Von Daniel Haas
Vielleicht sind Autos für die Popkultur so wichtig wie Gitarren und Synthesizer. Verfolgungsjagden, Sex auf dem Rücksitz, die Welt als Road Movie: alles feste Motive im Haushalt unser modernen Phantasie. Und hat Popmusik nicht einen Großteil ihrer Wurzeln in einer Autostadt?
Konsequent also, wenn Madonna in ihrem neuen Video von einer schwarz glänzenden Kühlerhaube in die Handlung ihres Clips hineinrutscht. Ein paar Takte weiter wird sie mit ihrem Duettpartner Justin Timberlake durch einen Fuhrpark turnen und über Autodächer hüpfen - auch dies ein bekanntes Szenario aus zahllosen Großstadtfilmen, Musicals und Videos.
Mobilität, Flexibilität, Variabilität, das sind die Themen dieses Videospots (Regie führte das Produzentenduo Jonas & Francois). Sie werden auf allen Ebenen mit atemberaubender Konsequenz durchgespielt. Wenn der postmoderne US-Schriftsteller Raymond Federman einmal erklärte, er wolle ein Werk schaffen, das sich im Vorüberziehen selbst auslöscht, so hat Madonna dies mit diesem kleinen großartigen Kunststück zuwege gebracht: reine Performanz zu sein, ein Zeichenstrom, der sich im Moment seiner Aktualisierung gleich wieder verschlingt.
Das fängt schon programmatisch mit dem Titel an: "4 Minutes" heißt der Song, vier Minuten ist er lang, als durchgehendes Motiv fungiert eine gigantische LED-Anzeige, auf der ein Countdown von vier Minuten an die Sekunden löscht. Pop ist nicht mehr als rhythmisierte, klangerfüllte Zeit, die vergeht, sagt dieses Motiv. Seine Erfüllung liegt im Vergehen, im Zueilen auf das Ende - und im Wissen, dass man mit der Reset-Taste die Auslöschung von neuem beginnen lassen kann.
"Vier Minuten haben wir, die Welt zur retten", singen Madonna und ihr Duettpartner Justin Timberlake. Dazu werden sie von einer ominösen schwarzen Form verfolgt, die die Welt hinter ihnen aufsaugt und verwandelt. Diese sich aus dem Bild schälende Schwärze ist das Programm selbst, das die Realität des Clips erstellt. Und es gibt jenseits der Bits und Bytes keine Wirklichkeit, ihrer buchstäblichen Fortschrittslogik entgeht man nicht.
So treibt sie die Helden vor sich her: Sie hasten durch besagten Fuhrpark, landen im Kaufhaus auf dem Warenband (auch wieder so ein Symbol des Performativen und nebenher ein netter Hinweis auf die Warenförmigkeit noch des größten Popstars und seiner Kreationen). Gegen Ende landen sie auf einer Showbühne, im Hintergrund die glitzernden Ziffern der schrumpfenden Zeit, als hätten sich Casino-Betreiber ein Memento Mori ausgedacht.
Wie im klassischen Musical tanzen sie da auf den chronologischen Abgrund zu; es wirkt albern, fast ein bisschen altmodisch - und ist gerade deshalb genial. Vier Minuten, um die Welt zu retten: Das kann niemand, auch der in seiner medialen Zerstreuung allgegenwärtige Superstar nicht. Die Welt ist unrettbar verloren, das weiß die immer mal wieder als Aktivistin auftretende Madonna. Warum also nicht die verbleibende Zeit mit Tanzen verbringen, als sei man eine Figur aus der "Westside Story"?
Zum Schluss hat sich das Programm dann doch in die Körper der Helden genagt. In Timberlakes sexy Körper klafft eine große Wunde, auch Madonnas Gesicht fällt der Zersetzung anheim, als habe Gunther von Hagens die Hände im Spiel gehabt.
Das Selbst ist in Zeiten digitaler Verflüchtigung eine prekäre Größe, und der Star demonstriert diese Fragilität im Wandel seiner Rollenspiele. "4 Minutes" geht noch einen (Tanz-)Schritt weiter: Das Medium selbst löscht den populären Helden aus. Es braucht ihn ja letztlich auch nicht, wie die vielen toten Top-Verdiener des Popgeschäfts beweisen.
Zeigt diese Apokalypse im Miniformat nicht wahre Demut vor den Mitteln des Pop? Bewegung, Sound, Beat, Spaß – und nach vier Minuten ist alles vorbei. Weniger geht nicht. Mehr auch nicht.
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