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28.05.2008
 

Tageskarte Klassik

Wenn Fugen faszinieren

Von Werner Theurich

Das "Wohltemperierte Klavier" hat wohl jeder Pianoschüler schon in den Fingern gehabt. Wer Bachs Wunderwerk der Fugen und Präludien neu erleben will, sollte zum Emerson Quartett greifen – man erlebt im besten Sinne Unerhörtes.

Sie planen eine Karriere als Klassik-Star? Mögen aber den Rummel um Ihre Person nicht so? Ganz einfach: Wählen Sie ein Streichquartett als Betätigungsfeld, die immer noch uneitelste Form der klassischen Musik.

"Fugen"-CD mit dem Emerson String Quartet: Echte Stars ohne Villazon-Faktor
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"Fugen"-CD mit dem Emerson String Quartet: Echte Stars ohne Villazon-Faktor

Sie können ein noch so großer Künstler sein, die Szene mag Ihnen zu Füßen liegen – Ihnen fehlt das, was den echten Klassik-Überflieger heute auszeichnet: Crossover-Potenzial. Nie erobern Sie neue Zielgruppen, Sie bleiben immer, wo Sie sind. Nehmen Sie das formidable Emerson Quartett: Vier Herren, die das höchste Niveau der Streichquartett-Möglichkeiten verkörpern – echte Stars, aber eben keine mit Villazon-Faktor oder Lang-Lang-Euphorie. Seit 1976 musizieren sie schon gemeinsam und begeistern die Kammer-Fans. Zwar tragen sie auf ihrer Website und auf dem neuen CD-Cover edlen Zwirn und posieren locker vor der Kamera, das aber mit einer vornehmen, unverdächtigen Dezenz.

Derzeit geht es ihnen um Bach: Erst spielten die vier US-Amerikaner (ausgebildet an der berühmten Julliard School in New York) jüngst die spröde und abgehobene "Kunst der Fuge" ein, jetzt legen sie auf gleichem Niveau mit noch mehr Bach-Fugen nach. Immerhin sind es diesmal die erheblich populäreren Werke aus dem "Wohltemperierten Klavier”, aus denen das Emerson Quartett für die neue CD-Veröffentlichung schöpfte. Eugene Drucker (Violine), Philip Setzer (Violine), Lawrence Dutton (Viola) und David Finckel (Cello) rechtfertigen ihren Ansatz schlicht damit, dass Bachs Intentionen "so abstrakt" seien, dass sie über die Grenzen eines Tasteninstrumentes hinausreichten – und so klingen die adaptieren Tastenstücke, als seien sie durchaus für Streicher erdacht.

Eigentlich auch eine naheliegende Idee: Warum nicht die vertrackten vierstimmigen Wunderwerke auf vier ähnlich klingende Instrumente verteilen und damit die Struktur und den Fluss der Kompositionen leichter und sinnlicher durchhörbar zu machen? Natürlich muss einem sofort wieder der unvergleichliche Bach-Meister Glenn Gould in den Sinn kommen, dessen kühl analytisches Spiel just dies zum Ziel hatte: Alles klar und deutlich machen, was Johann Sebastian Bach an musikalischen und architektonischen Ideen in fünf Minuten packen konnte.

Ob Gould allerdings seine Freude am Sound der vier Emerson-Musiker gehabt hätte, kann nicht garantiert werden. Zu sinnlich, sehnend und vibratophil spielen sie die Fugen, um einen Intellektuellen wie Gould zu entzücken. Doch darauf kommt es nun wirklich nicht an: Schönheit, die Zirkelquadratur aus Klarheit und Emotion, schimmert in diesen herrlich durchleuchteten Interpretationen in jeder Phase. Sehr harmonisch, virtuos und auf sympathische Weise unmodern – also kein trockenes, analytisches Labor-Spiel, sondern naive Musizierlust und Begeisterung für die Form und ihre Vollendung.

Ähnlich muss es Wolfgang Amadeus Mozart gegangen sein, als er auf die wohltemperierten Bach-Noten stieß und sie für Streichquartett bearbeitete – auf diese Versionen stützen sich die Aufnahmen des Emerson Quartetts größtenteils. Einige Arrangements stammen von dem Wiener Komponisten Emanuel Aloys Förster (1748-1823), der wie Mozart einige Stücke in für Streicher bessere Tonarten transponierte. Dennoch klingt nichts verfremdet, der Geist Bachs und seiner Fugen ist stets unverfälscht präsent. Fast alle vertretenen Kompositionen sind vierstimmig, und für die beiden fünfstimmigen Fugen aus dem zweiten Buch holten sich die Emersons Da-Hong SeetooDezenz dazu, der auch als Produzent und Toningenieur die Aufnahmen betreute.

Wer den Vergleich zur Originalfassung mag, sollte zu Daniel Barenboims frischer und solider Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers” von 2004 greifen (Warner Classics), der beide Bücher des Werkes nicht nur aufnahm, sondern damit sogar konzertierte.

Zur Annäherung an eines der populärsten und wichtigsten Werke Johann Sebastian Bachs ist die Emerson-Aufnahme jedenfalls bestens geeignet, sie dürfte sogar Klassik-Neulingen gefallen – wenn auch keine Gefahr besteht, dass das Quartett mit seiner Musik jemals auch nur in die Nähe eines Event-Stadions gerät. Für viele mag ja auch das gerade attraktiv sein.


CD Johann Sebastian Bach Emerson String Quartett: Fugen - Arrangiert Förster und Mozart (Universal)

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insgesamt 1 Beitrag zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.05.2008 von charlottef: Wenn Fugen faszinieren

Zwar habe ich die CD noch nicht gehört - doch möchte ich dem Verfasser sagen, dass dieser Artikel wunder-, wunderschön geschrieben ist. "Schönheit, die Zirkelquadratur aus Klarheit und Emotion..." - beser gehts doch [...] mehr...

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