Von Hans Hielscher
Jazz passt offenbar zu Mord und Verbrechen: Für seinen Film "Fahrstuhl zum Schafott" (1957) bestellte Louis Malle die Musik bei Miles Davis; Otto Preminger ließ Duke Ellington den Soundtrack für sein Meisterwerk "Anatomie eines Mordes" schreiben (1959). Diese beiden - vielleicht bekanntesten - Beispiele für Jazz als begleitende Musik bestätigen, was der Komponist Bob Belden in der Broschüre zu seinem Album "Three Days Of Rain" schreibt: In der Geschichte der Filmmusik sei Jazz über eine lange Zeit immer dann eingesetzt worden, wenn unheilvolle Handlungen und dunkle Stimmungen untermalt werden sollten.
Dass es inzwischen auch anders geht, zeigt Beldens jüngste Produktion. Sein Soundtrack für den Film "Three Days Of Rain" klingt nicht aufschreckend-drohend, sondern überwiegend melodisch - passend zum melancholischen Werk des Regisseurs Michael Meredith, das auf sechs Kurzgeschichten von Anton Tschechow basiert und im regnerischen Cleveland, Ohio, unserer Tage spielt. Belden komponierte einen reinen Jazztrack, den Spitzenmusiker wie Joe Lovano (Tenorsaxofon und Klarinette) und Al Street (Gitarre) hinreißend darbieten. Wann "Three Days Of Rain" (mit Peter Falk in der Hauptrolle) in Deutschlands Kinos kommt, steht noch nicht fest. Doch ist die Musik auch ohne bewegte Bilder ein Hörerlebnis. Eine Empfehlung für Jazzfans.
Bob Belden, der auch als Saxofonist zu den besten gehört, hat Soundtracks für mehr als 40 Kino- und TV-Filme geschrieben. Solche Musik zu komponieren, erfordert besondere Fähigkeiten. Denn ein Soundtrack soll die Handlung unterstützen und unter die Haut gehen, ohne das Publikum zuzudröhnen. Das Genre der Musik spielt dabei keine Rolle. Jazz, so ist dem Nachschlagwerk "Halliwell"s Film Guide" zu entnehmen, wurde in etwa 4000 Filmen als Musik verwendet, einschließlich Dokumentarfilmen. Ein Beispiel dafür ist der Soundtrack, den der Trompeter Terence Blanchard für Spike Lee's "When The Levee Broke" komponierte. In dem Dokumentarstreifen über die Flutkatastrophe nach dem Hurrikan Katrina spielte Blanchard - wegen des schmalen Budgets - nur mit seinem Quintett. Doch anschließend erweiterte er seine Arrangements für ein 40-köpfiges Symphonie-Orchester und brachte das Album "A Tale Of God"s Will (A Requiem For Katrina)" heraus; es wurde eine der erfolgreichsten Jazzplatten des Jahres 2007.
In "My Blueberry Nights" erleben wir die Plattenmillionärin Norah Jones zum ersten Mal als Schauspielerin. Nicht schlecht, finden die meisten. Der Kritiker der "Neuen Züricher Zeitung" spricht freilich für viele, wenn er in dem Film "oberflächliche Softie's Welt-Sentenzen" moniert. Dann aber lobt er die Musik, denn "glücklicherweise vermag der kraftvolle Soundtrack diese Schwachstellen zu überbrücken". Norah Jones, die in ihrem Hauptberuf als Vokalistin und Pianistin auf den Leinwand nicht zu sehen ist, singt das jazzige Stück "The Story" in Trio-Begleitung mit bouncendem Bass. Cassandra Wilson, Cat Power, Ruth Brown, Ry Cooder und andere untermalen mit romantischen Klängen die Liebesgeschichte, die mit einem Blaubeerkuchen in einem verwunschenen Coffee Shop in New York beginnt.
Bob Belden: "Three Days Of Rain" (Sunnyside/Rough Trade);
Various Artists: "My Blueberry Nights" (Blue Note);
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Pop | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH