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22.04.2008
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

MGMT haben die Hippie-Plattensammlung ihrer Eltern gründlich geplündert, meint Jan Wigger und freut sich über den kruden Stilmix der New Yorker. Andreas Borcholte lässt sich vom Schwermut der britischen Band Elbow anstecken.

MGMT – "Oracular Spectacular"
(Columbia/SonyBMG, 2. Mai)

Die Namen Ben Goldwasser und Andrew Vanwyngarden klingen ausgedacht, sie könnten Kriegsgenerale im Marx-Brothers-Geniestreich "Duck Soup" sein, vielleicht aber auch Drehbuchautoren für Kunstfilme von Atom Egoyan. Sicher ist: Goldwasser und Vanwyngarden dürften nicht nur die gesamte Plattensammlung ihrer Hippie-Eltern, sondern neben Funk, Disco, Soft-Rock und Achtziger-Radio-Pop auch zwei der absonderlichsten und freakigsten Indie-Alben dieses Jahrtausends verinnerlicht haben: "The Sunlandic Twins" von Of Montreal und "Ships" von Danielson. "Weekend Wars" ist bis auf weiteres einer der großartigsten Songs dieses Jahres, ein rührender, emphatisch klingelnder Schmachtfetzen vom Uranus, der auf jede Ween-LP zwischen "Chocolate And Cheese" und "White Pepper" gepasst hätte.

Gegen Ende wird sogar noch einmal der Billig-Synthesizer aus Grandaddys ergreifender Rock-Oper "He's Simple, He's Dumb, He's The Pilot" aus der feuchten Erde gegraben. Nicht alles auf "Oracular Spectacular" ist so begnadet wie das gezähmte Prog-Monster "4th Dimensional Transition", wie "Time To Pretend", "Kids" oder die Bee-Gees-Hommage "Electric Feel". Doch wie die hochbegabten New Yorker Spinner von MGMT die neue Seltsamkeit mit "Oracular Spectacular" nun auch in den Mainstream überführen wollen, ist aller, aber auch wirklich aller Ehren wert. (8). Jan Wigger

The Last Shadow Puppets – "The Age Of The Understatement"
(Domino/Rough Trade, bereits erschienen)

Genau an dem Punkt, wo man das zweite Arctic-Monkeys-Album "Favourite Worst Nightmare" aufgrund seiner eilig hingerotzten Unmittelbarkeit gut und gerne unterschätzen konnte, wird "The Age Of Understatement" die gerechte Anerkennung erhalten. Ein möglicher Grund dafür ist die Tatsache, dass Arctic-Monkeys-Sänger Alex Turner und Miles Kane von der unglücklicherweise völlig unbekannten Gruppe The Rascals unter dem Moniker The Last Shadow Puppets ein Debüt-Album mit sogenannter Erwachsenenmusik eingespielt haben. Kein Scherz: Wir sprechen hier von Scott-Walker-Songs wie "Jackie" oder "We Came Through" minus übersteigerter Feierlichkeit, von David Axelrod oder einem Richard Harris, der "Paper Chase" mit Twang-Gitarre und angerauter Stimme in den Peace Gardens von Sheffield singt.

Neben Arrangeur Owen Pallett (Final Fantasy) und dem London Metropolitan Orchestra haben Turner und Kane nicht nur zwei kleine Klassiker ("Meeting Place" & "Standing Next To Me"), sondern auch den Effekt der Verblüffung auf ihrer Seite: Die meisten der zwölf in Lebensglut entbrannten Lieder lassen kaum darauf schließen, dass ihre Verfasser gemeinsam noch keine 45 sind. (7) Jan Wigger

Elbow - The Seldom Seen Kid"
(Fiction Records/Universal, 25. April)

"I plant the kind of kiss that wouldn't wake a baby on the self same face that wouldn't let me sleep", singt Guy Garvey in der ersten Zeile der berückenden Ballade "Mirrorball". Wie einen sanften Kuss muss man sich auch das neue, vierte Elbow-Album vorstellen, allerdings wird man sehr wohl wach davon. Konzeptalbum wäre wohl zu viel gesagt, aber einen inneren Zusammenhang haben die Lieder auf "The Seldom Seen Kid" allemal, sie behandeln die großen Fragen des Lebens, die Liebe, das Altern, die Freunde, das Trinken und die Melancholie. Inspiriert wurde diese Seelensuche durch den frühzeitigen Tod des Songwriters Bryan Glancy vor zwei Jahren, dem das letzte Lied der Platte, "Friend Of Ours" gewidmet ist. Konzentrierter, kunstwilliger und gravierender hat man die Band aus Manchester bisher nicht gehört, noch nicht einmal auf dem herausragenden Debütalbum "Asleep In the Back", mit dem Elbow 2001 auf den Plan traten. Sieben Jahre später, befreit von allen kurzlebigen Brit-Trends, haben Garvey und seine Kollegen einen erwachsenen Sound gefunden, der seinen ganz eigenen Sog entfaltet. Sanft und verführerisch beginnt der Opener "Starlings", bis plötzlich ein ganzes Orchester kakophonierend einbricht, Störgeräusche, die auf emotionale Zerrütung rückschließen lassen, ziehen sich auch durch "Grounds For Divorce", der mit der wunderbaren Zeile beginnt: "I've been working on a cocktail called Grounds for Divorce". Humor, wenn auch schwarz, lakonisch und bitter, ist Pflicht bei Elbow, und so gibt es nach dem ersten zaghaften Kuss allerhand zu entdecken auf diesem Album, das an tröstliche Abende im Pub genauso erinnert wie an einsame Nächte, frierend auf dem Pier. (7) Andreas Borcholte

Mystery Jets – "Twenty One"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Das letzte Zucken des halbwüchsigen, quengeligen New-Wave-Garagen-Pops wird seit einem guten Jahr tapfer von einer Menge mediokrer zweiter Alben befeuert. Wer jetzt nicht ruckartig die Aufnahmen beendet und das Studio verlässt, kommt auf die gewaltige Resterampe - zu Chikinki, The Bravery, Hard-Fi und den Dead 60s. Gut für die Mystery Jets, dass ihr Horizont schon zu Zeiten des Debüts "Making Dens" (2006) etwas breiter war: Faktotum Henry, 57, wurde samt Gitarre und Keyboard auf die Bühne gerollt, im Plattenregal fand man nur das Beste: Prog-Rock, Psychedelia, Roxy Music und XTC. "Twenty One" klingt nun konziser, tanzkompatibler und – das beste an dieser Platte – sehr wohl auch nach Duran Duran auf "Seven And The Ragged Tiger". Laura Marling zieht das etwas arg eklektische "Young Love" in letzter Minute an Land, zudem gibt es drei, vier hübsche Expertisen über die Lügen der Liebe und eine erstaunliche Erkenntnis: "There are songs on this new record about having your heart broken for the first time." Was es nicht alles geben soll. (6) Jan Wigger

The La’s – "The La’s – Deluxe Edition" (Polydor/Universal, bereits erschienen)

Wenn dieses erste und einzige Album seiner sagenhaften Band The La's nicht seit 18 Jahren als Beweismaterial vorliegen würde, könnte man den tragischen Fall Lee Mavers glatt für eine Erfindung halten: An den längst makellosen Stücken mäkelte der Liverpooler Gitarrist und Sänger, der für die Aufnahmen von "The La's" diverse Musiker und Aufnahmeleiter verschliss, so lange herum wie Bostons Tom Scholz an einer einzigen Tonspur. Als schließlich der endgültige Produzent Steve Lillywhite (Simple Minds, U2) an der Reihe war, ließ Mavers, wie man behauptet, Originalstaub aus den sechziger Jahren ins Studio pusten – Lillywhites bereits analoge Gerätschaften schienen dem Maniker Mavers wohl zu modern. Noch heute läuft die Byrds-infizierte Heroinhymne "There She Goes" in jeder guten Discothek, während Schärfe und Brillanz all der anderen Mavers-Kompositionen und Mersey-Beat-Herrlichkeiten vornehmlich von Journalisten und Brit-Pop-Nerds gelobt werden, die meist auch jeden noch so lahmen Tonträger mit Beteiligung von Ian Brown (The Stone Roses) und Shaun Ryder (Happy Mondays) freudetrunken aus dem Katalog bestellen. Es macht wenig Sinn, die glänzende Single "Timeless Melody", den wunderbaren "Freedom Song", "Way Out" oder "Feelin'" herauszuheben – kaum eine britische LP der letzten zwanzig Jahre dürfte einflussreicher gewesen sein. Doch Lee Mavers, der sich selbstverständlich auch mit dem 1990 gegen seinen Willen veröffentlichten (und soundtechnisch noch immer etwas dünn klingenden!) Album nicht einverstanden zeigte, war schlichtweg ein paar Jahre zu früh dran. Nun erscheint "The La’s" in der Deluxe-Edition mit sechs noch unbekannten Session-Aufnahmen und 20 meist von Mike Hedges produzierten Album- und Nicht-Album-Tracks. (9) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

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