KulturSPIEGEL: Madonna, Sie wurden berühmt mit unbeschwerten Songs wie "Holiday", "Into the Groove" oder "Like a Virgin". Auf Ihrer neuen Single heißt es: "We've got only four minutes to save the world." Sind Sie nun erwachsen und haben beschlossen, dass Popsongs eine ernstzunehmende Botschaft benötigen?
Madonna: Ich habe nur erkannt, dass sich unser Bewusstsein, wie wir mit dem Planeten umgehen, auf dem wir leben, ändern muss. Uns rennt die Zeit davon, und ich möchte mit dem Lied versuchen, mehr Menschen mit dieser wichtigen Tatsache zu konfrontieren. Andererseits: Wenn wir schon die Welt retten müssen, sollten wir alle auch ein wenig Spaß dabei haben, oder? Deshalb habe ich einen Song geschrieben und keine Rede.
KulturSPIEGEL: Glauben Sie tatsächlich, dass Popmusik die Welt retten kann?
Madonna: Ja, ich glaube, dass Popmusik über diese Art von Magie verfügt. Ich glaube sogar, dass das richtige Lied einem manchmal das Leben retten kann, denn Musik hat die sagenhafte Kraft, das Herz und die Seele der Menschen zu berühren. Musik kann dich traurig oder glücklich machen, und sie ist das Bindeglied zwischen der realen Welt und, nun ja, einer anderen Welt, die wir nicht sehen und verstehen.
KulturSPIEGEL: Hat die Popmusik Madonna gerettet?
Madonna: Mich hat Popmusik auf jeden Fall gerettet. Ich war 14 und in der Highschool, als ich ein David-Bowie-Konzert besuchte, das mein Leben veränderte. Es war die "Ziggy Stardust"-Tour, und so etwas hatte ich noch nie gesehen und gehört, für ein Provinzmädchen wie mich war das alles einfach unvorstellbar aufregend. Nach jener Nacht habe ich das Leben und die Welt tatsächlich aus einer neuen, frischen Perspektive betrachtet.
KulturSPIEGEL: Waren Sie als Kind ein Außenseiter?
Madonna: Als Teenager war ich das wohl. Ich begeisterte mich für eher unpopuläre Dinge, was mir nicht gerade einen gewaltigen Freundeskreis bescherte. Außer Musik liebte ich klassisches Ballett und europäische Autorenfilme. Aber ich habe unter diesem "Anderssein" nicht gelitten, im Gegenteil, ich habe es kultiviert, trug nie Make-up, rasierte meine Achseln nicht und fühlte mich denen, die mich verhöhnten, überlegen.
KulturSPIEGEL: Bei den meisten Menschen lässt das Interesse an Popmusik stark nach, wenn sie keine Teenager mehr sind. Wenn sie Berufe ergreifen, Familien gründen, erwachsen werden, wird Pop unwichtig. Sie werden im August 50. Hat sich Ihr Interesse an Musik verändert?
Madonna: Nein, das ist ungebrochen. Mein Haus ist immer voll von Musik. Mein Mann liebt Musik, und meine Kinder sind mindestens so infiziert davon wie ich. Und mit Menschen, denen das nicht so geht, möchte ich auch nichts zu tun haben. Musik ist doch keine Altersfrage.
KulturSPIEGEL: Sie haben Kinderbücher verfasst und gelten als strenge Mutter. Erziehen Sie Ihre Kinder musikalisch?
Madonna: Meine Tochter Lourdes nimmt Tanzunterricht, so wie ich als Kind. Die größte Leidenschaft meines Sohnes Rocco ist zwar der Kampfsport Jiu-Jitsu, aber er geht auch begeistert zum Schlagzeugunterricht. Als Berufswunsch gibt er Schlagzeuger an. Aber damit wir uns hier richtig verstehen: Ich zwinge meine Kinder nicht zur Musik. Ihr Interesse haben sie aus freien Stücken entwickelt.
KulturSPIEGEL: Zensieren Sie die Popmusik in den Kinderzimmern? Sind Death Metal und Gangsta-Rap im Haus von Madonna erlaubt?
Madonna: Diese Debatte steht mir wohl noch bevor, bislang habe ich keine Gründe zur Beschwerde. Aber ich bin kein Musik-Nazi. Ich zwinge meine Kinder weder, irgendwelche Platten zu hören, die mir mal wichtig waren, noch will ich etwas verbieten. Ich vertraue nämlich fest auf den Geschmack meiner Kinder. Meine Eltern haben mir auch nie etwas verboten, Zensur gab es bei mir zu Hause nicht.
KulturSPIEGEL: Wie rebelliert man als Kind von Madonna gegen eine Mutter, die ein Popstar ist?
Madonna: Glauben Sie mir, meinen Kindern gelingt das ganz hervorragend. Sie sorgen nonstop für Trubel. Andererseits sehe ich mich selbst immer noch als Rebellin, mein Leben und meine Arbeit kann man wohl kaum konventionell nennen. Und ich glaube auch nicht, dass es Kindern schadet, wenn ihre Eltern die Gesellschaft, in der wir leben, immer wieder in Frage stellen.
KulturSPIEGEL: Angeblich sind Zucker und Fernsehen für Ihren Nachwuchs tabu. Stimmt das?
Madonna: Wie alle Eltern träume ich von super pflegeleichten Kindern. Da bietet die Begegnung mit der Realität viel Gelegenheit für Frust. Es ist nun mal so, dass auch mein Nachwuchs sich meistens weigert, das zu tun, was man von ihm erwartet. Ich akzeptiere das, so ist nun mal das Leben. Aber trotzdem muss ich darauf reagieren. Ich bin vielleicht streng, aber ich wahre die Verhältnismäßigkeit, denn es sind ja immerhin Kinder. Außerdem werden sie nur störrischer, wenn man zu streng ist. Aber Kinder brauchen auch Grenzen, sonst drehen sie durch. So, wie Sie fragen, komme ich mir langsam vor wie eine Kinderpsychologin.
KulturSPIEGEL: Ist der Fernseher, den Sie angeblich "poison box" (Giftkasten) nennen, bei Ihnen daheim nun verboten oder erlaubt?
Madonna: Ich benutze den Begriff "poison box" nicht - aber er gefällt mir sehr gut. Ich habe noch nie Fernsehen geschaut. Auch nicht als Kind. Das ist einfach Zeitverschwendung. Ich besitze zwar ein Gerät, aber nur, um darauf Kinofilme auf DVD zu schauen. Das Fernsehen zu ignorieren ist in unserer Medienwelt eine echte Punkrock-Haltung. Ich lese auch keine Zeitungen. Wenn ich mich informieren will, nutze ich das Internet.
KulturSPIEGEL: Sie leben seit einigen Jahren in London und haben Ihre letzten Platten mit eher obskuren Europäern produziert. Ihr neues Werk, "Hard Candy", ist nun mit einer Riege amerikanischer Starmusiker wie Pharrell Williams, Justin Timberlake und Timbaland entstanden und klingt entsprechend amerikanisch. Haben Sie Amerika aus der Ferne wieder lieben gelernt?
Madonna: Ihre Theorie ist schön, aber sie stimmt nicht. Die Sache ist viel simpler: Ich wollte diesmal einfach eine R&B-Platte machen. Aber das ist keine neue Liebe von mir. Ich hatte seit Jahren einige Songs im Ohr, die mir gefielen, die so klangen, wie ich mir das vorstellte, und verantwortlich dafür waren immer dieselben Leute: Pharrell, Timbaland oder Justin Timberlake. Ich hatte seit langem vor, mit denen mal was aufzunehmen, aber irgendwie fanden wir nie zusammen. Auf meiner letzten Tournee bin ich Pharrell dann in Tokio über den Weg gelaufen, und er schlug sofort vor, doch mal ein Lied zu schreiben.
KulturSPIEGEL: Rufen Sie manchmal Musiker an, die Sie interessant finden, und sagen: Hallo, hier ist Madonna, wollen wir zusammenarbeiten?
Madonna: Nein, ich werde immer angerufen. Genaugenommen ist es noch langweiliger, denn mein Management wird angerufen. Wenn ich Interesse habe, wird zurückgerufen. Dann verabredet man sich zum Telefonieren. Und wenn man sich da etwas zu sagen hat, trifft man sich und redet konkret darüber, was für Musik man gemeinsam produzieren könnte.
KulturSPIEGEL: Sie haben in den vergangenen Jahren gern mal mit relativ unbekannten Musikern wie Stuart Price oder Mirwais gearbeitet. Wie nervös sind die, wenn sie vor Madonna sitzen und ihre Ideen präsentieren sollen?
Madonna: Wahrscheinlich sind die nervös. William Orbit war sogar so aufgeregt bei unserem ersten Treffen, dass er laufend irgendetwas fallen ließ. Aber das fand ich sehr charmant. Außerdem bin ich mindestens so nervös. Ich sehe das auch nicht als Manko. Nervös zu sein heißt für mich auch, Respekt zu haben, dass man sich wünscht, dass alles gut läuft, aber noch unklar ist, wie das funktionieren soll. Und dann spürt man seine Nerven.
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