Von Khuê Pham
Jeden Montag verwandelt sich der Keller des Hamburger Kulturpalastes Billstedt in eine Disco mit Live Act. Rotes Licht verleiht dem kargen Raum so etwas wie Clubatmosphäre, von den steinernen Wänden hallen schwere HipHop-Beats wider, die ein DJ von seinem Mischpult schleudert. Auf einer kleinen Bühne geht eine Gruppe von HipHoppern so richtig ab: Sie umringen ihren Starrapper, feuern ihn an, grooven mit ihm im Takt der Musik. Eigentlich eine Szene wie aus jedem MTV-Musikvideo. Wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre - die HipHopper sehen so gar nicht aus, wie HipHopper sonst aussehen.
Ihre Haare sind so weiß wie die Diamantenstecker, die in den Ohren der amerikanischen Gangsta-Rapper blitzen. Und weiß sind auch ihre Socken, die in Gesundheitssandalen stecken. Diese Rapper sind nicht nur Old School, sie sind alt - sehr alt sogar. Ihr Name ist Programm: "Rap Rentnaz".
Seit einem halben Jahr treffen sich neun Pensionäre jeden Montag in diesem Kulturzentrum, um gemeinsam zu texten und zu rappen. Die ungewöhnliche Crew formierte sich aus einer örtlichen Seniorengruppe. Angeregt von der ebenfalls in Hamburg-Billstedt ansässigen HipHop-Akademie, beschlossen sie, ihre Gruppenaktivitäten radikal umzugestalten: Statt spazieren zu gehen, Nachmittagstee zu schlürfen oder Museen zu besuchen, unternehmen sie seither Ausflüge in die HipHop-Kultur.
Protestrapper der alten Schule
Heimlicher Star der rüstigen Rapper ist der 67-jährige Rolf Sander, auch "Rollo Rap" genannt. Mit seinem Goldkettchen und gebräuntem Teint sieht er zwar aus wie ein Urlauber auf Mallorca, aber mit seinen Texten erinnert er ein wenig an die Protestrapper der alten Schule. In seinen Versen disst "Rollo Rap" mit Vorliebe das politische Establishment: "Wir kümmern uns auch um die Scheißpolitik, denn wir sind die Alten und spielen noch mit/Wir dürfen noch wählen, manchmal halbtot, das kümmert den Staat nicht, der sieht keine Not."
Wie ein Boxer tänzelt "Rollo Rap" bei seinem Sprechgesang vor und zurück. Jedes Wort begleitet ein fuchtelnder Arm, jede Strophe das Johlen seiner Rap-Kollegen. Früher schraubte der pensionierte Techniker Kaffeemaschinen zusammen, heute hält er das Mikrofon wie eine Waffe vor seine dünnen Lippen. Voll Zorn spuckt er die Worte hinein, rappt etwa gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog: "Da ruft ein Herzog ganz unverhohlen, ihr habt der Jugend das Geld gestohlen." Herzog hatte im April wegen der außerplanmäßigen Rentenerhöhungen davor gewarnt, dass sich Deutschland in eine "Rentnerdemokratie" verwandeln könnte, in der die Alten das Sagen haben und auf Kosten der Jungen leben.
Nach ein paar Probegängen ihres selbstproduzierten Tracks "Krücke, Arm und Hüfte bricht, aber unsere Power nicht" haben sich die rappenden Rentner verausgabt. "Ihr könnt jetzt 15 Minuten Pause machen", ruft ihr Lehrer, der 31-jährige HipHop-Trainer Ilhan "Illy Idol" Altundag. "Rollo Rap" stützt eine Mitstreiterin, die Schwierigkeiten hat, die Bühne herunterzuklettern - sie hat vor kurzem ein künstliches Hüftgelenk bekommen. Die Rapper schlurfen zu ihren Taschen und packen Mineralwasserflaschen aus.
"HipHop hält aktiv"
Rollo, warum rappen Sie eigentlich? "Es schafft eine Verbindung zur jüngeren Generation", sagt "Rollo Rap", "außerdem hält mich HipHop aktiv." Die anderen nicken: Für die Alten ist Rappen eine Verjüngungskur, so etwas wie eine Kombination aus Nordic Walking und Hirnjogging. "Am Anfang war es sehr schwierig für mich, mir die Texte zu merken und auch noch vorzutragen", erzählt etwa die 68-jährige Karin Beckmann, die keinen HipHop-Namen hat, weil ihr "nichts Gutes eingefallen ist".
Beckmann ist eine rundliche Frau mit gepflegter Fönfrisur und goldgerahmter Brille - ein absoluter Gegenentwurf zu den bikinibekleideten HipHop-Honeys auf MTV also. Den Weg in die Welt der Rap-Musik hat ihr der 19-jährige Enkelsohn gewiesen: "Von ihm habe ich die ganzen HipHop-Ausdrücke wie 'voll fett', 'voll cool' und 'voll krass' gelernt", erzählt sie und klingt dabei, als würde sie über Vokabeln einer Fremdsprache reden.
Eher launig und lustig als lässig
Dabei könnten sich die jungen HipHop-Hüpfer sogar etwas von den Oldie-Rappern abgucken, meint ihr Trainer "Illy Idol", der auch Jugendlichen aus Hamburgs sozialen Brennpunkten das Rappen beibringt. "Die jungen Leute haben ein festes Bild vom Rap und bestimmte Idole, die sie kopieren", sagt er, "aber die Rentner kennen keine Idole. Deswegen sind sie einfach nur sie selbst. Sie sind authentischer." Während die Teenies versuchen, das Gangstergehabe von Bushido, Sido und Massiv nachzuprollen, bleiben sich die Alten treu. Und darum geht es ja auch beim Rappen: um Realness, um Authentizität.
Dass die Seniorencrew mit ihrem originellen Stil mal die HipHop-Charts stürmen wird, ist dennoch eher unwahrscheinlich. Das Rappen macht ihnen zwar sichtlich Spaß, klingt aber eher launig und lustig als lässig - als Live Act dürften die "Rap Rentnaz" auf jüngere HipHopper eher skurril als skilled wirken. Und auch in der im HipHop so wichtigen Währung Coolness können die Rentner mit den weißen T-Shirts und dem rosa Logo nicht wirklich punkten.
So erzählt HipHop-Oma Karin Beckmann denn auch freimütig, dass ihr Enkel die "Rap Rentnaz" zwar gut fände - aber nicht mit ihnen zusammenarbeiten wolle. "Er belächelt uns ein bisschen", sagt sie und lächelt dabei selbst. Sehr jung wirkt sie jetzt - und sehr fresh.
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