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Die wichtigsten CDs der Woche
Nach allem, was man zusammen durchgemacht hat, lässt Jan Wigger das verschollen geglaubte Chicago-Album Nr. 32 gut wegkommen - und freut sich über das Rätsel Sigur Rós. Andreas Borcholte ist froh, dass man Eli "Paperboy" Reed nicht mit Amy Winehouse vergleichen kann.
Chicago – "Stone Of Sisyphus (XXXII)"
(Rhino/Warner, 27. Juni)
Wenn man heute das nach wie vor unglaubliche Debüt "Chicago Transit Authority" (auch die Band hieß damals noch so) aus dem Jahr 1969 auflegt, um noch einmal den unbändigen Stilwillen und die im Rock- und Pop-Bereich beispiellose Präzision der Bläser von Walter Parazaider, James Pankow und Lee Loughnane zu bewundern, dann denkt man immer auch an Terry Kath: Der Gitarrist von Gottes und Hendrix’ Gnaden schrieb hier neben anderem das überragende "Questions 67 And 68" und nahm sich 1978 unfreiwillig das Leben, als er Chicago-Roadie Don Johnson demonstrieren wollte, dass seine Pistole, die er gerade reinigte, nicht geladen sei und in Schläfenhöhe abdrückte. Spätestens seit Mitte der Siebziger erkundeten Chicago vornehmlich das Seichte, doch wird gern vergessen, dass es sich bei "If You Leave Me Now" oder Peter Ceteras Beatles-Hommage "Baby, What A Big Surprise" von "Chicago XI" um großartige Songs handelt.
Alle Live-, Best Of- und Weihnachtsalben ("Christmas: What's It Gonna Be, Santa?") eingerechnet, ist "Stone Of Sisyphus" die nunmehr 32. Chicago-Platte, zudem ein sogenanntes "Lost Album", das die Plattenfirma 1994 für zu unkommerziell hielt, um es zu veröffentlichen. Während das Titelstück am treffendsten mit dem Wort "drahtig" (ekliger noch: "kernig") zu beschreiben ist, zählen "Bigger Than Elvis" und "Let's Take A Lifetime" zu den von Chicago perfektionierten Power-Balladen mit unterwürfigen Arztroman-Lyrics, von denen sich die Band auf "Stone Of Sisyphus" eigentlich verabschieden wollte. "Mah-Jong" klingt nach Wang Chung, doch vor allem Robert Lamms teilweise gerapptes (!) "Sleeping In The Middle Of The Road" ist furchtbar: Rentnerband betritt kurz vor dem Weltuntergang schnell noch die Garage, um ein letztes Mal amtlich abzumucken. "The Pull" und "Here With Me (A Candle In The Dark)" sind in Ordnung, und der Balladen-Kitsch... Ach, man kommt ja doch nicht dagegen an. After all that we’ve been through: (5) Jan Wigger
Wolf Parade – "At Mount Zoomer"
(Sub Pop/Cargo, bereits erschienen)
Man sprach eher hinter vorgehaltener Hand statt offen darüber, aber nicht wenige von denen, die das erste Wolf-Parade-Album "Apologies To Queen Mary" kannten und liebten, erwarteten von "At Mount Zoomer" mindestens einen schöpferischen Quantensprung wie jener von "A.M" zu "Being There" (Wilco), von "Ultimate Alternative Wavers" zu "There’s Nothing Wrong With Love" (Built To Spill) oder von "Slanted & Enchanted" zu "Crooked Rain, Crooked Rain" (Pavement). Wolf Parade pfeifen drauf, glätten das "Queen Mary"-Chaos (das ist schade), gestalten das Songwriting ökonomischer und klarer (das ist gut) und haben mit "California Dreamer" auch den einen Song verfasst, der "You Are A Runner And I Am My Fathers Son" aus 2005 in Würde nachfolgt: "And you were dreaming of Los Angeles/ While I was singing songs you wrote/ You quietly gave away the winter clothes I made for you/ While I made angels in the snow."
Die Synthies evozieren bei Wolf Parade mal Kirmes, mal Vorhölle, und während sie das abschließende, zehnminütige "Kissing The Beehive" spielen, stehen diese Kanadier bis zu den Knien in langsam zerschmelzendem, diamanten funkelnden Schneematsch. Für enttäuschte Fans von Modest Mouse. (7) Jan Wigger
Sigur Rós – "Med Sud I Eyrum Vid Spilum Endalaust"
(EMI, bereits erschienen)
Als sich Scorpions-Sänger Klaus Meine und Weißbier-König Waldemar Hartmann (Anmerkung des Verfassers: Beide halten Revolverheld für Rockmusik) in "Waldis EM-Club" krachledern über die Weinerlichkeit von Xavier Naidoos "Dieser Weg" beklagten und sich schließlich auf die kategorischen Imperative "Die beste Droge ist Musik!" und "Rock'n'Roll ist Trumpf!" einigten, wusste man bereits, dass auch diese neue Sigur-Rós-LP wieder allein stehen wird, zwischen Kirchentag und Orchestergraben, zwischen Halluzination und reiner Herrlichkeit. "With A Buzz In Our Ears We Play Endlessly" heißt der Albumtitel übersetzt, und obwohl Jon Thor Birgisson erstmals ein Stück auf Englisch vorträgt, weiß doch insgesamt kaum jemand, worüber Sigur Rós so singen. Dies jedoch war ja auch bei den Cocteau Twins immer das Schönste, und ins Säkulare treibt Sigur Rós trotz des bemerkenswert organischen, ja griffigen ersten Songs "Gobbeldigook" noch immer nichts: "Ára Bátur", mit Sinfonieorchester und Knabenchor unter Mitwirkung von insgesamt 90 Leuten aufgenommen, strebt schon himmelwärts, das besinnliche "Fljótavik" dagegen ist nur noch ein Vergehen und Verschwinden. Übrigens sind und bleiben die Isländer auch deshalb so gut, weil sie stets mühelos eine goldene Regel befolgen: Selbstoffenbarung ist die Vernichtung des Ichs.
(8) Jan Wigger
Eli "Paperboy" Reed & The True Loves - "Roll With You"
(Q Division/Soulfood, 27. Juni)
Endlich mal jemand, den man nicht mit Amy Winehouse vergleichen muss: Eli "Paperboy" Reed ist 24 und stammt aus Brookline, Massachusetts. Das ist in der Nähe von Boston und so öde, dass man entweder eine College-Rockband gründet und sich mitsamt Gitarre langsam in Tristesse verschrammelt - oder sich für James Brown hält und mit Soul und Funk gegen den Stumpfsinn anlärmt. Reeds Album "Roll With You" ist der beste Beweis, das der Kleinstadt-Blues sich nicht immer in Punkrock entladen muss, sondern auch im treibenden, überbordenden R'n'B ein Ventil finden kann. Hier werden sie alle zitiert und zelebriert, die Helden des Sixties-Soul-Booms: Otis Redding, Wilson Pickett und die ganze Memphis-Bande - und immer wieder James Brown, dessen schwitzigen, hektischen Groove Reed mit seiner Band akribisch studiert hat. Das alles wäre ungefähr so spannend wie ein weiteres glattgebügeltes Swing-Album von Michael Bublé, wenn Reed nicht über eine eindrucksvolle Soul-Stimme verfügen würde, die ihn mal croonen, mal kreischen, mal knurren lässt. Was der "Paperboy" über die tragischen, immer in Schieflage hängenden Geschichten zwischen Boys und Girls zu singen hat, kommt klar von Herzen - oder zumindest erweckt der Mann den Eindruck, als hinge sein Leben von diesen Songs ab. Und das, Punk hin, Soul her, ist die Essenz guter Musik. Play that funky music, white boy!
(6) Andreas Borcholte
Bedroom Walls – "All Good Dreamers Pass This Way"
(Ministry of Sound/Edel, bereits erschienen)
Nicht zu kurz kommen sollen an dieser Stelle die kleinen und versteckten Kopfhörer-Platten vom Rande Amerikas, erschaffen von den in Sixties-Westcoast-Sound verliebten Pop-Besessenen und dazu verdammt, in etwa so viele Einheiten zu verkaufen wie vor Jahren Oranger oder die Beachwood Sparks. Nach den üblichen Kritiker-Elogen zum Debüt "I Saw You Coming Back To Me" dürfen Bedroom Walls diesmal mit "In Anticipation Of Your Suicide" nicht nur den zentralen Song zu Jonathan Levines High-School-Slasher "All The Boys Love Mandy Lane" beisteuern, sondern haben für "All Good Dreamers Pass This Way" überhaupt ein paar hübsch unspektakuläre, wundervoll arrangierte Lieder zusammengetragen, mit Vibraphon, Harmonium, wispernden Gitarren und Elliott-Smith-Gesang. Haben Sie viel Spaß damit und denken Sie beizeiten daran: Wem bereits diese Platte das Leben rettet, der hat es wirklich gut erwischt.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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