Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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02.09.2008
 

Star-Hoffnung Lykke Li

Schwedens schönster Schlumpf

Von Jörg Böckem

Sie klingt trotzig, melancholisch - und überraschend souverän: Die zauberhafte Schwedin Lykke Li hat das Zeug zur Musiksensation. Porträt einer wundervollen Pop-Hoffnung.

Vielleicht ist das mit der Popstar-Karriere doch keine so gute Idee. Es ist noch nicht allzu lange her, da hat Lykke Li Zachrisson davon geträumt, die neue Madonna zu werden. Damals, in den Neunzigern, als sie zu Hause in Stockholm mit ausgestopftem Büstenhalter vor dem Spiegel deren Stücke nachgesungen hat. Als die Zwölfjährige im Schlumpfkostüm in Einkaufszentren herumhüpfte und Kinder unterhielt. Und auch noch Jahre später, als sie in schwedischen Fernsehshows tanzte.



Mit 19 hat der Traum sie sogar nach New York getrieben: Ohne Geld, ohne Kontakte hauste sie in einer billigen Absteige, drinnen Ungeziefer, draußen klirrende Winterkälte. Sie schrieb sich in einer Schauspielschule ein, wagte sich an einem Improvisationsabend in einem Club auf die Bühne und wurde ausgebuht. Enttäuscht und verletzt kehrte sie nach Stockholm zurück. Aufgeben kam aber nicht in Frage.

Jetzt, mit 22, stehen die Chancen auf eine Pop-Karriere besser als je zuvor – ihr Debütalbum "Youth Novels" begeistert mit ätherischem Elektro-Pop voller Melancholie und Melodie und hat der Musikerin, die ihren Nachnamen vom Plattencover gestrichen hat, euphorische Kritiken und Vergleiche mit illustren Kolleginnen wie Nina Simone, Kate Bush und der frühen Björk beschert. In England werden ihre Auftritte frenetisch gefeiert.

Die nächste Madonna? Besser nicht! Im Moment, sagt Lykke Li, scheint ihr diese Vorstellung eher erschreckend. Zumindest der Preis für den Ruhm erscheine ihr viel zu hoch. "Manchmal denke ich, dass ist alles zu viel für mich." Lykke Li ist blass und zierlich, sie liegt mehr als sie sitzt, als wolle sie in den Sofapolstern verschwinden. Ihre helle Stimme klingt rau, sie wirkt sehr müde und sehr, sehr jung.


Seit Monaten tingelt sie durch Europa, steht auf der Bühne, gibt Stunde um Stunde Interviews. "Vielleicht ist es besser, nicht allzu erfolgreich zu werden," sagt sie und klingt desillusioniert und auch ein wenig trotzig. "Wenn du ständig über deine Lieder, deinen Traum reden musst, wird alles irgendwann schal und die Magie verschwindet – puff und weg. Manchmal habe ich Angst, die Begeisterung für meine Musik zu verlieren." Eine erschreckende Vorstellung für die junge Frau. Musik, sagt sie, sei das Einzige, was sie nicht langweilt.

Ihre Kindheit und Jugend haben Lykke Li bestens auf das unstete Leben im Pop-Universum vorbereitet: Ihr Vater ist Rockmusiker, ihre Mutter sang früher in einer Punkband und arbeitet als Fotografin. Lykke Li ist noch ein kleines Mädchen, als die Familie von Stockholm nach Portugal zieht, zunächst in ein kleines Haus in den Bergen, in dessen Garten Gras angebaut wurde, später nach Lissabon. Nach einigen Jahren kehrt die Familie nach Stockholm zurück, in den Wintermonaten fliehen sie vor der Kälte nach Indien oder Afrika.

Hippie? Iiiii!

Lykke Li ist zwölf, als ein Familienurlaub in einem algerischen Bordell beginnt - weil die Eltern es versäumt hatten, vorab ein Zimmer zu reservieren und keine andere Unterkunft mehr zu finden ist. "Statt Badezimmer gab es nur ein Loch im Boden, und wir mussten auf dem Boden schlafen", erinnert sie sich. Damals sei sie oft sehr wütend auf ihre Eltern gewesen, auf deren Sorglosigkeit und Leichtlebigkeit.

"Vielleicht war ich deshalb später so ehrgeizig und auf meine Karriere fixiert," sagt Lykke Li. "Eine Art Rebellion."

Das Hippie-Leben ihrer Eltern hat sie dennoch geprägt. Einen Acht-Stunden-Bürojob kann sie sich nicht vorstellen: "Ich möchte reisen, Abenteuer erleben, die Welt sehen. Ich mag es, mich herauszufordern, ins kalte Wasser zu springen bevor ich wirklich bereit dazu bin." Wagemut, Risikobereitschaft, dass ist die eine Seite. Eine trotzige Stärke, die ihr nicht nur bei der Karriere zu Gute kommt: Als der damals 19-Jährigen in New York von einer Mädchengang aufgelauert wurde, gelang es ihr, sich buchstäblich aus der Patsche zu reden.

Heimatlosigkeit, Zerrissenheit, dass ist die andere Seite: "Ich bin oft rastlos und einsam, ich fühle mich nirgendwo zu Hause. Außerdem fällt es mir schwer, mich auf Beziehungen einzulassen und mich zu entscheiden," sagt sie.

Von dieser Zerrissenheit erzählen ihre autobiografischen Texte, die für eine 22-Jährige ziemlich vergrübelt und reichlich düster klingen. "Ich kann nicht über Partys oder das Wetter singen," sagt sie. "Ich bin ein melancholischer Mensch, meine Lieder beschäftigen sich mit dem, was mich umtreibt – Trennung, Sehnsucht, Angst oder Verlorenheit."

Interessanter als plumpe Phrasen über die Klimakatastrophe klingt das allemal. Hier hat Lykke Li dem großen Vorbild Madonna schon etwas voraus.

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