Von Jan Feddersen
Ein 19. Platz nur. Ein Debakel? "Na ja", sagte der Jazzer Roger Cicero ein halbes Jahr nach seinem Auftritt von Helsinki, "ich hatte mir mehr erhofft", aber, und dieser feine Unterschied wurde in der Musikbranche und unter seinen Kollegen wohl gehört, "geschadet hat es mir nicht" - im Gegenteil.
Cicero, der vor einem Jahr mit "Frauen regier'n die Welt" die deutsche Vorentscheidung zum Popwettbewerb Grand Prix Eurovision gewann, aber international unter ferner sangen einsortiert wurde, signalisierte nüchtern wie wahr: Ein Auftritt bei der Eurovision schädigt nicht die weitere Karriere, ja, sie sei ihr sogar förderlich, wenn die Fans zuhause finden, dass man seine Sache gut gemacht hat. Entsprechend sieht das diesjährige Tableau der Anwärter auf die Fahrkarte zum 53. Eurovision Song Contest am 24. Mai in Belgrad aus: Fünf Acts konnte der NDR interessieren. Unbekannte, "Füllmaterial", wie es unter TV-Planern heißt, sind jedoch keine dabei; alle Künstler sind charts- und publikumserfahren.
Heute Abend ab 20.15 Uhr im Hamburger Schauspielhaus müssen sie sich beweisen: Bei Viva-, MTV- und in anderen Shows läuft Playback, um aber ein Eurovisionsticket zu erwerben, muss live gesungen werden. Carolin Fortenbacher, einstige Hauptdarstellerin im Abba-Musical "Mamma Mia!", bringt eine klassische "Powerballade" (so Moderator Thomas Hermanns), die No Angels machen auf dem Weg zu ihrem dritten Frühling ebenso mit wie der Bayer Tommy Reeve, die Band Marquess mit einem spanischsprachigen Song sowie die Konkurrenten von Tokio Hotel, die Kindergeburtstagsaufmischer von Cinema Bizarre. Favoriten gibt es keine, die Prognosen schwanken zwischen den No Angels und der Abba-Nachsängerin, sicher scheint nur: Der NDR, in der ARD seit 1996 federführend für dieses Showformat, gewinnt.
Denn die Konkurrenz auf ProSieben, der Bundesvision Song Contest, von Stefan Raab 2005 erstmals zelebriert als Alternative zum Grand-Prix-Spektakel, weil sein Kandidat Max Mutzke im Jahr zuvor beim Klassiker nur den achten Rang belegte, dieser sogenannte BSC dokumentierte am 14. Februar, dass eine Kopie dem Publikum nicht so gefällt wie das Original.
Nur 1,58 Millionen schalteten die Show vor drei Wochen ein, eine halbe Million weniger als im Vorjahr, wie das Branchenfachblatt "Musikwoche" spitz notierte. Lediglich eine Million Zuschauer in der sogenannten Zielgruppe der zwischen 14- und 49-jährigen – man blieb quasi unter sich, die Kernkundschaft von ProSieben, eine Mixtur aus Viva-Publikum und "TV total"-Freunden. Die ARD hat hingegen Glück: Ihre Vorentscheidungen sind in den Vorjahren stets auch beim jüngeren Publikum wenigstens nicht durchgefallen, zumal die Sieger von 2006 und 2007, Roger Cicero und die Countryband Texas Lightning mit "No No Never", Hitparaden- und Verkaufserfolge feierten.
Der Grand Prix Eurovision hat insofern seine Coolness aus den Jahren mit Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab oder Max Mutzke national wieder gewinnen können – und wie alle Jahre wieder finden alle den Event so schrecklich wie wunderbar. Ein Juwel im ARD-Portfolio quasi – keine andere Show der Senderkette hat solch hohen Wiederkennungseffekt. Obendrein ist das Format – die Vorentscheidung wie das jeweilige Finale – für die Musikindustrie nicht mehr unwichtig, keine Blamage nirgends, wenn ein Kandidat sich nur Mühe gibt.
Um diesen Nimbus zu halten, hat die heutige Vorentscheidung ein paar Korrekturen im Vergleich mit den Vorjahren gefallen lassen müssen. Wiederum moderiert von Thomas Hermanns, der ansonsten ja ProSieben mit seinem "Quatsch Comedy Club" als Heimatstation hat, wird es weniger Retro geben – selbst ältere Semester beschwerten sich beim Sender voriges Jahr über die nostalgieselige Prominenz, den Platz, der alten Schlagerschlachtrössern wie den Kessler-Zwillingen oder der Schweizerin Paola eingeräumt wurde.
So viel Staub auf dem kostbaren Sendemöbel sollte nicht mehr liegen bleiben, man serviert Pop, nicht mehr leumundswürgenden Schlagermatsch. Dafür sind fünf Menschen eingeladen worden, jeweils eine Patenschaft für einen Act zu übernehmen. Katja Ebstein, selbst dreimalige Grand-Prix-Teilnehmerin mit zwei dritten und einem zweiten Platz ("Theater") unterstützt naheliegenderweise Carolin Fortenbacher, "Tagesschau"-Sprecher Marc Bator gibt den No Angels seinen Segen, Harald Schmidts Azubi Oliver Pocher wirft sich für Marquess' Lied "Histeria" in die Waagschale, Kim Fisher hält zu Tommy Reeve, und der Comedymann Tetje Mierendorf unterstützt die Band Cinema Bizarre.
Nur ein Umstand macht dem NDR wirklich Sorgen: Dass am heutigen Donnerstag die Hinspiele des Achtelfinales im Uefa-Cup ausgetragen werden – und ab 21 Uhr das ZDF die Partie zwischen Bayer Leverkusen und dem Hamburger SV übertragen wird. Ein potentieller Grand-Prix-Quotenkiller sondergleichen, weil gegen Fußball in Deutschland keine Show ankäme - außer vielleicht "Wetten, dass...?".
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