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27.02.2008
 

Körperkult im HipHop

Wo die Musik muskelspielt

Von Thomas Winkler

In ihren Texten feiern sie den kriegerischen Körper, und sie sehen selber auch so aus: HipHop-Stars machen physisch mobil wie nie zuvor. Ihre Aufrüstung mittels Bodybuilding und Doping hat schwerwiegende Folgen.

Erst vor kurzem gerieten Rapper auf beiden Seiten des Atlantiks mal wieder in die Schlagzeilen. Doch abgesehen vom Beruf der Protagonisten schienen die beiden Ereignisse keine großen Ähnlichkeiten aufzuweisen. In Albany, New York, enthüllte das örtliche Lokalblättchen, zu den Kunden eines aufgeflogenen Doping-Ringes würden auch prominente Musiker gehören. Neben anderen hätten 50 Cent und Timbaland von einem Chiropraktiker Anabolika und Wachstumshormone bezogen.



Währenddessen fährt im fernen Berlin der Rapper Massiv vor der Notaufnahme einer Klinik vor und lässt sich einen Streifschuss am Oberarm diagnostizieren, bis heute ist kein Täter gefunden.

Die beiden Ereignisse fanden nicht nur nahezu 8000 Kilometer voneinander entfernt statt, sondern könnten auch sonst kaum unterschiedlicher sein. In Amerika waren schwerreiche Berühmtheiten verwickelt, deren Geschäftsgrundlage auf dem internationalen Absatz ihres Produkts beruht. In Deutschland dagegen eine regionale Szene-Größe, die Hoffnungen hegte auf eine Karriere im beschränkten und zunehmend schrumpfenden Markt für deutschen Gangsta-Rap.

50 Cent und Timbaland sind, ebenso wie der ebenfalls Dopingmittel beziehende Wiclef Jean, Mitglieder des internationalen Unterhaltungsjetset. Massiv, in Deutschland geborenes Kind palästinensischer Flüchtlinge, spielt mit seinen Verbindungen zu verurteilten Verbrechern. "Mein Rücken" nennt der Rapper die Gruppe von Männern, die ihn begleiten. Einige von ihnen haben mehrjährige Haftstrafen verbüßt, unter anderem wegen Raubüberfällen. Einmal ging es um gestählte Muskeln, das andere Mal um verletztes Fleisch.


Trotz aller Unterschiede: Beide Meldungen beziehen sich auf dasselbe Phänomen. Dass nämlich in der Popmusik der Leib nicht nur Gegenstand der Musik ist, mit ihr umschwärmt und gefeiert wird, er verkörpert sie buchstäblich, verleiht ihr physisch Ausdruck. Und dass im Hochleistungsentertainment HipHop diese Körper gedopt und beschädigt werden wie die von Leistungssportlern.

Auf den Leib gerückt

Denn in keinem Genre ist die Verkörperlichung so ausgeprägt wie im HipHop. Im Teenager Pop bilden die Körper der Interpreten Sehnsuchtsorte und Projektionsflächen. Im Industrial geht die Auseinandersetzung des Körpers mit Materialien wie Stahl bis ins Physische. Im HipHop aber ist endlich alles Körper: Die Breakdancer setzen die Beats um auf Pappkartons in der Fußgängerzone und die Beatboxer benutzen ihren Körper, um den Rhythmus zu schlagen.

Vor allem ist im Rap – auch drei Jahrzehnte nach seiner Erfindung – immer noch Grundvoraussetzung, dass der Sprecher identisch ist mit dem, was er spricht. Dieses alles beherrschende Authentizitätsgebot des HipHop führt dazu, dass der Interpret mit seinem Körper den Wahrheitsgehalt seiner Reime stützen muss.

Gerade im Gangsta-Rap kann das fatale Folgen haben. Wenn der Rapper erzählt von Verbrechen und Drogen, vom Leben auf der Straße, dann kann er sich nicht zurückziehen auf ein literarisches Ich. Die Bilder von schwergewichtigen Dealern, Pitbulls an der Leine und halbnackte Frauen im Arm, die ständig in Videoclips und Texten reproduziert werden, mögen klischeeschwer sein, aber sind nicht nur Wunschdenken, sondern haben Vorbilder in der Realität.

Im HipHop darf die Vermittlung dieser Realität nicht mit der Abbildung im Reim enden, sie setzt sich – will der Rapper seine markttechnisch unverzichtbare Glaubwürdigkeit behalten - fort auf der Bühne, in der Öffentlichkeit, im Leben. Deswegen muss der Rapper so aussehen wie das Ich aus seinen Texten. Deswegen braucht er in letzter Konsequenz Anabolika.

Anti-Doping-Gesetze für Rapper?

Ein Rapper, der seinen Körper dopt, macht sich zwar nicht strafbar wie Sportler in Ländern, die eine wirksame Anti-Doping-Gesetzgebung haben. Ihnen droht auch nicht – im Gegensatz zu den Olympioniken und ihren Medaillen - die Aberkennung ihrer Goldenen Schallplatten. Aber müsste man nicht konsequent fragen: Verschafft sich ein Rapper, der sein Arbeitsgerät dopt, nicht ebenso wie ein Sportler einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten im Wettstreit der Körper? Hier wie dort geht es um viel Geld, das nur im Erfolgsfalle sprudelt. Brauchen wir also Anti-Doping-Gesetze im Unterhaltungsgewerbe?

Auch der Vorfall um Massiv, sei er nun inszeniert gewesen oder nicht, markiert eine logische Eskalation dieser Verknüpfungen. Um die Authentizität der Erzählung sicher zu stellen, braucht der Rapper Beweise. 50 Cent hat neun berühmte Einschusslöcher im Körper, die seine Vergangenheit als Drogendealer belegen. Tupac Shakur und Biggie Smalls wurden die Todesopfer einer Auseinandersetzung zwischen Rapper-Lagern, die mit Ghetto-Banden verbunden waren.

Fatal real

Die Biografien von Rappern sind voller solcher Belege, voller Gerichtsverfahren und Haftstrafen. Selbst Marshall Mathers alias Eminem, der mit seinem literarischen alter ego Slim Shady noch am vehementesten versucht hat, der Authentizitätsfalle zu entkommen, stand oft genug vor Gericht, um den Wahrheitsgehalt seiner Texte nachzuweisen.

Wenn die literarische Erzählung so zwanghaft durch Tatsachen gestützt werden muss, kommen irgendwann eben auch die Körper zu Schaden. Mal weil der Konsument die Richtigkeit der Angaben überprüfen will: Der Berliner Rapper Kool Savas berichtete früher von Fans, die ihm in dunklen Gassen auflauern, um herauszufinden, ob er wirklich so ein harter Hund ist, wie er in seinen Raps behauptet.

Oder weil der Körper im Versuch, Erzählung und Realität zur Deckung zu bringen, vergiftet wird mit leistungssteigernden Mitteln. So wird der Gang ins Fitness-Studio zur Flucht des Zauberlehrlings vor den Geistern, die er selbst beschworen hat.

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