Bandenführer - am Ende zucken alle im selben Rhythmus.

Klingt nach Beschwichtigung

"Thriller" hat tatsächlich die Barrieren zwischen schwarzen Pop-Künstlern und weißem Publikum geschleift. Die Platte hat Medieninteresse und Kaufkraft auf Musiker wie Prince oder Whitney Houston gelenkt; Funk, Soul und später HipHop konnten endlich zu echten Mainstream-Kräften werden - so lange sie bestimmte Erwartungen erfüllten.

Der Soziologe Benjamin DeMott schrieb 1995, dass die Annäherung zwischen schwarzer und weißer Popkultur in den achtziger Jahren auch eine Dimension hatte, die der Reagan-Regierung in Amerika äußerst gelegen kam: weil diese Annäherung eben auch Schuldgefühle auslöschte, den Blick auf die tatsächliche Ungleichheit im gesellschaftlichen Alltag verstellte. "Thriller" war auch die Illusion, dass der Kampf vorbei war, dass längst alles gut und gerecht zuging im Umgang zwischen den Communities. Umso aggressiver meldeten sich bald die HipHopper aus Compton und der Bronx zu Wort. Viele von ihnen verachteten Michael Jackson.

Heute scheint er wieder satisfaktionsfähig. Kürzlich erklärte sein Anwalt der Presse, Jackson arbeite derzeit mit den Top-Produzenten Kanye West und Will.i.am an einer aktualisierten Version von "Thriller", die 2008 erscheinen soll. Drohung oder Glücksversprechen? Man darf gespannt sein, ob der farblose Prince of Pop noch einmal Farbe bekennt.

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