Samstag, 21. November 2009

Kultur



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16.09.2008
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

"Death Magnetic" ist das beste Metallica-Album seit 1991, freut sich Jan Wigger und zeigt sich überrascht vom nachhaltigen Talent Mike Skinners alias The Streets. Andreas Borcholte lässt sich mit den Cold War Kids auf einen kalifornischen Alptraum ein.

Metallica – "Death Magnetic"
(Mercury/Universal, bereits erschienen)

Wie es sich für die geläufigste aller Metal-Bands gehört, erscheint das neunte Studio-Album von Metallica gegen knapp 100 Euro auch im seltenen Sargformat. Und abgesehen davon, dass wohl niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, noch Killer-Kompositionen wie "Battery", "Dyers Eve", "Motorbreath" oder "Disposable Heroes" erwartet, gelingt es den zehn neuen Tracks in einem Wimpernschlag, das Desaster "Reload" und die zwar etwas gewollt streitsüchtig scheppernde, aber akzeptable "St. Anger"-LP aus dem Jahr 2003 wegzuwischen. "The Day That Never Comes" (überlang wie fast alle "Death Magnetic"-Songs) ist alte "Welcome Home (Sanitarium)"-Schule, während Thrash-Keulen wie "My Apocalypse" und "That Was Just Your Life" sogar wieder an die Großwerke der Achtziger erinnern. Immer wieder schwirren Melodie- und Riff-Fetzen aus "Master Of Puppets" und "...And Justice For All" durch die Luft, doch während auf der unantastbaren "Justice"-Platte überhaupt kein Bass zu hören war, hat Produzent Rick Rubin "Death Magnetic" relativ kraftvoll und organisch produziert.

Die Frage, ob Metallica sich alles erlauben können, stellt sich seit zwanzig Jahren nicht mehr: Heute geht es nur noch darum, ob sie es sich denn auch noch einmal trauen. Und so gibt es nun auf "Death Magnetic" neben dem überflüssigen "The Unforgiven III" plötzlich wieder die unschlagbaren Breaks, die bitter vermissten, gellenden Soli von Lead-Gitarrist Kirk Hammett, die durchgetretene Double-Bass von Schlagzeuger Lars Ulrich und mit den geknüppelten "Broken, Beat & Scarred" und "All Nightmare Long" auch zwei künftige Setlist-Klassiker. Bestes Metallica-Album seit 1991. Wobei amtliche Rock-Journalisten ja auch Dreher oder Langeisen dazu sagen. (7) Jan Wigger

The Streets – "Everything Is Borrowed"
(Warner, 26. September)

An alle, die sich beim Hören des Monkey-Albums "Journey To The West" so bitter beschwert haben, dass man nun ja wohl Mandarin-Chinesisch lernen müsse, um dem Inhalt von Damon Albarns Oper folgen zu können: Am Berückendsten und Schönsten sind immer die Dinge, die man nicht versteht. Da passt es ganz vortrefflich, dass Mike Skinner auf dem vierten Streets-Album "Everything Is Borrowed" wieder in dem ihm eigenen Cockney-Akzent die Sprache weitet und in "On The Flip Of A Coin" verdeutlicht, wie wichtig Schnapsideen fürs tägliche Überleben sind: "Turn your whole life from the flip of this coin/ Turn upside a choice you normally avoid/ And promise me you’ll follow it says/ Whatever it says." Vom Speziellen zum Allgemeinen: Wie großartig und rührend ist eigentlich diese vom Debüt "Original Pirate Material" Galaxien entfernte, fast schon beschaulich zu nennende Platte!? Und ist "Heaven For The Weather", dessen Strophen Mike Skinner durch mehrere Zahnlücken nuschelt, nicht einer der drei kapitalsten Hits, die The Streets je hatten? Wieso kann Skinner es sich leisten, die herzbewegendsten Songs ("Strongest Person I Know" und "The Escapist") ganz am Schluss zu verstecken? "I’ll not feel no fear/ Cause I am not really here/ I’m nowhere near here." Wer nichts mehr erwartet hat, wird belohnt. (8) Jan Wigger

Cold War Kids - "Loyalty To Loyalty"
(Cooperative Music/Universal, 19. September)

"Cryptomnesia" heißt der letzte Song auf dem neuen, zweiten Album der Cold War Kids. Als Kryptomnesie bezeichnet die Fachwelt eine psychische Erkrankung, die den Betroffenen veranlasst, Taten, Ideen und Errungenschaften anderer als seine eigenen zu deklarieren. Nun geht es in dem Lied um etwas ganz anderes, aber Böswillige, und derer gibt es viele, könnten diesen Songtitel als Hinweis und genugtuende Bestätigung deuten, dass die Band aus Kalifornien sich für ihre Musik dreist bei allen möglichen anderen Künstlern bedient. Bei Radiohead zum Beispiel, deren "OK Computer" dem Sänger der Cold War Kids, Nathan Willett, als größte musikalische Leistung aller Zeiten gilt. Analog zum Titel ihres Album bleiben die Cold War Kids sich selbst gegenüber loyal und knüpfen fast nahtlos an ihr Debüt "Robbers und Cowards" an. Fast, denn gleich in den ersten beiden Songs, "Against Privacy" und "Mexican Dogs", krächzt, heult und ächzt Willett so erbarmungswürdig über einen dräuenden, unbehaust schleppernden Blues-Untergrund, dass es beim Hören schaurig in den Zähnen zieht.

Mehr Intensität durchzuckt die hübsch depressiven Alltagsbetrachtungen, die Willett mit viel erzählerischer Kraft und Hereinfühlen in fremde Rollen (Frauen, Väter) an die musikalische Klagemauer seiner Band wirft. Auch hier lohnt es, bis zum Ende der Platte dabei zu bleiben. Nicht wegen des etwas unbeholfen stolpernden Rauschmeißers "Cryptomnesia", sondern wegen bleichen, seelenlosen Liedern wie "Every Man I Fall For" oder "Dreams Old Men Dream". Origineller wurde der kalifornische Alptraum lange nicht besungen. (7) Andreas Borcholte

TV On The Radio – "Dear Science"
(4AD/Beggars/Indigo, 19. September)

Gibt es Bands, die man für hochbegabt, herausfordernd und grenzgenial hält, deren Alben man sich aber trotzdem kaum anhört? Bands, deren stilübergreifenden Eklektizismus und Einfallsreichtum man zwar schätzt, der einen aber in manchen Momenten überanstrengt und emotional nicht so berührt wie eine Platte von Neil Young oder Pavement? Über TV On The Radios "Return To Cookie Mountain" freuten sich 2006 Kritiker und langmütige Musikinteressierte mit breitem Horizont am meisten. Mit dem Eintreffen von "Dear Science" kommt nun niemand mehr vorbei an der arbeitswütigen Halbberühmtheit David Sitek, an Sänger Tunde Adebimpe und der hypernervösen neuen Single "Dancing Choose". Noch immer werden TV On The Radio von einigen Menschen als Indie-Rock bezeichnet, doch mit "Rock" und "Indie" haben die ungeheuer verdichteten "Golden Age" oder "DLZ" ungefähr so viel zu tun wie Christina Stürmer. TV On The Radio haben sich hauptsächlich auf die mehrdeutigen und unscharfen Aspekte von Pop, Funk, Soul, Jazz, Avantgarde und Collagen-Kunst konzentriert: Durch "Red Dress" geistert noch einmal die polyrhythmische Percussion der Talking-Heads-LP "Remain In Light", und "Crying" hätte man Prince unmittelbar nach "Diamonds And Pearls" für viel Geld anbieten müssen. Listen without prejudice. (8) Jan Wigger

1000 Robota – "Du nicht er nicht sie nicht"
(Tapete/Indigo, 26. September)

Das Debüt-Album von 1000 Robota rührt an den Grundfesten der eigenen Hörgewohnheiten: Muss man sich denn allen Ernstes von drei dahergelaufenen 18-Jährigen mit großen Klappen das Leben erklären lassen? Im Falle von "Du nicht er nicht sie nicht" kann das nicht schaden: Anton Spielmann, Sebastian Muxfeldt und Jonas Hinnerkort haben trotz ausgedacht wirkender Namen schon Fehlfarben und Palais Schaumburg gehört, als ihre Mitschüler noch versonnen vom letzten Coldplay-Konzert erzählten und reißen in "Trocknet eure Tränen" Gitarre und Bass so scharf an wie Mclusky oder Steve Albinis Weltuntergangskommando Shellac. Das Erfreulichste am rabaukigen Trio aus Hamburg ist die Tatsache, dass hier wenigstens eine der deutschsprachigen Bands jüngeren Datums etwas will und dies auch konzise formulieren kann: "Für uns wird aus mehr weniger." Zehn zweistimmig gekläffte Parolen in 26 Minuten. Sollte man gehört haben. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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