Von Jan Wigger
Noch bevor das Interview beginnt, rechtfertigt sich die Band für ihren Namen, der sogar dann etwas lahm ist, wenn man grundsätzlich alles, was mit Blutdurst, Vampirismus und Dämonen zu tun hat, erst einmal toll findet. "Vor ein paar Jahren habe ich damit begonnen, mit ein paar Freunden und einer Videokamera einen Vampirfilm in New Jersey zu drehen, der 'Vampire Weekend' hieß und von Joel Schumachers "The Lost Boys" inspiriert war. Aber ich habe ihn nie beendet", sagt Sänger und Gitarrist Ezra Koenig. "Als dann gleich der erste Vampire-Weekend-Song, den wir schrieben, auf einem Charakter dieses Films basierte und wir wegen eines Auftritts gebeten wurden, uns doch bitte einen Namen auszudenken, sind wir einfach dabei geblieben."
Eine Marginalie, wenn man bedenkt, was es sonst noch über diese Gruppe zu erzählen gäbe. Wer es nämlich ganz genau wissen wollte, wer wirklich hinterher war und brav all die Schnipsel einsammelte, die dieses Quartett in den vergangenen Monaten in der Fachpresse hinterließ, der konnte dem Zauberwort, auf das sich scheinbar alle geeinigt hatten, nirgendwo entkommen: "Graceland". An Paul Simons berühmtes Südafrika-Album aus dem Jahr 1986 sollen Vampire Weekend also erinnern und das ergibt zumindest dann einen Sinn, wenn man sich die Songs "Cape Cod Kwassa Kwassa", "The Kids Don't Stand A Chance" und "M79" (eine Manhatten-Buslinie, kein Maschinengewehr) anhört.
Aber ziehen wir es lieber mal von der anderen Seite auf: Die afrikanischen Platten, ob nun polyrhythmisch oder nicht, die Simon zu "Graceland" und zuvor schon die Talking Heads zu "Remain In Light" (1980) inspiriert haben, dürften auch irgendwo in den New Yorker Wohnungen von Koenig, Rostam Batmanglij, Chris Baio und Christopher Tomson herumliegen. Von kongolesischen Künstlern und madagassischen Einflüssen, von S.E. Rogie aus Sierra Leone, dem Orchestra Baghdad aus dem Senegal und der fürs Verständnis dieser Band wesentliche Kompilation "The Indestructible Beat Of Soweto" erzählt der graduierte Literaturstudent Koenig, 23, dann auch beim Interview.
Worum es in den Texten geht? Keine Ahnung!
So töricht, auf dem dieser Tage erscheinenden Debüt-Album auch Schlitztrommel und Balafon zu integrieren, war man natürlich nicht: Stücke wie das lässige "Oxford Comma" oder "I Stand Corrected" bewegen sich durchaus im Gitarren-Schluffi-Rahmen und könnten auch von den Strokes stammen - das auf die allerschönste Art und Weise beginnende "Mansard Roof" oder "One (Blake's Got A New Face)" dagegen nicht. Auch würde Strokes-Sänger Julian Casablancas keine so vieldeutigen Zeilen wie "But this feels so unnatural/ Peter Gabriel too" dichten oder spielerisch geheime Botschaften aus der Dachtraufe mit dem Falkland-Krieg verbinden.
Worum es in den Texten von Vampire Weekend sonst noch gehen könnte, weiß man manchmal nicht so genau. "Ich denke, es ist wichtig für eine Band, ein Geheimnis zu bewahren und das gilt nicht nur für Musik, sondern für alles andere auch. Zum Beispiel hatte ich mir immer ein ganz bestimmtes London imaginiert. Aber je öfter ich nun nach London komme, desto mehr von dieser Traumwelt fällt zusammen. Weil ich es nun eben schon kenne." Lebte John Lennon noch, würde Koenig nicht wissen wollen, ob er privat ein Arschloch ist - "erstens würde es mit meiner Vorstellung von ihm kollidieren, zweitens würde ich seine Platten ohnehin auch in Zukunft weiter hören, unabhängig davon, was man sich über ihn erzählt".
Beängstigend gute Dylan-Imitation
Es ist verwunderlich, dass Ezra Koenig, auf einem Sofa sitzend und einen Flaschenöffner unablässig um den Zeigefinger drehend, in echt kaum so aussieht wie auf den Bandfotos: Würde man ihm Kajal und Eyeliner geben, könnte er auch bei den Mainstream-Rockern von My Chemical Romance singen, statt in einer der derzeit höchstgehandelten Indie-Bands New Yorks. Koenig ist mit den eher seltsamen Eklektizisten und Tüftlern von Bands wie Yacht oder Ra Ra Riot befreundet, er interessiert sich für das koloniale und postkoloniale England - und imitiert Bob Dylan im Interview so beängstigend gut, dass man meinen könnte, im Nebenzimmer liefe gerade eine DVD der Dylan-Doku "No Direction Home".
Talking-Heads-Kopf David Byrne ist bereits ein großer Fan von Vampire Weekend. "Und Tobey Maguire war bei unserer Show in L.A.. Spiderman!", staunt Koenig und findet es bewundernswert, dass Leute wie Byrne oder David Bowie "sich immer noch so stark dafür interessieren, was jüngere Bands und Künstler machen. Und ich bin mir auch sicher, dass Bob Dylan das tut, auch wenn es immer so wirkt, als würde er nur uralte Blues-und Swing-Musik hören." Schließlich singe Dylan ja auch über Alicia Keys, und in den "Chronicles", erklärt Koenig, "gibt es diese eine Stelle, wo er beschreibt, wie er mit Daniel Lanois durch New Orleans läuft und die Musik aus den Autolautsprechern sofort als Paula Abdul identifiziert. Als man ihn einmal fragte, was er gerade so liest, sagte er: 'Richard III.' Ist das nicht großartig!?"
Dieser kleine Exkurs erspart uns vielleicht den Hinweis, dass die "Johanna" aus dem Ska-Song "A-Punk" nicht nur die Mitbewohnerin von Ezra Koenigs Ex-Freundin war, sondern selbstverständlich auch auf Dylans "Blonde On Blonde" zu finden ist. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Vampire Weekend nicht zu den ersten großen Versprechungen des Jahres gehören.
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