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29.07.2008
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Wie verführerisch mehrstimmige Harmoniegesänge sind, fand Jan Wigger beim Hören der Fleet Foxes heraus, während er beim alten Barden Randy Newman Harfen und Engel singen hörte. Andreas Borcholte ging mit Conor Oberst auf die Suche nach der amerikanischen Seele.

Fleet Foxes – "Fleet Foxes"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 8. August)

Keine vierzig Minuten dauert das Debüt-Album der von einer unbestimmten Sehnsucht erfüllten Bart-Band Fleet Foxes aus Seattle, und jeder einzelne Moment darauf schreit: "Offenbarung!". In einer modernen Welt, deren Nähte sich langsam lösen, haben fünf amerikanische Hippies elf Songs geschrieben, die klingen, als seien sie direkt aus den frühen Siebzigern in die Neuzeit hinübergeweht worden. Der dem letztjährigen, herrlichen Eagles-Stück "No More Walks In The Wood" ähnelnde Fleet-Foxes-Choral "Heard Them Stirring" vergeht im Morgennebel, und auch ein freundliches Mantra wie "White Winter Hymnal" kann nur dann entstehen, wenn mehrstimmige Harmoniegesänge so verführerisch sind, wenn alles im Fluss begriffen ist wie bei dieser nächsten großen amerikanischen Musikgruppe. Wie Joanna Newsom in "Emily" besingen auch die Fleet Foxes die Wiesenlerche, wenig später ist in "Blue Ridge Mountain" von einem verpassten Anschlussflug die Rede.

Als hätte man inmitten dieser ländlichen, beinahe mittelalterlichen Kulisse mit einem Flugzeug gerechnet! "He Doesn't Know Why" und der "Tiger Mountain Peasant Song" lassen My Morning Jacket, lassen Band Of Horses, ja sogar Midlake alt aussehen, doch der hellste Augenblick schierer Schönheit ist der Refrain des so schläfrig beginnenden "Your Protector": "As you lay to die beside me baby on the morning that you came / Would you wait for me / the other one would wait for me." Wer angesichts dieser Erscheinung ernsthaft von "Retro" spricht, hat sich seinen iPod mehr als verdient. (10) Jan Wigger

Randy Newman – "Harps And Angels"
(Nonesuch/Warner, 8. August)

You can't keep a good man down! Ziemlich genau neun Jahre nach "Bad Love" biegt Randy Newman mit einer noch bluesigeren, noch Dixieland-jazzigeren neuen Platte um die Ecke und hey, kids: Von diesem längst legendären Song-Opa könnt sogar ihr noch etwas lernen! In über 40 Jahren hat Randy Newman alles von Belang besungen, hat die rührendsten ("Living Without You"), gespenstischsten ("In Germany Before The War"), spöttischsten ("Rednecks"), nostalgischsten ("Dayton, Ohio - 1903"), entlarvendsten ("Love Story (You And Me))", niedergeschlagendsten ("Everytime It Rains") und endgültigsten ("God's Song") Lieder komponiert - und dabei zuweilen in ökonomischster und knappster Form Enormitäten ausgesprochen. Dazu spielte Newman eine Musik, die man in den besten Fällen nur als steinerweichend bezeichnen konnte. Nun liegt jemand gleich im eröffnenden Shuffle "Harps And Angels" schon im Sterben, spricht (obschon nicht religiös) vorsichtshalber ein Gebet, hört die Engel singen, wird versehentlich in ein Gespräch mit Gott verwickelt und kann trotz Rettung auch noch etwas vom Jenseits erzählen: "There really is an afterlife/ And I hope to see all of you there / Let's go get a drink." Danach bricht einem "Losing You" das Herz, kein Liebeslied, sondern ein kurzer Abriss über das menschliche Weiterleben nach bereits eingetroffenen Unabänderlichkeiten: "I’d get over losing anything/ But I'll never get over losing you." Auch "Feels Like Home" – diesmal ein Liebeslied – ist zwar simpel, aber so anrührend wie damals "Marie" auf "Good Old Boys". Und das verkitschte orientalische Beiwerk im Klischees aufreihenden "Korean Parents"? Natürlich Absicht.

In "A Piece Of The Pie" geht die Welt zugrunde, weil der Heilsbringer vorwiegend auf Reisen ist ("Bono's off in Africa, he's never around"), und "A Few Words In Defense Of Our Country" ist die große, stichelnde, auch vergnügliche Rede zur Gesamtsituation Amerikas. In "Only A Girl", dessen Geschichte sich gut und gerne zehn Jahre vor (oder nach!) dem zornesroten "Bad Love"-Stück "Shame" zugetragen haben könnte, wundert sich ein angejahrter Mann darüber, dass das junge Ding etwas an ihm findet. Aber was? "Why would someone beautiful as she/ Love someone old like me/ Maybe it's the money/ Jeez, I never thought of that." Nebenbei erwähnt: Auch Arrangements, Orchestrierungen, Aplomb am Piano und die Produktion von Mitchell Froom und Lenny Waronker reichen an Randy Newmans gewaltigste Alben heran. (10) Jan Wigger

Conor Oberst - "Conor Oberst"
(V2/Cooperative Music/Universal, 1. August)

"Hey Mother Interstate/ Can you deliver me from evil/ Make me honest make me wedding cake/ Atone/ I will atone", singt Conor Oberst im ersten Song "Cape Canaveral" seines neuen Solo-Albums, und man merkt schon: Da meint es einer ganz ernst mit dem Mythos Amerika, mit dem Leben auf der endlosen Landstraße, mit der Flucht vor dem Schicksal und der schlecht gewordenen Liebe, dem tristen Job oder den Schlägern, die das letzte Geld eintreiben wollen. Americana heißt dieses Genre, weil es nach Benzin und heißem Asphalt riecht und nach Staub und billigem Whiskey schmeckt. Von Bob Dylan und den Flying Burrito Brothers zu Gram Parsons, von Bruce Springsteen zu Jeff Tweedy und Bonnie "Prince" Billy wird die Definitionsmacht von Generation zu Generation weitergegeben, und im Moment ist eben der 1980 geborene Conor Oberst, der ansonsten unter dem Moniker Bright Eyes firmiert, der jüngste Spross der Wurzelsucher, die das Heil auf dem Highway suchen. Dass ihn seine romantische Ader in fast schon religiöse Gefilde treibt, macht der Mann aus Omaha, Nebraska in vielen seiner neuen Songs klar, die manchmal ein bisschen irre und kindisch sind ("Lenders in the Temple"), sich manchmal aber auch die großen Erzählungen wagen, wie in "Danny Callahan", wenn Oberst mal nicht aus der Ich-Perspektive schreibt, oder im beschwingten "Sausalito", das ebenso gut 1970 im Laurel Canyon verfasst worden sein könnte. Ryan-Adams-artige Ausbrüche ins Impulsive wie "I Don't Want To Die ("In The Hospital") verzeiht man Oberst ebenso wie die etwas zu arg von der mexikanischen Farm Hacienda, auf der die Platte entstand, inspirierten Single "Souled Out!. Auf dem Höhepunkt seines Songwriter-Talents zeigt sich Oberst im Schlüsselstück "Moab", in dem er schön melancholisch sein Gebet formuliert: "There’s nothing that the road cannot heal/ Washed under the blacktop/ Gone beneath my wheels/ There’s nothing that the road cannot heal". Rein in den alten Ford und rauf auf die Straße. (8) Andreas Borcholte

The Wedding Present – "El Rey"
(Vibrant Records/Rough Trade, 1. August)

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen: Die 2005 spektakulär mit "Take Fountain" zurückgekehrten Leidenskünstler The Wedding Present haben eine neue Platte gemacht. David Gedge geht auf die 50 zu, und die wohlbekannten Wedding-Present-Themen erfahren auf "El Rey" allenfalls geringe Veränderungen: Die Frau ist da, die Frau ist weg, der Traum ist aus, der Krieg vorbei, das Leben geht weiter. Dazu jault und mault David in gewohnt missgelaunter Stimmlage, die Gitarre schraddelt so wie auf unzähligen Gedge-Liedern zuvor, und dass ausgerechnet Steve Albini "El Rey" produziert hat, fällt weder positiv noch negativ ins Gewicht. Mag sein, dass alte Gefolgsmänner auf die feinen Nuancen hinweisen werden, auf die Verlässlichkeit der Aphorismen ("The Thing I Like Best About Him Is His Girlfriend") und darauf, dass "El Rey" doch wieder ganz anders ist als das letzte Album (schwächer ist es in jedem Fall), doch der interessierte Durchschnittshörer ist mit "George Best", "Seamonsters", "Watusi" und "Take Fountain" ausreichend bedient. (5) Jan Wigger

The Dodos – "Visiter"
(Wichita/Cooperative Music/Universal, 1. August)

Das enervierende Geklöppel, das Freunde der Dodos aus San Francisco auch "experimentelles Drumming" nennen, es zieht sich quasi durch jeden einzelnen der 14 "Visiter"-Tracks. Ob im schmerzhaft deutlich an The Magnetic Fields angelehnten "Winter" oder beim sich epische sieben Minuten hinziehenden "Joe’s Waltz": Der Mann an der Percussion (hier: Logan Kroeber) ist schon da. Sänger Meric Long dagegen spielt eine tatsächlich sehr originelle Weirdo-Gitarre, ruft manisch dazwischen oder lässt den benebelten "Park Song" auf ganz besondere Art und Weise kreiseln. Zwar bleibt die Offensichtlichkeit, mit der sich "Jody" oder "Fools" bei Animal Collective bedienen, etwas ärgerlich, doch dann gelingen Kroeber und Long eben auch wieder Weihrauchkessel-Balladen wie "Undeclared" und "Ashley", die mit den Umständen versöhnen. Wer auf "Visiter" das Wiedererkennbare und Eingängige vermisst, sei getröstet: Bei der Incredible String Band konnte man auch nur ganz selten mitsingen. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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