"Der letzte Schrei der Popmusik kommt aus dem Ghetto. Nachdem vier Jahre lang weiße Rockbands auf dem Musikmarkt das große Geld verdient haben, ist erstmals wieder ein Neger Amerikas Unterhaltungs-Superstar: Isaac Hayes, 28." So lakonisch berichtete der SPIEGEL im April 1972 über eine der erstaunlichsten Karrieren, die Amerikas Popwelt hervorgebracht hat. Der schon im Kindesalter verwaiste Hayes schlug sich jahrelang mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete auf einer Baumwollplantage in Tennessee, schlief in einem Autowrack, malochte als Wagenwäscher und Fleischpacker - und träumte davon, Musik zu machen, Songs zu schreiben.
Mitte der sechziger Jahre war Soul und R'n'B der Sound der Stunde. Während bei Motown in Detroit, im sogenannten "Hitsville", zuckersüße Songs am Fließband produziert wurden, entstand hunderte Meilen weiter südlich, in Memphis, eine rauhere, aggressivere, funkige Spielart, die Talente wie Otis Redding und Rufus Thomas hervorbrachte. Hayes, der seine Skills am Piano trainierte, wenn er nicht seinen ohnehin schon muskelbepackten Körper stählte, träumte davon, Teil dieser Bewegung zu sein, die sich in dem erfolgreichen Label Stax Records konzentrierte. Die junge Firma trug, Ausdruck dynamischer Leichtigkeit, eine fingerschnippende Hand im Logo - und trug der im Sommer unerträglich heißen Südstaaten-Metropole Memphis alsbald den Spitznamen "Soulsville" ein.
Hayes blitzte bei Stax mehrmals ab, doch dann traf er einen alten Bekannten, den ehemaligen Versicherungsverkäufer David Porter, mit dem ihm eine gemeinsame Leidenschaft verband: Songwriting. Das Markenzeichen Hayes/Porter wurde zur Soul-Version von Lennon/McCartney. Unzählige Klassiker des Genres, darunter Sam & Daves "Soul Man" und das durch Carla Thomas unsterblich gewordene "B-A-B-Y" entstanden in nur wenigen Jahren. Wie perfekt die beiden Hitmaker harmonierten, zeigt eine Anekdote, die Hayes 1997 der Zeitung "Die Presse" erzählte: "David Porter war eben auf dem WC, als ich nach längerem Herumprobieren am Klavier endlich den richtigen Groove fand. Also rief ich David zu: Ich hab's! Er antwortete: "Hold on... I'm Coming". Das passte derart perfekt, dass David den ganzen Refrain auf dem Satz aufbaute" - ein Meilenstein der Soulmusik war geboren.
Doch mit einer Existenz im Hintergrund gab sich der hünenhafte Hayes nicht zufrieden. Er begann, als Solo-Künstler Musik aufzunehmen und veröffentlichte Platten unter seinem eigenen Namen. 1969, mit seinem zweiten Album "Hot Buttered Soul", hatte er es geschafft: Sein radikaler Look - seit den frühen Sechzigern trug Hayes eine glänzende Glatze - und sein ausufernder, opulent orchestrierter Soul, den er mit einem tiefen, vibrierenden Sprechgesang ausstattete, revolutionierte das Genre nachhaltig.
Zu jener Zeit neigte sich die Blüte der Black Music dem Ende zu. Das weiße Mittelschichtspublikum wandte sich ab vom immer politischeren Sound aus Memphis und Detroit. Die durch den Mord an Martin Luther King ausgelösten Bürgerrechts-Kämpfe und die radikalen Aktionen der Black Panther um Malcolm X spiegelten sich in der ehemals so süßlichen, nur um Liebesdinge kreisenden Soulmusik wider - und verschreckten die Masse. Mit seinem protzigen Groove - ein ganzes Symphonieorcherster lieferte den Soundtrack für die oft episch langen Tracks - fand Hayes einen Weg, schwarzes und weißes Publikum wieder einmütig vor der Stereoanlage zu bannen. Natürlich bedurfte es dazu gewisser subversiver Kniffe wie einer mehr als 18-minütigen Slow-Motion-Version von "By The Time I Get to Phoenix", ein Song, der zuvor durch den sehr weißen Country-Star Glen Campbell berühmt wurde.
Hypnotischer Bariton, subversive Botschaft
Hayes' melancholischer, hypnotischer Bariton-Rap faszinierte über Hautfarben hinweg, was dem jungen Musiker in jenen bewegten Zeiten viel Kritikerschelte einbrachte und bis heute kontrovers diskutiert wird. Von Ausverkauf schwarzer Ideale war die Rede, von Anbiederung an den Mainstream-Pop der weißen Mehrheit. "Schwächlicher Unterhaltungsmusik-Abklatsch" nannte der "Rolling Stone" den butterweichen Sex-Soul von Hayes.
Seine musikalische Integrationsleistung ist dennoch nicht zu unterschätzen, zumal Hayes, der noch am Tag vor dessen Ermordung mit Martin Luther King marschiert war, alles andere als ein Verräter an der schwarzen Sache war. Bei Konzerten trat er gerne mit nacktem Oberkörper, nur behängt mit goldenen Ketten auf - plakativer, kraftstrotzender Ausweis für die Überwindung der jahrhundertelangen Sklaverei.
Anders als die militanten Black-Power-Aktivisten setzte Hayes trotz solch martialischer Symbolik auf die versöhnende Kraft der Musik, auf den "Love Soul", wie sein neuer Stil damals genannt wurde. "Ich fülle die Schlager-Hülsen mit den Erfahrungen des Ghettos", sagte er damals. Kein Wunder, dass man Hayes bald als "Black Moses" betitelte. 1972 nannte er auch ein Doppel-Album so, das Cover war kreuzförmig ausklappbar und zeigte den Soulsänger im afrikanischen Traditionsgewand und Heiligen-Pose.
Nur wenige Monate zuvor hatte Hayes geschafft, was noch kein schwarzer Musiker vor ihm vollbringen konnte: Mit seinem treibenden Soundtrack zum Detektiv-Thriller "Shaft" gewann er nicht nur einen Grammy für das beste Album und landete einen Nurmmer-eins-Hit in den Mainstream-Charts, er bekam sogar einen Oscar für die beste Filmmusik verliehen. Das weiße Entertainment-Establishment hatte den Mann aus Memphis umarmt.
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