Von Hans Hielscher
"Unsere Eltern haben uns mit Enterbung gedroht, unsere Freundinnen mit Liebesentzug: ,Krise, Zeitschriftensterben, Rezession', schallt es aus allen Richtungen. Und wir bringen eine neue Zeitschrift heraus. Warum nur? Weil es sein musste! Jazz-Vibes fließen in alle Richtungen –, und wir fangen sie erstmals für den deutschsprachigen Leser ein." Der damals 25-jährige Axel Stinshoff schrieb das 1993 auf der ersten Seite eines Magazins, das ein Foto der Jazzsängerin Cassandra Wilson mit der Titelzeile "Die Sinnlichkeit des Blues" zierte. Die Nummer eins von "Jazzthing" war mit 20.000 Exemplaren auf dem Markt gekommen; für sieben Mark war das neue Produkt in der Bundesrepublik zu haben, für sieben Franken in der Schweiz und für 50 Schillinge in Österreich.
Höchst riskant war das Unternehmen allemal. Denn um die im Vergleich zur Pop- und Rockwelt geradezu winzige Jazzgemeinde buhlten schon das seit 1952 erscheinende "Jazz Podium", laut Selbstzeugnis "die Fachzeitschrift für engagierten Jazz" und "Jazzthetik" , und das "Das Magazin für Jazz & Anderes", gegründet 1987. Gab es da noch eine Chance? Herausgeber Stinshoff war davon überzeugt. Der Kölner hatte beim Magazin "B.A.D." (Black Arts & Dance) Erfahrungen gesammelt und witterte einen wachsenden Markt angesichts der damals boomenden Acid-Jazz-Welle. Stinshoff fühlte die "Jazz-Vibes" in Clubs, in denen DJs Musik mit Samples von Miles Davis und Horace Silver auflegten; er hörte die reizvollen Sounds und Rhythmen der Ethnomusik. Da entstanden neue Grooves, nach denen man tanzen konnte. Jazzige Musik ohne Grenzen, sozusagen. Im Jargon der Szene verkündete der junge Zeitschriftengründer: "Jazzthing versteht Jazz nicht als ausgrenzenden Stilbegriff, sondern als potentiell grenzenlosen Spirit der open-mindedness."
Bei aller Offenheit und Begeisterung konnte "Jazzthing" die Startauflage zunächst nicht halten. In den folgenden Jahren wurden weit weniger Hefte verkauft. Dennoch behauptete sich das Kölner Magazin auf dem Markt, auf den mit der Münchner "Jazzzeitung" eine weitere Publikation drängte. Heute gibt es in Deutschland vier Jazzperiodika (wenn man das "Jazz Echo", das Werbeblatt des Universal-Konzerns mitzählt, sind es sogar fünf). Dass Stinshoffs "Jazzthing" zum erfolgreichsten aufstieg, lässt sich mit einigen Schlagworten zusammenfassen: umfassende Berichterstattung, gut geschriebene Beiträge, ansprechende grafische Gestaltung. So kaufen denn genügend Angehörige der angepeilten Zielgruppe "weltoffene Musikliebhaber von heute" das Magazin; und "Jazzthing" kann Anzeigenkunden mit einer garantierten Auflage von 26.000 Exemplaren locken. Die Zeitschrift erzielt zwei Drittel der Einnahmen aus Anzeigen und ein Drittel aus dem Verkauf der Hefte. Wie alle Konkurrenten präsentiert sich "Jazzthing" zunehmend ausführlich im Internet. Doch Geld wird bislang nur mit der gedruckten Version verdient. Deshalb sieht Stinshoff für sein Blatt eine gesicherte Zukunft.
Die 15-jährige Vergangenheit feiert "Jazzthing" mit einem neuen Album der Serie "Next Generation": "Hammond's Delight" heißt die CD des Organisten Kissenbeck, in dessen Quintett auch Torsten Goods (Gitarre/ Gesang) und Lutz Häfner (Saxofon) mitspielen. Seit fünf Jahren produziert "Jazzthing" gemeinsam mit dem Label Double Moon diese Reihe. Die CDs erscheinen parallel zu den Heften und haben schon Nachwuchsjazzern wie Esther Kaiser, Max Frankl und der Gruppe Cyminology zu ihrem Erfolg verholfen.
CD Andi Kissenbeck's Club Boogaloo: "Hammond's Delight" (Double Moon/Jazzthing).
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