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29.04.2008
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Die großartige Band The Notwist ist immer noch die Antithese zum deutschen Kumpelrock, stellt Jan Wigger mit Erleichterung fest und wünscht sich ein Konzert von Mark Kozelek alias Sun Kil Moon. Andreas Borcholte staunt über die einzigartige Vokalkunst von Camille.

The Notwist – "The Devil, You + Me"
(City Slang/Universal, 2. Mai)

Es passt zum notorischen und bitter nötigen Eigensinn der Weilheimer Erneuerer, dass die Plattenfirma in letzter Sekunde zahllose schmale Papierstreifen mit der Aufschrift "The Devil, You + Me" auf die Promo-CDs kleben musste – den Acher-Brüdern hatte der Albumtitel "Planet Off" urplötzlich doch nicht mehr gefallen. Nach nun fast 20 Jahren Bandgeschichte sind The Notwist noch immer die Fels gewordene Antithese zum besonders in Deutschland virulenten Kumpelrock, zu Schulterklopfkultur und bierseligem Verbrüderungsdrang auf Umsonst-Events und Festivals. "The Devil, You + Me" ist vor allem in jener Hinsicht eine "typische" Notwist-Platte, als dass sie ungeduldige Hörer von vornherein ausschließt: Wer die elf neuen, nach endlos langer Wartezeit endlich zugänglich gemachten Stücke nur ein, zwei Mal nebenbei durchlaufen lässt, wird vermutlich nicht begreifen, dass "The Devil, You + Me" in all seiner Unscheinbarkeit und Größe das vierte Notwist-Meisterwerk in Folge ist.

Wenn Markus Acher im Titelsong mit brüchiger Stimme sein "Bring it on home/ And keep it warm/ Won’t leave you anyhow" singt oder in "Gloomy Planets" von all den Autos in New York, den heilenden Neujahrslichtern erzählt und Console dazu bescheiden pluckert, dann sind dies zu Tränen rührende Momente, die sich vollkommen anstrengungslos in die disparate Notwist-Discografie fügen. Vom frühen "I've Not Forgotten You" über "One Dark Love Poem", von "The String" über "Your Signs" und "Off The Rails" führt der Weg von The Notwist nun ins Nirwana: Aus ihren Gedanken formen sie die Welt. (9) Jan Wigger

Camille - "Music Hole"
(Virgin/EMI, 2. Mai)

An ihr scheitern alle Vergleiche: Camille Dalmais ist weder ein weiblicher Bobby-McFerrin-Verschnitt noch die neue, französische Björk. Die Pariserin, einst Sängerin bei der Cover-Truppe Nouvelle Vague, sorgte bereits mit ihrem ersten Album "Le Fils" für Aufsehen und kehrt nun, zwei Jahre später, mit einem komplett englischsprachigen Werk zurück. Der Sprung in den internationalen Markt steht an und gleichzeitig die Frage, in welchem Segment sich diese ungewöhnliche Frau überhaupt vermarkten lässt. Denn Camille schreibt wundervolle Pop- und Jazz-Songs, die komplett ohne Instrumentierung auskommen. Die Sprache ist das einzige Instrument, das Camille zulässt, das sie wirklich und in allen Facetten beherrscht. Gurren, Schmatzen, Pfeifen, Heulen, Schmachten, Schreien, Säuseln und Summen - alle Register werden hier gezogen.

Unterstützt wird die Sängerin dabei von einer Reihe namhafter Vokalisten, was für die nötige Orchesterwirkung sorgt und einen kuriosen Nebeneffekt hat: Hört man "Music Hole" unaufmerksam, so könnte einem vielleicht entgehen, dass nur Stimmen am Werk sind. Camille fordert Konzentration für ihre Kunst, und die wird reichlich belohnt: Allein die halsbrecherische DooWop-Hommage "Gospel With No Lord", das kunstvoll in sich verschachtelte "Kfir", das hypnotisch emporschraubende "Winter's Child" oder die größenwahnsinnige Funk-Nummer "Money Note" sind es wert, dieses erstaunliche Album immer und immer wieder zu hören. Ein ganzer Kosmos verschiedener Musikstile und -genres wird von dieser eigenwilligen Künstlerin vereinnahmt und - Camille-Style zu etwas Neuem umgeformt. Man hofft, dass sie nicht im Ghetto der kunstsinnigen Erwachsenenmusik und Kleinkünstler landet. Dafür hat sie viel zu viel anarchischen Pop-Appeal. (8) Andreas Borcholte

Rogue Wave – "Asleep At Heaven’s Gate"
(Brushfire Records/Universal, bereits erschienen)

So unironisch und emphatisch wie Low-Sänger Alan Sparhawk in der Dokumentation "You May Need A Murderer" im Auto "Wheel In The Sky" von Journey mitsingt, erscheint auch Rogue Waves Liebe zum amerikanischen Classic-Rock der späten siebziger Jahre. Dass das Quartett aus Oakland, Kalifornien, auch beim dritten Versuch lieber wieder detailverliebten Indie-Pop spielt, mag auch daran liegen, dass man sich vergleichbaren Bands wie Nada Surf, Fruit Bats, Death Cab For Cutie oder Band Of Horses tief verbunden fühlt. Überraschenderweise haben Rogue Wave für "Asleep At Heaven's Gate" bei der Plattenfirma des Surf-Titanen Jack Johnson unterschrieben. Am grundlegenden Rogue-Wave-Problem jedoch konnten scheinbar auch die heilenden Hände des ewig zufriedenen Gutmenschen nichts ändern: Wie schon auf "Descended Like Vultures" (2005) ist die erste Hälfte der Platte ("Chicago x 12" & "Lake Michigan"!) wesentlich stärker als die zweite. Anders gesagt: Gelingt es Rogue Wave in näherer Zukunft, grandiose Songideen wie "Missed" oder "Cheaper Than Therapy" sorgfältiger auszuformulieren oder wieder an ihre erste Platte "Out Of The Shadow" anzuschließen, sind sie zu Höherem berufen. (6) Jan Wigger

Guillemots – "Red"
(Polydor/Universal, 2. Mai)

Die immer wieder gern gemachte Behauptung, die Achtziger seien ja ein so ungeheuer furchtbares Jahrzehnt für die kreative Rock- und Popmusik gewesen, ist natürlich dummes Zeug. Wer Echo & The Bunnymen, The Smiths, Prefab Sprout, ABC, Talk Talk und die unzählbar vielen anderen tollen Bands verpasst hat, könnte vielleicht mit der aktuellen Guillemots-LP glücklich werden. Uns macht sie leider eher unglücklich, denn im Gegensatz zum vorzüglichen Debüt-Album "Through The Windowpane" gibt es auf "Red" nicht nur saudoofe Ethno-Anleihen, für die sich schon die Chemical Brothers nicht zu schade waren ("Cockateels"), sondern auch Peinlichkeiten wie "Big Dog" oder "Get Over It", die vor 20 Jahren Johnny Hates Jazz, Mr. Mister oder Breathe vermutlich eine Top-20-Notierung eingebracht hätten. Unvorstellbar, dass ein und dieselbe Band einmal Songs wie "Trains To Brazil" und "Who Let The Lights Off, Baby?" geschrieben haben soll. Aus alter Liebe: (4) Jan Wigger

Sun Kil Moon – "April"
(Caldo Verd/Cargo, bereits erschienen)

Unter keinen Umständen und zu keinem Zeitpunkt darf man sich auf eine Diskussion darüber einlassen, ob Mark Kozelek neben Elliott Smith, Will Oldham und Bill Callahan zu den allergrößten Songschreibern der Neuzeit zu rechnen ist. Wer zumindest Sun Kil Moons Debüt "Ghosts Of The Great Highway" oder die Red-House-Painters-Alben "Down Colorful Hill", "Ocean Beach" und "Red House Painters I" gehört hat, weiß um die unfassbare Trauer, die den stillen Amerikaner stets begleitet. Weil auch Kozelek nie darüber hinweg gekommen ist, dass das Vergangene vergangen ist und auch persönliche Geschichte sich nicht wiederholen lässt, ist er bis heute unser liebster Sensibilist geblieben. Auch auf dieser Platte zeigt sich wieder: Kozeleks Kompositionen haben keinen Anfang und kein Ende. Sie mäandern nicht mal – sie kreiseln, fließen und ziehen sepiafarbene Schleifen. Im Gegensatz zu Second-Hand-Melancholikern wie Howie Beck oder John Vanderslice ist Kozelek ein virtuoser Architekt der Einsamkeit, dessen neue Stücke auf "April" geisterhaft erstrahlen und wie "Lost Verses" oder "Tonight The Sky" schwer angeschlagen und verloren die 10-Minuten-Grenze berühren. Ein unscharf fotografierter Kronleuchter ist auf dem Cover zu sehen, von Kozelek wie gewohnt keine Spur. Für einen einzigen Deutschland-Termin würde man sein letztes Hemd geben. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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