"Hard Candy" knüpft dort an und geht noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem es als fast reinrassig amerikanisches R&B-Album daherkommt. Dominierte jahrelang der europäische Pop-Sound von Mirwais, William Orbit und Stuart Price Madonnas Musik, kehrt die Wahl-Londonerin jetzt wieder zu ihren Wurzeln zurück. Wieder sind es Produzenten, die das Album definieren, ihm seinen besonderen Klang, eine zeitgeistige Identität geben. Der Unterschied: Damals war es ein unbekanntes Talent, heute sind es die zurzeit erfolgreichsten und einflussreichsten Pop-, HipHop- und R&B-Produzenten, die sich ins Bett mit Madonna legen – selbstverständlich nur noch sprichwörtlich: Timothy "Timbaland" Mosely, Justin Timberlake und die als Neptunes bekannten Pharell Williams und Chad Hugo.
Die vier Männer haben in den vergangenen Jahren alles mit ihrem Markenzeichen-Sound versehen, was in den Charts ganz oben rangierte: von Rappern wie 50 Cent über R&B-Sängerinnen wie Mariah Carey bis hin zu lupenreinen Popstars wie Gwen Stefani, Kylie Minogue und Nelly Furtado. Ihre Zusammenarbeit mit Madonna ist im kompliziert verzweigten Referenz-System der Popmusik so folgerichtig wie zwingend: Die heißen drei Produzenten-Könige der Stunde treffen die Queen of Pop, mit der einst alles begann - ein kalkuliertes Gipfeltreffen, das nur in klingenden Kassen resultieren kann.
Und so kehrt am vorläufigen Ende alles wieder auf den guten alten Tanzboden zurück: "Catch Me on the Floor" / Working up a Sweat / That’s what the Music’s for", singt Madonna im neuen Song "Heartbeat", während sie im atemlosen Duett mit Teenie-Idol Timberlake nur noch vier Minuten Zeit hat, die Welt zu retten. In Bewegung bleiben, zeigen, dass der Beat noch treibt, der Schweiß noch fließt, die scharfe Klamotte noch sitzt, das Fleisch noch straff über den Muskeln spannt. Super-Lolli Madonna zeigt hier eine Stunde lang eindrucksvoll, dass sie noch lange nicht abgelutscht ist, sondern knackig sein will wie eh und je.
Das geht auch gut. Aber einen Nachteil hat die Wahl der Massenbewegungswaffen Timbaland und Timberlake natürlich: Erstmals in ihrer 25-jährigen Karriere klingt Madonna ein kleines bisschen wie Gwen, Nelly, Kylie, Britney und der ganze zappelnde Rest – austauschbar halt. Da kann sie im schönen Disco-Schunkler "She’s not Me" noch so lange behaupten, keine Angst vor Nebenbuhlerinnen und Nachfolgerinnen zu haben. "It won’t be the same", singt sie den jüngeren trotzig entgegen. Das kann – und soll – man als Kampfansage verstehen. Es klingt aber auch ein bisschen wie eine Vorahnung.
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