Was für ein Klotz, diese O2-Arena. Die meisten Kritiker hatten ja staunend geschrieben, das Ding sehe aus wie ein Raumschiff, das auf der Brachfläche neben dem Berliner Ostbahnhof gelandet sei. Doch irgendwie erinnert diese Riesenschüssel mit ihrem marineblauen Anstrich und der grellen Glasfassade, die den Eingangsbereich im Halbkreis umzieht und auf der 300.000 Lichtpunkte in senkrechten Linien wie die Barten eines Wals angebracht sind, eben an diesen Meeressäuger. Ein besonders fett gefressenes Exemplar muss man sagen, mit einer leuchtenden Diskokugel im Bauch, der es bei Ebbe nicht zurück ins tiefe Wasser geschafft hat. Gleich ist Eröffnung, Premierenabend. Es spielen dann Metallica auf.
Nun könnte man böse sein und sagen, dass auch die größte Metal-Band aller Zeiten mit ihren mehr als 100 Millionen verkauften Platten im Rücken schon länger etwas behäbig geworden ist. Die letzten Alben, "St. Anger" (2003) oder "Load" (1996) und "ReLoad" (1997), waren keine Doppel-Bassdrum-Orgien mehr, sondern liefen unter dem kuscheligen und massentauglichen Namen "Hardrock", was für echte Heavy Metal-Fans ein Schimpfwort ist. Doch nun das: "Death Magnetic".
Das neue Metallica-Album (ihr zehntes) ist eine Kampfansage. Trommelfeuer auf die Ohren, mit acht Minuten langen, Radio untauglichen, wunderbar brutalen Songs, ausgetüftelt arrangiert wie ein Techno-Track, in denen Kirk Hammetts Gitarrensoli ebenso viel Platz eingeräumt wird, wie James Hetfields Männerstimme. Heute Abend präsentieren sie es weltweit zum ersten Mal, in Berlin, in eben dieser O2-Arena.
Was zuerst auffällt: Demonstranten sind nicht vor Ort. Noch am Mittwoch waren mehr als tausend Berliner auf die Straße gegangen, um gegen dieses "arrogante Symbol des Kapitals" zwischen den alternativen Berliner Altbau-Bezirken Friedrichshain und Kreuzberg zu protestieren. Die 17.000 angereisten Metal-Heads können sich ungestört in das Maul des Walfischs schieben.
Rockmusik ohne Ranzigkeit
Drinnen fühlt man sich dann wie im Multiplex. Viel Glas, viele Ebenen, viele Rolltreppen. Die Essenstände sind praktisch mit Farben gekennzeichnet (das Publikum ist schließlich international): Rot für Currywurst, gelb für Pommes. Ansonsten dominiert die Farbe des Hauptsponsors: Blaue Bildschirme, blaue Bierbecher, blaue Neonleuchten. Eine junge Dame in Bluse, die für ein "unabhängiges Unternehmen arbeitet, das Daten sammelt und Statistiken aufstellt für andere Unternehmen" will wissen, ob man den O2-Shop schon besucht hat und wenn nein, warum nicht.
Es ist schon klar: Rockmusik und Ranzigkeit bilden natürlich keine Einheit mehr. Und wer sich über die Penetranz der Werbemaßnahmen in so einem 165 Millionen Euro teuren Entertainment-Tempel aufregt, muss damit rechnen, als naiv und weltfremd abgestempelt zu werden. Auch Metallica schwimmen schon seit mehr als 15 Jahren im Mainstream-Becken des Popbusiness. Und doch findet man es schade, dass es in dieser blitzeblanken Multifunktionsarena tatsächlich völlig egal ist, ob heute die Metal-Meister, morgen Herbert Grönemeyer oder übermorgen die Berliner Eisbären spielen. Ein Handy braucht schließlich jeder.
Diesmal ist es eine Videoleinwand, die wie die Bandenwerbung beim Fußball rund um den Innenraum montiert ist. Stellt man sich dieses Oval als ein riesiges Gummiband vor, an dem 17.000 Metal-Burschen gleichzeitig ziehen, es spannen und loslassen; das dann durch die Luft zischt und auf seinem zerstörerischen Weg LKWs voller Bierkästen zerdeppert, Hauswände durchschlägt und am Ende immer und immer wieder gegen den stählernen Bauch eines Containerschiffes trommelt, dann hat man ungefähr eine Ahnung davon, wie sich Metallica live anhört.
Metallica zurück bei ihren Wurzeln
Lars Ulrich tritt mit einer Energie auf seine Bassdrum ein, als hätte er sich von Usain Bolt und Lance Armstrong gemeinsam beim Dopen beraten lassen. Robert Trujillos Bass gluckst drohend wie der Motor eines Ford Mustangs. Kirk Hammets Gitarrenspiel kann man nicht beschreiben, muss man einfach hören (mit seiner nachgewachsenen Löckchenmatte sieht er sogar wieder aus wie früher). Und James Hetfield ballt seine kräftige Kämpferfaust.
Ein Problem gibt es bei so einer Record-Release-Veranstaltung aber immer: Kaum einer kann die neuen Lieder mitsingen. Also peppen Metallica das Programm mit alten Wuchtbrummen auf. "The Thing That Should Not Be" und "Master of Puppets" vom gleichnamigen Album (1986). "One" von der 1988er Platte "... And Justice for All". Und zum Abschluss, nach zweieinhalb Stunden, spielen sie noch einmal "Seek and Destroy" von ihrem Debütalbum "Kill 'Em All" (1983). Damit schließt sich der Kreis. Metallica sind wieder da, wo sie hergekommen sind: Beim Thrash-Metal.
Das Publikum bedankt sich dafür. Kaum einer hier ist jünger als 25 Jahre, die meisten sind Fans aus der guten alten Zeit, die noch einmal ihr Metallica T-Shirt aus dem Schrank gekramt haben und mit den Blues- und Rockausflügen ihrer Kindheitshelden in den Neunzigern nichts anfangen konnten. Und jetzt, wie war's?
Uaaaarrrrggghhh! Hammer! Geil!
Erstmal aufs Klo und ne Zigarette. Dann die Rolltreppe hinunter und durch das Maul des Walfischs hinaus in die frische Berliner Nacht.
Kurzer Nachtrag: Das Toilettenwasser war übrigens nicht blau gefärbt.
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