• Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.03.2008
 

Musiker Mike Oldfield

Progressives Glockengeläut

Von Stefan Krulle

Immer wieder "Tubular Bells": Der verschrobene britische Musiker Mike Oldfield versuchte sich auf seinem neuen Album erstmals an einer klassischen Komposition - und landete am Ende doch nur wieder bei seinem mehr als 30 Jahre alten Ur-Thema.

Wer sein erstes Album so oft verkauft, dass der Erfolg nie und nimmer wiederholbar ist, hatte im Pop-Business schon immer ein Problem. Das wissen Alanis Morissette und Norah Jones ebenso gut wie Mike Oldfield. Der hat es bloß erfolgreich verdrängt und merkt nicht einmal mehr, dass jetzt auch "Music Of The Spheres", sein erstes Klassik-Album, verdächtig nach "Tubular Bells" klingt.

Musiker Oldfield im Guggenheim Bilbao: "Rock ist tot"
Getty Images

Musiker Oldfield im Guggenheim Bilbao: "Rock ist tot"

Fast kirchturmhoch ragt das Gebäude in den baskischen Himmel, der an diesem Abend grau verhangen ist. Von innen betrachtet, gleicht das Guggenheim-Museum in Bilbao eher einem surrealistischen Schneckenhaus, von M.C. Escher in einer trunkenen Nacht entworfen. Unten sitzen ein paar hundert geladene Gäste, man räuspert sich ein letztes Mal, das Euskadi Symphonic Orchestra ist bereits eingetroffen, die Choral Society Of Bilbao ebenfalls. Vorne massiert sich Dirigent Enrique Ugate die Finger. Nur einer fehlt noch. Mit dreiminütiger Verspätung schleicht sich Mike Oldfield durch die Hintertür an, im dunklen Anzug mit T-Shirt, nickt kurz, setzt sich und fingert eine akustische Gitarre aus dem Koffer. Etwas missmutig schaut er, als habe er nicht die geringste Ahnung, was all die Leute hier jetzt wollen. Und als sei es ihm auch nicht so recht, dass sie da alle sitzen.

Vor ein paar Jahren noch brachte Mike Oldfield Journalisten, die ihn in seinem alten, roten Backsteinhaus bei London besucht hatten, zum Abschied höchstpersönlich an die Tür, blieb dann aber drei Meter vor der Schwelle stehen. "Da draußen", flüsterte er damals, "ist das Tageslicht. Ich mag kein Tageslicht." Vor seiner Villa steht ein altes, rotes, englisches Telefonhäuschen. Oldfields Gärtner sagt, sein Arbeitgeber werde manchmal darin gesehen, mit dem Hörer in der Hand, aber er wisse nicht so ganz genau, ob das Telefon überhaupt funktioniere. Und mit wem Oldfield überhaupt telefoniert. Denn Reden gehört nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen des Musikers. Niemand kann sagen, ob er selbst sein bizarres, eigenbrötlerisches Verhalten wahrnimmt.

Oldfield, 54, ist per definitionem eigentlich ein Star, bloß eben gar kein glamouröser und noch viel weniger ein öffentlicher. Seit er 1972, gerade mal 18 Jahre alt, sein Instrumental-Album "Tubular Bells" konzipierte und sich bei allen Plattenfirmen damit einen Korb holte, bevor Richard Branson mit dem Werk sein Label Virgin begründete und Oldfields innovative Schöpfung nach deren Release über 16 Millionen Mal verkaufte, zählt er zu den erfolgreichsten Künstlern des Genres Rock.

Doch was danach kam, darf eine tragische Geschichte genannt werden. Zwar waren auch anschließende Alben wie "Ommadawn" und "Platinum", waren Songs wie das von Roger Chapman gesungene "Shadow On The Wall" oder "Moonlight Shadow" mit der Stimme von Maggie Reilly alles andere als Ladenhüter. Trotzdem kehrte Oldfield wieder und wieder zu den Versatzstücken seiner Tubular Bells zurück und brachte das Werk unter immer neuen Titeln seither mehrfach heraus.

Jetzt aber hat er, wie zumindest er selbst glaubt, das Lager gewechselt und ist zum Klassik-Komponisten geworden. In Bilbao stand am 7. März die Uraufführung seines Opus' "Music Of The Spheres" auf dem Programm, erstmals hatte der wundersame Einzelgänger mit einem Orchester gearbeitet. Naja, nuschelt Oldfield und versucht dabei ein Lächeln, das aber doch wieder entgleist, "im Grunde war alles wie immer. Ich habe die Musik in meinem Studio erdacht und dann die fertigen Ergebnisse einfach verschickt." Und zwar an Karl Jenkins, der dann die Übersetzung in ein Orchesterwerk übernahm. "Als das Ganze eines Tages eingespielt wurde", sagt Oldfield, "war ich ja bloß als Gast im Abbey Road Studio. Ich hatte nichts weiter zu tun, als zuzuhören." Später, zurück daheim, spielte er dann ein paar Minuten Gitarre und ging an "meine liebste Arbeit: Ich fing an, das Werk zu mischen."

Das Resultat ist ein Album, das knapp 50 Minuten lang nicht klingt, als stamme es aus dem Hause Oldfield, aber dennoch ständig an den kreativen Kauz erinnert. Das ist kaum verwunderlich, hat doch der Künstler, wie schon so oft, der Stimme aus seinem Inneren gehorcht. "Da sind immer zuerst ein paar Töne, ein Fetzen einer Melodie", sagt Oldfield. Drei Wochen habe er daheim im – vermutlich wie gewohnt abgedunkelten – Studio gesessen und nachgedacht. "Irgendwann hatte ich eine Art Anfang vorliegen, ein paar Ideen, die als Mittelteil taugen könnten, und manches, was mal ein Finale werden sollte." Woher die Teile kamen, weiß er nicht. Er ließe sich auch kaum noch inspirieren von außen, "ich höre einfach keine Musik mehr, sondern bevorzuge die Stille um mich herum. Schließlich habe ich ja ständig irgendwelche Musik in meinem Kopf."

Trotzdem ist es für ihn kein Zufall, dass aus dem fragmentarischen Mosaik jetzt ein Stück Klassik und nicht etwa Rockmusik wurde. "Der Rock ist zwar noch recht jung", meint Oldfield und kratzt sich an der Stirn, "aber trotzdem versuchen Rockmusiker schon seit Anfang der Siebziger, den ganz jungen Rock'n'Roll zu rezyklieren, im besten Falle zu rekonstruieren. Glaub' mir, der Rock ist tot, in dem Genre gibt es nichts Neues mehr zu tun." Er rudert mit den Händen in der Luft umher, "anders als in der Klassik! Da geht noch vieles, auch weil ihr so lange Zeit keine Beachtung geschenkt wurde. Man kann ihr neue Farben und Texturen geben, die Möglichkeiten sind enorm. Vielleicht entsteht ja bald eine Art von, sagen wir mal, progressiver Klassik".

Das wäre ihm, hat man das Gefühl, auch gleich der liebste Name für seine "Music Of The Spheres". Und er liegt dabei nicht einmal so falsch. Als er in Bilbao hoch konzentriert mit seiner Holzgitarre nur sehr gelegentlich ein paar Noten ins Geschehen streute und damit trotzdem fast jedes Mal eine neue Richtung vorgab, ohne als Solist oder Virtuose zu agieren, konnte man seinem Spiel durchaus etwas Genialisches nachsagen. Als er nach 50 Minuten dem brandenden Applaus mit der Gitarre über der Schulter floh, kam einem die kleine Telefonzelle vor seinem Haus wieder in den Sinn.

Schon in den ersten 30 Sekunden seiner vertonten, ansonsten bislang ungehörten Musik der Sphären erklingt übrigens zweimal das Thema der "Tubular Bells" – und zwar nicht zum letzten Mal. Mike Oldfield selbst hatte vorher gerade noch erzählt, sich selbst bloß in einer Tonfolge der letzten 40 Jahre wiederentdeckt zu haben: "Das war die Basslinie im 'Weißen Hai', wenn er sich nähert. Die ging mir auch schon einmal durch den Kopf. Keine Ahnung, wann das war." Aber er weiß ja schließlich auch nicht mehr, dass ihn die Tubular Bells auf Schritt und Tritt verfolgen.


Mike Oldfield: "Music of the Spheres" ist bei Decca/Universal erschienen

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP