Von Werner Theurich
Nicht erschrecken! Wenn man Giovanni Sollimas Homepage im Internet aufruft, springt einem die Wildheit des Cellisten, sein heftiger Zugriff aufs Instrument förmlich ins Gesicht.
Das sizilianische Temperament des 1962 in Palermo geborenen Musikers zeigt sich eben nicht nur im virtuosen Spiel, sondern auch in Pose, Attitüde und körperlichem Ausdruck. Aber wer sich an die heftige Grandezza der jungen Jacqueline du Pré erinnert, weiß, dass das Cello das Instrument der stillen, in sich ruhenden Einkehr, aber auch ein Vehikel der Ausbrüche sein kann. Sollima treibt dieses Wechselspiel auf die Spitze, und weiß, wie man's macht: Er schreibt heute seine Musik fast ausschließlich selbst – was im 19. Jahrhundert bei Violin- oder Piano-Virtuosen ganz normal war. So ist Sollima traditionell und modern zugleich – und diese Brücken schlägt er in seiner üppigen und vielfältigen Musik mühelos.
Die Musik auf Giovanni Sollimas neuem Album "We were trees" entspringt wie eine Quelle aus fruchtbarem Boden: Folkloristisch swingende Melodien italienischer Provenienz und tänzerische Elemente mischen sich mit orientalisch biegsamen Harmonien. Trockener Gesang gehört ebenso dazu wie kräftig percussive Elemente, die er seinem Instrument wie selbstverständlich entlockt. Wenn es dazwischen mal wieder beinahe klassisch mozartisch tönt, so sollte das nicht verwirren: Es gehört zum pulsierenden Strömen von Sollimas Musik, die keine Stilgrenzen gelten lässt. Die leidige Frage, ob's eher U oder E ist, erledigt sich nach ein paar Minuten. Es ist eben seine ureigene Musik, der man die Suche nach dem neuen Ausdruck überdeutlich anmerkt. Auch wenn er, wie beim "Fandango del Signor Bouqueriny", mal alte Texte von Giacomo Casanova verarbeitet.
Für die fast sakralen Momente des Albums – und davon gibt es trotz aller Eruptionen nicht wenige – holt er sich manchmal Unterstützung. Auf "We were trees" zum Beispiel die amerikanische New-Wave-Ikone Patti Smith, die zu dem Stück "Yet Can I Hear" nicht nur singt, sondern auch den Text verfasste. Ein kleines Wunder, und auch das gelingt. Denn Giovanni Sollima kann auch flexibel auf die Ideen anderer eingehen; kein Egomane, ein Abenteurer eben. So darf eine junge Cellistin neben ihm nicht nur die Saiten streichen, sondern auch glänzen: Monika Leskovar bietet dem wilden Maestro anständig Paroli.
Zunächst begann Giovanni Sollima, wie sich's als Sohn eines Pianisten und Komponisten gehört, mit einer klassischen Ausbildung. Sein Vater Eliodoro Sollima, Lehrer am Konservatorium in Palermo, brachte ihm das Rüstzeug für Cello und Komposition bei, anschließend verschlug es den Sohn sogleich nach Stuttgart, wo er sein Studium weiterführte. Sein Ruf als innovativer Virtuose verbreitet sich bis in die USA. Das Zusammentreffen mit dem amerikanischen Minimalisten Philipp Glass hat Sollima nicht zum Epigonen des minimalistischen Komponisten gemacht, dazu bewegten Sollima zu viel eigene Ideen. Doch griffiges 19. Jahrhundert wie in Stücken von Tschaikowsky und Rossini hat er auch mal aufgenommen, ebenso wie Kompositionen von Astor Piazzolla, Paul Hindemith oder Tore Takemitsu. Alles jedoch nur Inspirationen für Eigenes, bei dem er aus dem Vollen der verschiedenen Stilepochen schöpft.
Ein "normaler" reisender Virtuose zu den großen Orchesters wird er wohl in diesem Leben nicht mehr werden. Derzeit ist er mit dem jungen Ensemble "Kaleidoskop" aus Berlin auf Tournee, das ihn auch beim neuen Album begleiteten. Offenbar eine symbiotische Liaison, denn die dichte Harmonie zwischen Solist und Kammerorchester ist deutlich hörbar. Auch Sir Simon Rattle soll die jungen Kollegen aus der Hauptstadt sehr schätzen. Immerhin gelingt es der flotten Musiker-Crew so verschiedene Stil-Trips wie Sollimas indisch fließenden "Tree Raga Song", der noch am ehesten an Philipp Glass erinnert, und wilde Ausbrüche wie das programmatische "Violoncelles, Vibrez!" unter einen Hut zu bringen.
Wer weiß: Vielleicht lässt er das Cello auch mal ganz stehen. Immerhin schrieb Sollima 2002 schon eine zweistündige Oper ("Ellis Island") und komponierte Musik zur "Göttliche Komödie" von Dante. Überraschen kann einen nichts mehr, wenn man die lustvolle Achterbahnfahrt seines aktuellen Albums absolviert hat.
CD Giovanni Sollima: "We were trees" (Sony BMG).
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