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11.03.2008
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Die schiere Schönheit von Paris Motels Debüt-Album raubt Jan Wigger fast die Sprache. Um so wortreicher kommentiert er die New Yorker Disco-Hommage von Hercules And Love Affair. Andreas Borcholte unternimmt mit Brent Cash einen Trip in die Sixties.

Paris Motel – "In The Salpêtrière"
(Loose Music/Rough Trade, 20. März)

Das seltene Glück einer völlig unbekannten Platte, die von einer Zwischenwelt im Dunstschleier erzählt, in der die Wachskerzen immer brennen und man "Clos des Papes"-Wein aus dunklen Gläsern trinkt. Amy May, sonst Viola-Spielerin in Quartetten und Orchestern, spielt auf ihrem Debüt "In The Salpêtrière" den hauchzarten Blues für Winterpaläste in Schneelandschaften, besingt in "After Wanda" die Venus aus Sacher-Masochs "Venus im Pelz" und widmet das kurze "Catherine By The Sea" der Kunstkritikerin Catherine Millet. Das verwunschene Salpêtrière, eine Nervenklinik im Paris des 19. Jahrhunderts, hat May inspiriert, doch diese acht Lieder hätten ebenso gut Neil Jordans filmisches Meisterwerk "Die Zeit der Wölfe" von 1984 untermalen können.

Für Mays wundervolle Stimme, die zu Violine, Akkordeon, Harmonium und Violine durch den Himmel weht, wird man noch Worte finden. Für heute muss folgendes Bild genügen: Amy May, die Unzeitgemäße, ist das mathematisch exakte Gegenteil von Tom Angelripper. (8) Jan Wigger

Hercules And Love Affair – "Hercules And Love Affair"
(DFA Records/EMI)

Das Label, was uns "House Of Jaelous Lovers" von The Rapture und LCD Soundsystem brachte, legt nach: Dance-König und DJ Andrew Butler, DFA-Teilhaber Tim Goldsworthy, Acid-House-Kennerin Kim Ann Foxman und eine Gastvokalistin, die ausgerechnet den Namen Nomi trägt, führen auf "Hercules And Love Affair" urbanes Nachtleben und Antike zusammen. Das personifizierte Flehen Antony Hegartys (Antony & The Johnsons) ist die große Attraktion dieser Platte: nicht nur, weil es kaum zu glauben ist, wie ausgezeichnet seine Stimme zum Dancefloor passt. Wie bereits andernorts geschehen, könnte man nun all die Referenzen an und all die Verbeugungen vor Italo-Disco, Detroit- und Chicago-House, Minimal-Techno und Frühachtziger-New-Wave entschlüsseln und schlicht erfreut sein über so viel guten Geschmack. Man könnte aber auch in den Club fliehen und zum wiederholten Male feststellen, dass "Blind" einer der besten Disco-Tracks vergangener Jahre ist. Der in diesem Leben nicht mehr erfüllbare Traum, für immer in New York zu leben: Hier bekommt er 46 Minuten lang eine ganz neue Färbung. (8) Jan Wigger

Brent Cash - "How Will I Know When I'm Awake"
(Marina Records/Indigo, bereits erschienen)

Nein, wir träumen nicht, und "How Will I Know When I'm Awake" ist kein von findigen Plattenfirmen-Wühlmäusen exhumiertes Juwel aus den Sixties, sondern das brandneue Debüt-Album eines nostalgisch veranlagten Songwriters und Multi-Instrumentalisten aus Athens, Georgia. Man muss sich nur versonnene Lieblichkeiten wie "When The World Stops Turning" oder "Good Morning Sunshine" zu Gemüte führen, um zu ahnen, das Cash sich der Gegenwart strikt verweigert und stattdessen in den unschuldigen Weisen Burt Bacharachs und Brian Wilsons schwelgt. Das driftet zuweilen etwas arg in den Chill-out-Modus, offenbart dann aber wieder Perlen wie die Uptempo-Nummer "Digging The Fault Line", was ein veritabler Hit sein könnte, schriebe man noch das Jahr 1966. Wer immer schon meinte, in der falschen Zeit zu leben, findet hier aurales Asyl. (6) Andreas Borcholte

Lichter – "Lichter"
(Loob Musik/Universal, 22. März)

Verpackt mit rotem Schleifchen und versehen mit blauem Signalkreis, der "Lichter" schreit, erreichte uns dieses Album-Debüt im Nieselregen. Man darf gespannt sein, mit welchen Gemeinplätzen "Standort Deutschland"-Wichtigheimer diese Band in naher Zukunft belästigen werden: "Diskursrocker", "Dorfrocker" und "Hamburger Schule" sind schon weg, und sämtliche Mitglieder der tendenziell ernsten Band leben ohnehin in unterschiedlichen Städten. "Das Gespenst ist K.O." grüßt mit der verzerrten "Just"-Gitarre von Radiohead, "Unter Tieren" ist ein einziges, umfassendes Ausholen und "Leerer Raum" der sichere Hit, der Lichter ins Blickfeld rücken wird. Wenn uns bei zwei, drei Stücken nicht alles täuscht, dann sind Lichter auch die einzige deutschsprachige Gruppe, die sich vorsichtig auf das ätherischste und reizvollste Kollektiv im amerikanischen Independent-Bereich bezieht: Blonde Redhead. (7) Jan Wigger

We Are Scientists – "Brain Thrust Mastery"
(Virgin/EMI)

Als der "taz"-Blogger und Pop-Wissenschaftler Christian Ihle kürzlich bei einem Blick auf die Top 100 die bislang unerreicht schlimmsten deutschen Single-Charts aller Zeiten ausmachte, konnte man ihm unmöglich widersprechen: Gegen "Finger im Po – Mexiko" (Mickie Krause), "Ich bin ein Döner" (Tom Toupet), "Dschungel Wahnsinn" (Achim Petry feat. Dschungel Allstars), "Das rote Pferd" (Markus feat. Mallorca Cowboys) und mehreren Einträgen von DJ Ötzi ist selbst der "Kuschel Song" von Schnuffel pures Gold. Hat Amerika es besser? We Are Scientists versuchen mit dem dritten regulären Studio-Album "Brain Thrust Mastery" noch einmal, die längst erledigte Zick-Zack-New-Wave-Kiste wiederzubeleben.

Als sicher gilt: Rezensenten, die sowieso vorhatten, jetzt mal so richtig auf die Protagonisten der Jahrgänge 2005 und 2006 einzuprügeln, können sich die 40 Minuten "Brain Thrust Mastery" schenken. Die anderen werden vielleicht feststellen, dass New York selten so schlapp geklungen hat wie in "Altered Beast", oder "Chick Lit". Gut dagegen sind "Lethal Enforcer", "Tonight" und "That’s What Counts", weil sie auf eine reizvollere, transparentere Seitenspur führen, die We Are Scientists leider zu selten beschreiten. Im Ganzen: Mittelmaß, ungefährlich. (5) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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