Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Hüsker Dü hätten Glück, wenn sie heute noch aktiv wären und so vital klängen wie The Hold Steady, meint Jan Wigger und möchte eine Party mit dem Depri-Core von Max Müller feiern. Außerdem bei Abgehört: Neue Platten von She & Him, Jim Noir und den Bowerbirds.
The Hold Steady – "Stay Positive"
(Rough Trade/Beggars/Rough Trade, 11. Juli)
Es gibt nur einen Grund, sich eine Platte, die "Stay Positive" heißt, anzuhören: nämlich dann, wenn sie von der amerikanischen Band The Hold Steady stammt und in etwa so losgeht, wie jedes gute Rockalbum losgehen sollte: Gitarren, die Löcher in die Luft schneiden, und ein Piano, das einmal dem E-Streetler Roy Bittan gehört haben muss. Dazu singt Craig Finn mit der atemlosen Euphorie eines endlosen Sommers: "Me and my friends are like double whiskey, coke, no ice/ We drink along in double time/ Might drink too much but we feel fine/ We’re gonna build something this summer." Hüsker Dü hätten noch mal Glück gehabt, wenn es sie heute noch gäbe und sie so klingen würden. The Hold Steady sind trotz erst vier veröffentlichten LPs beinahe schon alte Säcke, doch sie erzählen von adoleszenten Unbesonnenheiten, letzten Abenden unter Freunden, Messerkämpfen und der Einsamkeit am Tresen so schmerzlich und präzise, als seien sie Amerikas bester neuer Romanschriftsteller.
Auf das gespenstische "Both Crosses", in dem ein Mädchen Todesfälle vorausahnt, folgt der affirmative Titelsong, und Finn beschwört noch einmal die Erinnerung an eine Jugend und den Hardcore der achtziger Jahre, "when the Youth Of Today and the early 7 Seconds taught me some of life’s most valuable lessons". Nirgendwo lernten wir mehr über das Leben als auf einer dieser famosen, dreiminütigen Singles. (8) Jan Wigger
Max Müller – "Die Nostalgie ist auch nicht mehr das was sie früher einmal war"
(Angelika Köhlermann/Broken Silence, bereits erschienen)
Das Verdikt, die notorisch erfolglose Berliner Band Mutter werde missverstanden, ist falsch: Mutter werden, obgleich ebenso wichtig wie die Flowerpornoes oder Fehlfarben, gar nicht erst gehört. Wenn Mutter-Alben wie "Ich schäme mich Gedanken zu haben die andere Menschen in ihrer Würde verletzen" oder "Europa gegen Amerika" (das einen Tag vor 9/11 erschien und daher noch bleierner in den Regalen lag beziehungsweise gar nicht erst in die Regale einiger Händler gelangte) zuallererst als "anstrengend" bezeichnet werden, sagt das einiges über Aufmerksamkeitsspanne und Dienstleistungsdenken von Musikhörern aus. Es lehrt einen aber auch, dass man nie von sich auf andere schließen darf: Wenn Mutter-Sänger Max Müller nun auf seinem neuen Solo-Album ähnlich wie in einer frühen Arne-Zank-Aufnahme vor Leuten warnt, die ihren Namen als Gürtelschnalle tragen oder mit dünner Stimme "Zwei einsame Schizoide" besingt, ist die nächste Party weit.
Rührend dagegen das Instrumental "Träumerei (Neurosen)", das Saxophon in "Frauenkrieg" und die versuchte Selbstauskunft "Es reicht (schon lange nicht mehr)". Ja, Max Müller macht Depri-Core, nennt seine Alben fröhlich "Endlich tot", und singen kann er auch nicht. Aber wurde der niederschmetternde Scharfsinn von Mutters "Boeckhstr.26" eigentlich jemals übertroffen? "Melancholie ist das falsche Wort für all das was man nicht sagen will und kann/ Man will nicht zurück und doch sehnt man sich dahin wohin man nicht mehr gehen kann." Wo ist zu Hause, Mutter? (7) Jan Wigger
Jim Noir – "Jim Noir"
(Rykodisc/Rough Trade, bereits erschienen)
Jim Noir frickelt, orgelt, schwelgt, floatet in space wie Jason Pierce, hat alle guten Sixties-Melodien gleichzeitig memoriert, ist in "Grey’s Anatomy" zu hören, ist – wir ahnten es bereits – "exzentrischer Multi-Instrumentalist" und aller Wahrscheinlichkeit nach so merkwürdig, dass er "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" als sein Lieblingsalbum der Beatles bezeichnen würde. Ist der Mann mit der Wollmütze wirklich der britische Beck, wie es der "NME" fristgerecht verlauten ließ ? Oder ist er hinterher bloß wieder nur Money Mark? Noirs zweites Album jedenfalls ist sehr gut, den Beginn von "Don't You Worry" hat er bei Radioheads "Just" gestohlen, doch auch Air, die Beach Boys in sämtlichen Phasen und früher britischer Folk dürften den Denker und Tüftler beeinflusst haben. Ganz reizend: "Good Old Vinyl", Noirs Knabenchor-Lied über die Vorzüge der guten, alten Schallplatte.
(7) Jan Wigger
She & Him – "Volume One"
(Domino/Indigo, 11. Juli)
Die uneindeutigen Trauerlieder, die wohlige Nostalgie und den ganz besonderen Klang, den man von den Alben des Solitärs M. Ward kennt, sind auf "Volume One" nur noch in Spurenelementen vorhanden. Was in erster Linie daran liegt, dass zehn der zwölf Songs des She & Him-Debüts von der Schauspielerin Zooey Deschanel stammen, die vor kurzem den Fehler beging, die weibliche Hauptrolle in M. Night Shyamalans neuestem Filmdesaster "The Happening" zu bekleiden. Auch singt Ward auf "Volume One" nicht, sondern begleitet die ungleich beschwingteren, entfernt an Dusty Springfield, Chet Atkins und die Phil-Spector-Girlgroups erinnernden Kompositionen Deschanels neben anderen Musikern aus dem Bright Eyes/Decemberists-Umfeld auf der Gitarre und stand der Schönheit als Produzent und Mentor zur Seite. Ein bemerkenswerter Zufall aber, dass nun ausgerechnet die M.-Ward-LP "Transistor Radio" das Unzeitgemäße von "Volume One" als Gegenstück ergänzt.
(6) Jan Wigger
Bowerbirds – "Hymns For A Dark Horse"
(Dead Oceans/Cargo, 11. Juli)
Der Trend zu Flora und Fauna im Pop hält sich ja nun schon geraume Zeit, und noch bevor im Spätsommer die Dodos auf uns einklöppeln werden, berichten die Bowerbirds (dt.: Laubenvögel) aus North Carolina auf "Hymns For A Dark Horse" schnell noch von Grasmücken, Sperlingen und blinden Pferden, die in einen Stacheldrahtzaun galoppieren. Mit einfachem Instrumentarium (Geige, Akkordeon, Akustikgitarre, bescheidene Percussion) fliehen die Bowerbirds ins Grüne und verwenden in "Dark Horse" den Seetaucher als Verkünder von Enormitäten: "He spoke to my center/ He spoke of the future/ He sang, 'You, my friend, are alone, alone'." Wir warten mal ab, in welche der übervollen Schubladen man das wunderliche Indie-Folk-Trio stecken wird, und verbleiben mit folgender, natürlich unverbindlicher Einschätzung: wie Devendra Banhart ohne Bart und Meditationslehrer.
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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