Aus London berichtet Christoph Dallach
Vor der O2-Arena am Stadtrand von London schwebte gestern ein kleiner Gummi-Zeppelin, vor dem sich glückliche Menschen reihenweise mit ihren Handys fotografieren ließen. Überwiegend Männer hatten die Reise aus mehr als 50 Ländern in die Docklands angetreten, alle fühlten sich wie Könige, weil sie überhaupt ein Ticket abbekommen hatten. Es hätte wohl Elvis vom Himmel herabsteigen müssen, um für mehr Wirbel im Pop-Universum zu sorgen, als es dieses Spektakel der britischen Rock-Titanen Led Zeppelin tat.
Seitdem sich die Gerüchte bestätigt hatten, dass die Band nach zwei Jahrzehnten noch mal gemeinsam lärmen würde, überschlugen sich die vorab gemeldeten Superlative: Um die mittels Lotterie unters Volk gebrachten Tickets sollen sich angeblich 20 Millionen Verehrer beworben haben. Kein Wunder, dass der eBay-Kurs der ursprünglich 125 Pfund (rund 175 Euro) teuren Karten bald einige Tausend Euro betrug.
Dazu kamen die Gerüchte: Wie lange würden die betagten Rocker überhaupt auf der Bühne stehen? 20 Minuten oder doch - wie einst zu ihren Glanzzeiten in den Siebzigern - dreieinhalb Stunden? Und wer würde kommen außer sentimentalen, mittelalten Männern mit Haarkranz, Bierbauch und T-Shirt? Angekündigt waren immerhin Madonna, Paul und Stella McCartney und - unvermeidlich - Kate Moss.
Aber die große Frage blieb doch, ob drei ergraute Knaben im Rentenalter und der glatzköpfige Sohn ihres toten Schlagzeugers dem ganzen Bohei gerecht werden konnten. Diese Gang, die auch dafür legendär war, zu ihren Glanzzeiten in den Siebzigern die Puppen tanzen zu lassen wie keine Band vor ihnen und kaum eine danach; die sich angeblich mit Scharen junger Damen vergnügte, Hotelsuiten am laufenden Band zertrümmerte und überhaupt die Mächte der Finsternis anbetete.
Und von denen nun berichtet wurde, dass sie sich mit Pilates frisch halten, ins Sonnenstudio gehen und für ihre Garderoben in der O2-Arena nicht Champagner und Koks sondern Pfefferminztee und Kaffee ohne Koffein geordert haben. Dass sich Jimmy Page, den nicht wenige für einen der besten Gitarristen der Rockmusik überhaupt halten, bei den Proben einen Finger brach, war auch kein gutes Omen.
Magie der ganz großen Wucht
Majestätisch ließen sie gut zwei Stunden lang die gruselige Mehrzweckhalle erbeben. Spielten all ihre Klassiker wie "Black Dog", "Whole Lotta Love" und natürlich "Stairway To Heaven". Und es war egal, dass Robert Plant die hohen Töne mit den Jahren abhanden gekommen sind und John Bonhams Sohn Jason nicht ganz die brachiale Kraft des Seniors geerbt hat.
Was die alten Knaben noch immer beherrschen, ist die Magie der ganz großen Wucht, eine Kraft, die ihnen manchmal die Melodie ersetzte, aber bis heute zu Recht noch nachgewachsene Generationen beeindruckt. Auch auf die großen Gesten verstehen sie sich noch wie kaum einer ihrer Konkurrenten, damals wie heute. So wirkt es nicht mal peinlich, wenn Jimmy Page bei "Dazed And Confused" entrückt in einer Pyramide aus grünen Laser-Strahlen seine Gitarre virtuos bearbeitet. Es schien durchaus Euphorie auf der Bühne zu herrschen und die größte Kunst der Musiker bestand eben darin, das Spektakel nicht zu einer öden Nostalgie-Show verkommen zu lassen, sondern energisch zu klingen.
Goldenes Zeitalter der Musik
Immerhin: Sie waren hier zusammengekommen, um ihren alten Mentor Ahmet Ertegun zu ehren, einen König der Musikindustrie, der einst die Plattenfirma Atlantic gründete und im vergangenen Jahr starb. Und so verabschiedeten Led Zeppelin in der vergangenen Nacht eben auch ein goldenes Zeitalter der Musik. Die Sechziger und insbesondere die Siebziger, als sie noch keinen Tee tranken, keine Falten hatten und das Internet noch nicht die Umsätze fraß. Warum der Mythos von Led Zeppelin bis ins neue Jahrtausend Bestand hat, wurde gestern nachdrücklich klar. Nach zwei gloriosen Stunden blieb nur die Frage, ob das nun ein Finale oder ein Neuanfang war. Ob sich die Gerüchte einer Welttournee bestätigen, oder nun alles beerdigt ist.
Zumindest Jimmy Page ließ nach der Show verkünden, dass er und sein Finger erstmal einen Urlaub brauchen.
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