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18.09.2008
 

Zum Tode Mauricio Kagels

Der Anti-Ideologe mit Witz

Von Ralf Dombrowski

Wie kein anderer hielt Komponist Mauricio Kagel dem zeitgenössischen Musikbetrieb den Spiegel vor, zeigte Brüche auf, gab Widerworte. Dennoch war er kein Außenseiter - sondern der humorvollste Künstler, den die moderne Musik der vergangenen Jahrzehnte erleben durfte.

Eines, meinte Mauricio Kagel vor knapp zwei Jahren in einem Radioportrait zu seinem 75. Geburtstag, würde er verabscheuen: ideologischer Schmalz in den Ohren. Tatsächlich ist es ihm gelungen, ein Leben lang ein Außenseiter zu bleiben und sich den Einflüsterungen des Zeitgeistes zu verweigern. Mauricio Kagel hielt dem zeitgenössischen Musikbetrieb den Spiegel vor, indem er dessen Mechanismen und Gewissheiten mal ironisierte und ins Gegenteil verkehrte, mal weiterführte und bis ins Rätselhafte, Satirische neu verschlüsselte.

Komponist Kagel: Humorvolle Skepsis
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DPA

Komponist Kagel: Humorvolle Skepsis

Er machte Musik über Musik, verknüpfte Text und Bild, Elektronik und Film, Theater und Performance, letztlich das ganze ihm zur Verfügung stehende Spektrum des Multimedialen und Künstlerischen, um seiner gestalterischen Grundhaltung, der menschlichen, humorvollen Skepsis, Ausdruck zu verleihen.

Mit "Ludwig van" (1969/70) ließ er den Komponisten Beethoven nach zweihundert Jahren filmisch in dessen Heimatstadt Bonn zurückkehren. Mit dem halbszenischen "Mare nostrum – Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraumes durch einen Stamm aus Amazonien" (1973/75) kehrte er die Kolonialgeschichte um. Mit "Bestiarium" (1974/75) für Lockpfeifen in drei Sätzen ironisierte er Originalität und Naturfetischismus. Und mit "Eine Brise, flüchtige Aktion für 111 Radfahrer" (1996) ließ er einen Pulk von Drahteseln künstlerisch klingelnd am Teatro Colón vorbeiziehen. Immer ging es Kagel dabei um mehr als die eigentliche Aktion, sondern um die Verbindung von möglichst vielen Situationen und Ebenen, um ein Kunstwerk zu schaffen, das unendlich viele Dimensionen ins Spiel bringen kann.

Mauricio Kagel stammte aus deutsch-russisch-jüdischer Familie und kam am Heiligabend 1931 in Buenos Aires zur Welt. Als Kind genoss er privaten Musikunterricht, am Konservatorium aber wurde er abgelehnt.

Also studierte er Philosophie und Literatur und brachte sich die musikalischen Grundlagen an Klavier und Cello, als Dirigent und Komponist und die Basis der Musiktheorie autodidaktisch bei. Er jobbte als Korrepetitor am Teatro Colón, traf dort auch mit dem Dirigenten Erich Kleiber zusammen und avancierte mit nur 18 Jahren zum künstlerischen Berater der avantgardistischen Gruppe "Agrupación Nueva Música".

Auf der einen Seite beeindruckt von den Klangwelten der Neuen Wiener Schule, von Igor Strawinsky und den Anfängen der seriellen Musik, ließ er sich auf der anderen Seite auch auf optische Medien ein. Er war 1950 Mitbegründer der argentinischen Cinematheque, von 1955 an schließlich Dirigent und Leiter des Kammerchors am Teatro Colón, musikalischer Berater und Leiter der Abteilung für kulturelle Arbeit an der Universität in Buenos Aires.

Interessiert an Klanggerät aller Art

Als er anno 1957 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Köln reiste, eilte ihm der Ruf als Querdenker voraus, dessen musikalisch-philosophische Vorstellungen der Neuen Musik deutliche Impulse würden geben können.

Mauricio Kagel lebte sich schnell ein, wurde ans Pult des Rheinischen Kammerorchester berufen und dirigierte in dieser Funktion bis 1961 auch zeitgenössische Werke. Interessiert an unüblichem Klanggerät aller Art, aber abgestoßen von einengender Normativität des Denkens, kam er schnell in Kontakt mit dem elektronischen Studio des WDR, den Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt (wo er von 1960 bis 1966 dozierte), und der Film- und Fersehakademie in Berlin, an der er von 1967 an unterrichtete. Sieben Jahre später schließlich wurde er als Professor für Neues Musiktheater an die Hochschule für Musik in Köln berufen.

So war Mauricio Kagel einerseits Teil des musikalischen Betriebs, ließ sich aber andererseits keiner Schule oder Richtung zuordnen und vermied es nachdrücklich, selbst derartige Traditionen zu begründen. Wie sich seine Musik häufig um einen Primäreinfall drehte, den er versuchte, umfassend und vielschichtig zu vernetzen, war er zugleich bestrebt, möglichst große Offenheit des Ausdrucks und der Wahrnehmung zu erreichen, und sich dabei des Widerspruchs bewusst, dass er diese nur durch minutiöse Planung erreichen konnte.

Heiterer Ahnherr der Postmoderne

Mauricio Kagels Interesse galt den Brüchen des Diskurses, den Widersprüchen, Widerworten. Als sich die Fachwelt begann, vor der historischen Aufführungspraxis zu verneigen, schrieb er eine "Musik für Renaissance-Instrumente" (1965/67) als Seitenhieb auf übertriebene Historisierung. "Acustica für experimentelle Klangerzeuger und Lautsprecher" (1968/70) fungierte durch Zweckentfremdung allerlei akustischen Geräts als Abgesang auf die Elektronische Musik, noch zugespitzt durch "Unter Strom" (1969), das Instrumente durch diverse Elektromotoren zum Klingen brachte.

Kagel dekonstruierte Bach-Choräle ("Ex-Position", 1975/78) und re-installierte den Meister wieder mit der "Sankt-Bach-Passion" von 1981/85. Er entsemantisierte in "Rrrrrrr... (eine Radiophantasie, 1981/82)" musikalische Formbezeichnungen mit "r", zerschnitt in Hörspielen Worte und Sinneinheiten, komponierte aber auch für das Schönberg-Ensemble ein "Doppelsextett" (2000/2001) oder setzte sich in "Schwarzes Madrigal" (1998/1999) mit den Authentizitätsmythen des Afrikanischen auseinander.

Damit war Mauricio Kagel, ohne sich als solcher verstehen zu müssen, ein heiterer Ahnherr der Postmoderne, der aber stets ganz Individuum, ganz aus sich selbst unmittelbar schaffender Künstler blieb.

Und das gelang ihm nur, weil er der vielleicht humorvollste Komponist war, den die zeitgenössische Musik der vergangenen Jahrzehnte erleben durfte.

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