Von Thomas Winkler
Blässlich blau ist es und ziemlich abgewetzt. Die Brusttaschen sind seltsam geschwungen, wie es sich für ein Cowboy-Hemd gehört, die Nähte doppelt abgesetzt. Gefertigt wurde es von Levi's in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, vermutlich um einen Hillbilly zu zieren. Kurz: Das Hemd ist ein Original. Ganz im Gegensatz zu seinem Träger.
Philippe Cohen-Solal mag dieses Hemd in San Francisco aus geschätzter achter bis neunter Hand gekauft haben und wenn er es trägt, dann mag er ein bisschen aussehen wie ein echter amerikanischer Kuhtreiber. Er mag mit "The Moonshine Sessions" sogar eine geradezu klassische Country-Platte aufgenommen haben und zu den Aufnahmen extra nach Nashville, Tennessee, gereist sein.
Aber Philippe Cohen-Solal ist erst einmal Franzose, geboren und aufgewachsen in Paris, er beantwortet Fragen in einem Berliner Hotelzimmer in einem niedlich französisch gefärbten Englisch, und neben den auf dem Tisch verstreuten Noten von Hank-Williams-Songs liegt ein Apple-Notebook. Philippe Cohen-Solal ist also, wenn man so möchte, ein Blender.
Trotzdem ist "The Moonshine Sessions" eine wundervolle Platte geworden. Oder womöglich gerade deswegen. "Ich nehme mir meine Freiheiten", sagt er. Und zu diesen Freiheiten gehört es, dass Solal die Klischees des Country völlig ungehemmt zitiert. Ein Song heißt nun "The Road To Nowhere", durch ein anderes Lied schleicht der "cool hearted killer" und der Erzähler weiß: "You are always alone with your pain". Zu solchen Weisheiten jammert die Fiedel, meckert die Mundharmonika und klagt die Steel Guitar.
Liebenswertes Postkarten-Amerika
Mit dieser unbedarften, fast schon systematisch naiven Herangehensweise, die auf einer großen Verehrung beruht, verschafft Solal dem guten alten Blues des weißen Mannes wieder eine Unschuld, die der lange schon verloren hatte. Und die es sogar verkraftet, wenn er sie auf den alten Abba-Gassenhauer "Dancing Queen" und den Sex-Pistols-Kracher "Pretty Vacant" anwendet. Fast scheint es, als blicke der Franzose stellvertretend für uns Europäer auf ein liebenswertes Postkarten-Amerika, dessen Erscheinung sich aus der Ferne betrachtet noch zusätzlich verklärt. Es ist, als würde er einen touristischen Blick vertonen. "Country öffnet den Kopf für die Weite Amerikas", sagt Solal.
"Ich hatte nie erwartet, dass ich mich acht Jahre lang mit Tango beschäftigen würde", erinnert er sich, "ich dachte, das dauert ein paar Monate". Doch der Erfolg beschäftigte das Trio so lange, bis Solal die Dance-Szene zunehmend fremd wurde und er entdeckte, dass "ich etwas habe gegen die Diktatur des Beats, gegen die Diktatur des Digitalen". Stattdessen entdeckte er Country und belegte am Maryland College in Knoxville, Tennessee, einen Bluegrass-Kurs.
Die Idee, eine Country-Platte aufzunehmen, war geboren. Und als er Buddy Baxter, der jahrelang mit Bob Dylan auf Tour war, kennen lernte, nahm diese Idee Gestalt an. In Baxters 3 Trees Studio außerhalb von Nashville wurde aufgenommen und einiges an illegal gebrannten Bourbon, so genannter Moonshine-Whiskey, getrunken. "Das Zeug ist viel stärker als gewöhnlicher Whiskey", erzählt Solal, "man kann Halluzinationen davon bekommen".
Gegen süßliche Massenware aus Nashville
Der Alkohol gab der Platte ihren Namen, aber den unvergleichlich entspannten, souveränen Klang hat "The Moonshine Sessions" eher den vielen lang gedienten Studio-Musikern zu verdanken, die sich die Klinke in die Hand gaben. Schnell hatte sich in der Country-Metropole herum gesprochen, dass da dieser verrückte Franzose eine Platte aufnahm und jeder eingeladen war. "Die wollten unbedingt dabei sein, alle liebten das Projekt", so Solal, "denn normalerweise müssen sie Mainstream-Country aufnehmen und der ist doch fürchterlich."
Der Versuchung, dem Country dieselbe Modernisierung wie dereinst dem Tango angedeihen zu lassen, widerstand Solal allerdings. Es wäre zu einfach gewesen, ein paar Country-Klänge zu sampeln und schicke Beats darunter zu programmieren. Tango habe zurück auf die Tanzflächen gebracht werden müssen, sagt er, an Country dagegen hat ihn eher die ländliche Anmutung interessiert: "Ich wollte nicht urban klingen. Man sollte den Wald hören, man sollte das Grass schmecken können."
Das ist ihm zweifellos gelungen. Nun fehlt Solal zu seinem Glück nur noch, dass "The Moonshine Sessions" auch in den USA veröffentlicht werden möge. Denn er vermutet auch dort einen Markt für seinen wahrhaftigen Country, den er in Stellung bringt gegen die süßliche Massenware aus Nashville. In erster Linie aber richtet sich auch dieses Projekt – wie schon die Renovierung des Tango - nicht an ein traditionelles Publikum oder lang gediente Fans von Johnny Cash, sondern eher an moderne Großstadtmenschen in Europa.
"Ich will die überzeugen, die eigentlich keinen Country mögen", ereifert sich der selbsternannte Anwalt verkannter Stilrichtungen, "die sollen merken, dass es großartige Musik ist". Selten wohl klang missionarischer Eifer so gut.
Solal: "The Moonshine Sessions", Ya Basta/ Universal
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