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11.02.2008
 

Berliner Rap-Legende

Der Boss verlässt den Bunker

Von Johannes Gernert

Wer heute über derbe Reime schimpft, kann sich bei Marcus Staiger bedanken: Der Chef des legendären Royal-Bunker-Labels hat den Berliner Gangsta Rap gefördert wie kein zweiter. Jetzt streicht der harte Junge des HipHop die Segel. Sein Engagement wird der Szene fehlen.

Es war eigentlich keine besonders witzige Veranstaltung. Auf einem Popkomm-Podium diskutierten Musiker, Produzenten und Kritiker über Sexismus und Rassismus im deutschen HipHop. Alle waren sich einig: Schwarze werden viel zu oft als "Neger" diskriminiert, Frauen als "Fotzen" herabgewürdigt. Entsprechend ernst schauten die Diskutanten drein.


Nur am Rand des Podiums saß ein ganz leicht ergrauter Mittdreißiger, in weiten Hosen und Jogging-Pulli, der häufiger vor sich hin kicherte und extrem gelöst wirkte. Wenn davon die Rede war, dass dem deutschen Rap die Ironie abhanden gekommen ist, rief er manchmal einfach nur "K.I.Z." in die Runde, wie ein übermütiger Schuljunge. Es war Marcus Staigers Antwort auf das düstere Stimmungsbild.

Die Rap-Formation K.I.Z. war knapp zwei Wochen vorher mit ihren wortwitzigen, porno-pubertären Punchlines in die Top-Ten der deutschen Album-Charts eingestiegen. Das HipHop-Feuilleton feierte die vier Kreuzberger. Deshalb konnte Staiger so ausgeglichen vor sich hin grinsen. K.I.Z. waren bei seinem Label Royal Bunker erschienen. Ihr Erfolg war auch seiner. Sein letzter als Präsident des Royal Bunker, wie er jetzt verkündet hat. Denn die legendäre Kaderschmiede des harten Deutschraps macht dicht.

"Wir haben Rap in Deutschland verändert, immer wieder", stellt Staiger zum Abschluss gewohnt selbstbewusst fest. Er hat gar nicht so unrecht. Sido, Kool Savas, B-Tight, Eko Fresh: All diese extrem expliziten deutschen Rapper, die heute ihre Platten über andere Firmen vertreiben, hatten einmal das dicke RB-Logo auf ihren Tapes kleben.


Die genitalfixierte Berliner Kultur des Battelns, des Sich-mit-Reimen-Bekämpfens, ist im Royal Bunker gewachsen, als der noch gar kein Label, sondern ein Kreuzberger Kellercafé war. Damals, Ende der Neunziger, vertonten in Stuttgart ein paar Rap-Freunde die schönsten Widerstandsstorys aus dem Geschichts-LK. In Hamburg hüpften dagegen die HipHop-Clowns der Fun-Fraktion über die Bühne.

In Berlin betrachtete man das alles mit Skepsis und schaute zur Inspiration lieber in die USA. Das goldkettenschwere Gangstergehabe war faszinierend und lächerlich zugleich. Auf der kleinen Bunkerbühne entwickelten einige Nachwuchs-MCs unter hochfrequenter Verwendung der Worte "Schwanz", "Arsch", "Ficken", "Fotze" einen Sprachcode, der genau dieses Gefühl ausdrückte. Sie sponnen aus ihren übersexualisierten Angeberposen immer absurdere Bilder.

Den Humor, findet Staiger, haben einige bis heute behalten. "Die Leute haben die bösartigsten Witze gemacht - aber auch über sich selbst", sagt er. "Bei Sido merkt man es sehr, dass wir die gleiche Rap-Grundschule besucht haben." Sie haben im Bunker beide gelernt, dass Selbstironie eine Waffe sein kann. "Ich bin unbattlebar", sagt deshalb auch Staiger. Soll Sido ihn eine Schlange nennen, sollen ihm die Leute Vorwürfe machen: "Es berührt mich nicht." Derart cool bleiben, das ist für ihn eine echte HipHop-Haltung.

Staiger war im Royal-Bunker-Café der Antreiber, der die Plattenspieler anschleppte und die Leute aufforderte, neue Texte zu schreiben. "Ein abgedrehter Typ, der versucht andere zu motivieren", sagt Kool Savas. Einer, dessen schwäbischen Akzent er zunächst sehr seltsam fand. Als Staiger, damals Moderator beim Uni-Radio, einen Großteil der jungen Berliner Rap-Szene zu einer Performance ins winzige Hörfunkstudio einlud, war dessen Enthusiasmus einfach überzeugend.

Schön billig, genial brutal

Weil es am billigsten war, kopierten die MCs ihre roh über den Beat gerappten Tracks auf Kassetten. Dazu verbreitete der Royal Bunker derbe Sprüche. Erklärtes Ziel: die Musikindustrie "von unten in den Arsch ficken". Mit ihrem ersten Album stieg die Formation Masters of Rap (MOR), bei der auch Savas mitrappte, tatsächlich in die Charts ein und hielt sich dort wochenlang. Da war Staiger, der Schwabe, längst allein fürs Business zuständig. Den anfänglichen Alleinvertretungsanspruch für den Berliner Battle-Rap verlor der Bunker allerdings schnell.

Savas machte sein eigenes Optik-Label auf. Sido und B-Tight wechselten zum neu gegründeten AggroBerlin. Es gab einigen Stress, Diss-Tracks, Schlägereien. Staiger fing "fürs persönliche Sicherheitsgefühl" mit dem Kampfsporttraining an. Er versuchte, den Humor aus den Anfangstagen im Bunker zu bewahren und auch diesen Multi-Kulti-Mix, der quer durch alle Schichten ging. Da rappten Volljuristen neben jungen Migranten ohne Hauptschulabschluss.

Während Sido jedoch immer erfolgreicher wurde, verkauften die Bunker-Künstler oft nur wenige tausend Platten. Staiger sagt, dass ihn das nie geärgert hat. Er sei ein Typ, der sich von der öffentlichen Anerkennung ernähren kann. Das Publikum, die Party danach: alles wichtiger als Geld. Als bei seinem Label beides immer knapper wurde, der Verwaltungskram aber zunahm, begann ihn das zu nerven.

K.I.Z. waren seine Chance, erhobenen Hauptes auszusteigen. Er tat dafür etwas, was er vorher als unbeugsame Untergrund-Plattenboss immer verweigert hatte. Royal Bunker kooperierte mit einem Major Label, mit Universal.

Der Plan ging auf: K.I.Z. brachten frischen Humor ins Rap-Rotlichtmilieu und Geld in die Bunker-Kasse. Während er das Label "betriebswirtschaftlich abwickelt", wird Staiger ihre zweite Platte betreuen. Vor der endgültigen Demission bringt er dann noch ein Album mit den Bunker-Hits heraus. Vielleicht gibt es auch ein Abschlusskonzert.

Da könnten sie alle gemeinsam auftreten: Sido, Savas, B-Tight und K.I.Z.

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