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18.12.2007
 

Abgehört 2007

Die wichtigsten CDs des Jahres

Wir lieben Rituale! Was wäre das Jahresende ohne Glühwein, Weihnachtsgans und Meinungsverschiedenheiten im trauten Familienkreis? Letztere heizen wir jetzt schon mal an: Jan Wigger und Andreas Borcholte haben die definitiv wichtigsten CDs des Jahres ermittelt.

Arcade Fire – "Neon Bible"
(City Slang/Universal)

Die Welt, ein Gottesdienst. So einfach machten es sich einige jener Menschen, die mit der Transzendenz, der Strahlkraft und der Magie von "Neon Bible" nichts anfangen konnten und meist auf das eine, übrigens unfassbar großartige Stück "Intervention" verwiesen, in dem Arcade Fire zufällig eine Kirchenorgel benutzen. Mit "Keep The Car Running", "The Well And The Lighthouse", "Black Wave/ Bad Vibrations" oder der offensichtlichen Springsteen-Hommage "(Antichrist Television Blues)" löste Montréals ganzer Stolz die Versprechen des Jetzt-schon-Klassikers "Funeral" ein. Am Schluss die seufzende, allumfassende Weltanklage "My Body Is A Cage": "I'm living in an age/ That screams my name at night/ But when I get to the doorway/ There's no one in sight." Vom Segen, die derzeit beste Live-Band dieses Planetens in voller Besetzung auf der Bühne sehen zu können, ganz zu schweigen. Die höchsten Erwartungen sind angebracht: Um mit dem dritten Album doch noch zu Coldplay oder U2 zu werden, sind Arcade Fire ungefähr einhundert mal zu schlau. Jan Wigger

Kings of Leon – "Because of the Times"
(RCA/Sony BMG)

Die Kings of Leon haben auch mit ihrem dritten Album ein Ehrfurcht gebietendes Werk vorgelegt, das mit den Fieberträumen Robert Johnsons so viel zu tun hat wie mit den leichtsinnigen Rock’n’Roll-Phantasien eines Jerry Lee Lewis oder den psychedelischen Gefühls-Schürfungen von Jimi Hendrix. Nach keinem dieser drei Beispiele klingt "Because of the Times", aber sie eröffnet ebenso viele Türen (und Falltüren) in unbekannte, finstere Räume amerikanischer Seelen wie der Blues und der Rock und das Riff vergangener Legenden. Die vier Followill-Brüder aus Tennessee haben längst ihren eigenen Sound geschaffen, und er hört sich an, als würde man die sauberen Sonntagspredigten Jerry Falwells rückwärts abspielen, damit sie ihre moralische Bigotterie enthüllen.

Es ist viel Spiritualität auf der Platte, es geht um Gespräche mit Jesus, um Wege, die eingeschlagen werden, Leidenswege oft, "dark paths" wie in der morbiden Ballade "True Love Way". Wege, die meistens "on down the road" enden, wie im Serienmörder-Wahnsinn von "Trunk". Mythen und Männersachen werden hier zelebriert und karikiert: Das coole Girl im schwarzen Camaro, das billige Hurenhaus in "Arizona", wo man sich "too drunk to remember" das Blut von der letzten Schlägerei aus dem Gesicht wischt. Die Kings of Leon sind Farmjungs und ihre Musik ein elektrisch verstärktes Abbild der alltäglichen Hölle auf dem Lande: Tödliche Langeweile, nichts als Saufen und Sex im Kopf, jeder kurze Rock, jeder "Charmer" eine potentielle Vergewaltigung. Ein unheimliches, tiefschwarzes Meisterwerk ist den bärtigen Hillbillys da gelungen, so handgemacht, dass an jedem vibrierendem Gitarrenakkord ein Brocken feuchter Muttererde bebt. Andreas Borcholte

Maxïmo Park - "Our Earthly Pleasures" (Warp/Rough Trade)

Die neben Pete Dohertys Babyshambles einzige britische Band, die Schärfe und Niveau ihres Debüts halten konnte. Mit großer Leichtigkeit und Schmiss spielen sich Maxïmo Park auf "Our Earthly Pleasures" durch die Musik- und Kunstgeschichte, vermischen virtuos Philip Larkin, F. Scott Fitzgerald, Johnny Marr, russische Literatur und den traurigen Pariser Himmel. Mit "Books From Boxes", "Karaoke Plays" und "A Fortnight's Time" spielt die Gruppe aus Newcastle bereits sämtliche Stärken aus, doch "By The Monument" bleibt - auch musikalisch - der überwältigendste Song: Wenn der Protagonist beim Denkmal auf den Regen und das Mädchen, das nie mehr zurück kommen wird, wartet, fühlt man sich augenblicklich an den Polizisten aus Wong Kar-Wais "Days Of Being Wild" erinnert, der jeden Tag um Mitternacht an der Telefonzelle vergeblich auf einen ganz bestimmten Anruf hofft. "No more late night calls/ Where teardrops fall." So ist das Leben. Jan Wigger

Battles – "Mirrored"
(Warp/Rough Trade)

Kennen Sie die Szene in Alfonso Cuaróns phantastischen Film "Children of Men", in der Michael Caine dem verdutzten Clive Owen die Rockmusik der Zukunft vorspielt? Ohrenbetäubende Kakophonie mit enervierenden Schreien direkt aus der Folterkammer. Man muss ja aber nicht immer gleich so schwarz sehen. Battles, ein Musikerkollektiv aus Brooklyn, zu dem ehemalige Mitglieder von Avantgarde-Rockbands wie Helmet und Lynx gehören, hat in diesem Jahr ein Debüt-Album vorgelegt, das nach Zukunft klingt ohne sich allzu schmerzhafter Dystopie hinzugeben. Geradezu fröhlich klingt es, wenn in "Tonto" ein nur der Klangfarbe dienendes Micky-Maus-Jodeln auf dem gummiartig hin und her springendem Beat tanzt. Doch die Leichtigkeit ist nur gespielt. Davon ausgehend, dass die Zukunft digital ist, führen Battles das Genre des sogenannten Mathrocks an seine Grenzen: Jeder Akkord, jede Synkope, jedes Schlagzeug-Loop folgt scheinbar einer mathematisch ausgetüftelten Formel, jede übereinandergelagerte Sound-Schicht gehört zu einem festen Muster, dass sich wie ein Prisma in immer neuen Farben und Facetten zeigt, je öfter man die Platte hört. Das alles nicht angestrengt und gekünstelt, sondern wie eine luftige, manchmal absurd anmutende Synthese aus Rock, Elektronik und Jazz klingen zu lassen, darin besteht die Kunst von Battles. Wenn der Begriff nicht so belegt wäre, könnte man das glatt progressiv nennen. Das gefälligere (und nicht viel schlechtere) Album aus diesem Genre kommt natürlich in diesem Jahr von LCD Soundsystem. Andreas Borcholte

The Good, The Bad & The Queen – "The Good, The Bad & The Queen"
(Parlophone/EMI)

Die meistgehörte, vielleicht auch meistgeliebte Platte des Jahres 2007. Bei jedem einzelnen nochmaligen Gegenvergleich wird klarer, wie geschmackvoll, tiefsinnig und in höchstem Maße angenehm diese Platte von Damon Albarn (Blur), Paul Simonon (Ex-Clash), Simon Tong (Ex-Verve) und Tony Allen (Ex-Fela Kuti) doch ist. Zu jederzeit stimmigem Instrumentarium singt Albarn herzerweichend vom Großbritannien der letzten fünf, zehn, womöglich auch fünfzig Jahre, von fallenden Herbstblättern, grünen Feldern und den Dingen, die ausschließlich im Traum sichtbar werden. Auf "The Good, The Bad & The Queen" ist exakt die Musik, die man noch machen kann, wenn man, wie Albarn, fast 40 ist, eine Engelsstimme hat und mit dem besten Blur-Album "13" pünktlich zum Ende des letzten Jahrtausends den Brit-Pop ermordet hat. Ein raffinierter, ganz und gar unspektakulärer Wohlklang, hier sitzt jeder Ton an der richtigen Stelle. Und mit "The Bunting Song", "The Northern Whale" oder "Nature Springs" gibt es ein paar der bisher tröstlichsten Albarn-Stücke. Unser allerliebster Schnösel, hands down. Jan Wigger

Das war's schon? Keineswegs! Lesen Sie Teil zwei der "wichtigsten CDs des Jahres" am kommenden Dienstag bei SPIEGEL ONLINE!


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

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