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30.07.2008
 

Kammermusik

Boygroup der Klassik

Von Kai Luehrs-Kaiser

So sexy können Schubert und Schostakowitsch sein: Das Jerusalem Quartet bringt Jungsein und Sinnlichkeit in eine altherrenhafte Welt. Das kann süchtig machen.

Erotik-Feindschaft hat in der Klassik eine lange Tradition. Dirigenten und Pianisten etwa können nie alt genug sein. In den USA ist zudem noch immer eine alte Regel beliebt: "Oper ist, wenn die dicke Frau singt." Sinnliche Abturner steigern im Klassik-Business eben das Ansehen. Allerdings: Durch Phänomene wie die russische Sirene Anna Netrebko wurde eine Trendwende eingeleitet – von der man sich auch wieder fragt, ob sie der Weisheit letzter Schluss ist.

Jerusalem Quartet (CD-Cover "Der Tod und das Mädchen"): Musikalisch wunderbar profiliert
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Jerusalem Quartet (CD-Cover "Der Tod und das Mädchen"): Musikalisch wunderbar profiliert

Wie altherrenhaft es insbesondere in der Kammermusik bislang zuging, merkt man, wenn man eine Viererbande wie die blendenden Jungs des Jerusalem Quartets sieht. Einige von ihnen verkörpern das Schwiegersohn-Syndrom dezent, andere scheinen fast aus Erotik-Katalogen abgepaust. Darf man das offen aussprechen? Man muss es. Denn das scheinbar lockere Casting schürt den Verdacht, man müsse Abstriche bei der Musik machen. Zu Unrecht.

Das Jerusalem Quartet, 1993 nach seinem Gründungsort benannt, vereinigt Wunder kammermusikalischer Geschmeidigkeit mit einem erstaunlich sinnlichen Laisser-faire. Den vier Streichern um Primarius Alexander Pavlovsky haftet nichts bildungsbürgerlich Steifes oder Verkrampftes an. In Schuberts d-Moll-Quartett "Der Tod und das Mädchen" op. posth. D 810 entdecken sie ungeahnt zartes Dunkel und eine tatsächlich heitere Melancholie, der sie mit sanftem Schwung und innerer Bewegtheit Sinn verleihen.

Stets scheinen die vier Jünglinge an einem einzigen, gemeinsamen Bild zu malen. Goethes berühmte Ansicht, beim Streichquartett höre man "vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten", erhält so ein unerwartet harmonisches Gewicht. Dies innige Geplauder scheint zunächst wenig Dissens, geschweige denn die Gefahr des Streitens zu kennen. Lauscht man indes genauer, so schwingen hier innerer Konflikt und überwundene Kämpfe mit. Das Jerusalem Quartet präsentiert Kammermusik als Insel der Seligen – inmitten einer stumm tosenden See.

Schuberts Düsternissen und ebenso Schostakowitschs Klagemusiken bekommt diese erkämpfte Leichtigkeit vorzüglich. Daniel Barenboim lieh Kyril Zlotnikov, dem Cellisten des Quartetts, nicht zufällig das Cello seiner verstorbenen Ehefrau Jacqueline du Pré – eine hohe Ehre. In Meisterkursen bei Isaac Stern und György Kurtag holte man sich den letzten Schliff. Eine stattliche Anzahl von CDs bei Harmonia Mundi hat dem Ruf als Boygroup der Klassik inzwischen Seriosität verliehen. Das Bild der Kammermusik beginnt sich zu verjüngen.

Merkwürdig ist, dass in der Welt des Streichquartetts in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine riesige ästhetische Entwicklung zu beobachten war. Und ein erheblicher Generationswechsel, ausgelöst durch Folgen der sogenannten historischen Aufführungspraxis. Nur: Neue Meister, die sich mit legendären Formationen wie dem Juilliard String Quartet, dem LaSalle oder dem Alban Berg Quartett messen könnten, sind dabei bislang nicht vom Himmel gefallen.

Vielleicht könnte das Jerusalem Quartet, musikalisch wunderbar profiliert, einmal eine solche Meister-Truppe werden. Hier klingt jede Note erfüllt, jede Phrase durch innere Leichtigkeit herrlich in Schwung gebracht. Schon heute kann dieses Quartett süchtig machen.


CDs: Franz Schubert: "Streichquartett d-Moll op. posth. D. 810 – Der Tod und das Mädchen", Quartettsatz c-Moll op. posth. D. 703. Jerusalem Quartet (Alexander Pavlovsky, 1. Violine, Sergei Bresler, 2. Violine, Amichai Grosz, Viola, Kyril Zlotnikov, Violoncello); Dimitri Schostakowitsch: "Streichquartette Nr. 6, 8 und 11". Jerusalem Quartet (Alexander Pavlovsky, 1. Violine, Sergei Bresler, 2. Violine, Amichai Grosz, Viola, Kyril Zlotnikov, Violoncello) (beide Harmonia Mundi).

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30.07.2008 von mausmiss: Das Cover

.... gefaellt mir sehr gut. weiss jemand welcher kuenstler das gemalt hat oder wie das bild heisst? lieben dank. mehr...

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