Von Kai Luehrs-Kaiser
Zeichen und Wunder geschehen meist unbemerkt. Knapp 56 Jahre nach ihrer Live-Aufnahme ist erstmals George Gershwins Oper "Porgy and Bess" in einer Idealbesetzung, noch dazu vorzüglich remastered, auf CD erschienen – und niemandem ist's aufgefallen.
Liegt das daran, dass uns Gershwins einzige Oper – außer den Hits – doch gleichgültig ist? Die Musikgeschichte wäre ziemlich anders verlaufen, wenn nicht etwa Arnold Schönbergs "Moses und Aron", sondern Gershwins gleichfalls berühmter Dreistünder traditionsbildend auf die Oper des 20. Jahrhunderts gewirkt hätte. Immerhin, so verschiedene Welten sind das gar nicht. Schönberg und Gershwin waren Tennispartner. Der eine komponierte tonal, der andere nicht (oder nicht sehr lange). Zwei Jahre nach der Uraufführung von "Porgy and Bess" (1935) starb Gershwin und konnte sich um sein Fortkommen in der Klassik nicht weiter kümmern.
Als 1952 dann eine Traumbesetzung von "Porgy and Bess" für eine Tourneeproduktion zusammenkam, war das Werk immer noch keine zwanzig Jahre alt. Das Jazz-Fieber, das in ihm vibriert, traf nun den (lange Jahre unterdrückten) Nerv der Zeit in Europa. Man erlebte dabei eine epochale Riege von Sängern. William Warfield (Porgy) war soeben mit "Ol' Man River" in George Sidneys "Show Boat"-Revival zum Filmstar geworden (an der Seite von Ava Gardner). Als Sportin' Life debütierte ein Swing-Bandleader und Scat-Sänger in seiner ersten Bühnenrolle. Ihn hatten die Gershwins beim Schreiben sogar ursprünglich im Sinn gehabt: der legendäre Cab Calloway. Und dann war da in der Rolle der Bess noch eine junge Studentin, die später Karajans Lieblingssopran für Verdi und Puccini werden sollte. Schon hier besitzt ihre Stimme den schimmernden Glanz einer schwarzen Perle: Leontyne Price. Es handelt sich um die früheste der von ihr erhaltenen Schallplatten-Aufnahmen.
Dass der Mitschnitt 1952 ausgerechnet im Berliner Titania-Palast entstand – damals von Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern als Konzertsaal genutzt – ist eine atemberaubende Kuriosität am Rande. Für die (etwas gekürzte) Tournee-Variante hatte man sich in Berlin ein Orchester eingekauft – das (später leider aufgelöste) RIAS-Unterhaltungsorchester. Das blieb der einzige Neuzugang. Dirigent Alexander Smallens hatte schon die Broadway-Uraufführung geleitet. Der Eva Jessye Choir und einige Nebendarsteller, darunter die hinreißende Helen Dowdy als Strawberry Woman, stammten gleichfalls aus der Originalproduktion.
Tatsächlich macht die vor Begeisterung und Missionseifer berstende Bande dem Berliner Orchester ordentlich Beine. Man hört, wie hier das Berliner Nachkriegspublikum vom Jazz infiziert wird – einschließlich der Musiker. Die Produktion zog danach weiter an die Mailänder Scala und bis nach Moskau – wo sie das erste Gastspiel einer amerikanischen Theatertruppe seit der russischen Revolution wurde.
Später waren dann Leontyne Price, Cab Calloway und William Warfield freilich nicht mehr dabei. Über all das staunt man bei dieser Trouvaille. Mit den heute als Jazz-Standards geltenden Titeln wie "Summertime", "I've got plenty of nothing" und "There's a boat going soon to New York" ist die Aufnahme ein Wiegendruck der Jazz- ebenso wie der Operngeschichte. So Hand in Hand ist man später nie mehr gegangen.
CD George Gershwin: "Porgy & Bess" mit Leontyne Price, William Warfield, Cab Calloway. Live-Aufnahme vom 21. September 1952 in Berlin. (2 CDs, Guild GHCD 2313/4).
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