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23.09.2008
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Creedence Clearwater Revival, Eagles und The Band, das sind die Eckpfosten des grandiosen Retrorocks von Blitzen Trapper, postuliert Jan Wigger und lobt Neil Finns Sohn Liam für sein Debütalbum. Andreas Borcholte findet Travis mutig und lässt sich von Ben Folds rühren.

Blitzen Trapper - "Furr"
(Sub Pop/Cargo, 26. September)

Vielleicht ist es ja schön, alles zu können. Weniger schön ist es aber, alles was man kann, auf ein einziges Album zu quetschen. All das, was Menomena und Islands auf ihren jeweils jüngsten LPs falsch machten, wird nun auf "Furr" von Blitzen Trapper aus Portland, Oregon aufs Schönste korrigiert: Das außergewöhnliche Songwriting erinnert mal an Big Star ("Sleepy Time In The Western World"), mal an Neil Young in der "After The Goldrush"-Phase ("Not Your Lover") und überhaupt an die Siebziger von Creedence Clearwater Revival, den Eagles und The Band.

Wenn sich Blitzen Trapper in "Fire + Fast Bullets" plötzlich in die Dandy Warhols verwandeln und "Gold For Bread" exakt so beginnen lassen wie den Sonic-Youth-Song "Becuz" wird jedoch klar, dass diese Band in der Jetzt-Zeit musiziert. Auch wenn es hauptsächlich ein uraltes, verstimmtes Klavier gewesen sein soll, dass Blitzen Trappers großartiges viertes Album inspirierte. (8) Jan Wigger

Travis - "Ode To J.Smith"
(Vertigo/Universal, 26. September)

Irgendjemand scheint Fran Healy gesagt zu haben, dass es so nicht weitergeht mit dem weichgespülten Geschrammel. Travis, einst gefeierte Popband aus Schottland, waren mit ihren vergangenen beiden Alben auf dem besten Wege, sich schnurstracks in Bedeutungslosigkeit und Vergessenheit zu säuseln. Nun also die Kehrtwende, die Rückkehr zum Rock, wie britische Blätter schon vorab jubelten. Der neue Mut zum Lärm beginnt tatsächlich gleich im Opener "Chinese Blues", textlich eine eher müde Anbiederung an den Zeitgeist, musikalisch ein kräftiges Aufstampfen. Das wirkt noch etwas bemüht, aber "J.Smith", "Something Anything" und "Long Way Down" klingen dann so kantig und frisch, dass man alle aufgestauten Aggressionen gegen die Kuschelrocker vergessen möchte. Leider wird's dann aber gegen Ende wieder ein bisschen verkrampft, wenn Healy in schlimmster Harmonieseligkeit vom Wert der Freundschaft singt ("Friends") oder sich in "Get Up" und "Quite Free" als Sozialagitator versucht. Eine zwiespältige Angelegenheit also, diese Semi-Neuerfindung. Eines haben Travis jedoch wirklich konsequent hingekriegt: Das CD-Cover ist mit Abstand das scheußlichste, das sie bisher hatten. (5) Andreas Borcholte

Liam Finn - "I'll Be Lightning"
(Haldern Pop Recordings, 14. Oktober oder als Import)

Der offensichtlichste Grund, sich näher mit einer Platte wie "I'll Be Lightning" zu beschäftigen, ist nicht zwangsläufig der beste: Die Arbeiten von Julian Lennon, Adam Cohen oder Jordan Zevon haben eher gepflegt gelangweilt als an den unauslöschlichen Ruhm ihrer Väter gemahnt. Liam Finn aber ist der Sohn des Songschreibers Neil Finn, dessen fabelhafte Gruppe Crowded House in Neuseeland und Australien über alle Maßen verehrt wird. Auf "Gather To The Chapel" und "Music Moves My Feet" singt Liam stellenweise so, als hätten Crowded House ihre dritte LP "Woodface" ein weiteres Mal eingespielt. Noch näher liegen Finns Sentiment und Stimme aber beim früh verstorbenen Elliott Smith, dessen Geist vor allem in "Fire In Your Belly" und "Better To Be" allgegenwärtig ist. Finn lässt einerseits den einfachen Akkord nicht links liegen ("Energy Spent"), schmückt Komplexeres wie "Second Chance" aber auch mit unaufdringlichem Beiwerk aus. "Don't forget me when you grow old", singt Finn noch. Aber wer will schon alt werden? (7) Jan Wigger

Ben Folds - "Way To Normal"
(SonyBMG, 26. September)

Irgendetwas treibt diesen Mann. Aktiver als Ben Folds ist kaum ein amerikanischer Songwriter. Wenn er nicht gerade Gratiskonzerte für MySpace mit seiner alten Band gibt, produziert er die Alben anderer Künstler (zuletzt das Solodebüt von Dresden Doll Amanda Palmer) - oder schreibt launige Dreiminüter für Animationsfilme ("Ab durch die Hecke"). Und nun also ein neues eigenes Album, das übrigens erst das dritte nach der Trennung der Ben Folds Five ist. Man könnte meinen, es seien längst mehr - so viele EPs, Singles und Live-Aufnahmen brachte der Workaholic in den vergangenen Jahren heraus. "Way To Normal" schließt recht nahtlos an "Songs For Silverman" (2005) an, erweist sich aber in den Zwischentönen als weitaus experimentierfreudiger. Da wabert dann plötzlich mal ein Eurotrash-Beat durch "Brainwascht". Offenbar fand Folds auf seiner letzten Tournee so viel Gefallen an Köln, dass er der Rheinmetropole gleich eineinhalb Songs widmete, "Before Cologne" und "Cologne", letzteres übrigens eine hübsche Ballade.

Auch die "Bitch" ist aber zurück im Folds-Liedgut: "Bitch Went Nuts" ist die Fortsetzung von "Bitches Ain't Shit", das inzwischen wegen massiver Misogynie nicht mehr live gespielt wird. Aber ist ja alles nur Spaß, das weiß man, das kennt man von Ben Folds, der mit diesem neuen Album mal wieder seinen Ruf als Kasperle-Version von Billy Joel zementiert. So anarchisch (siehe: "Hiroshima (B B B Benny hit His Head)") wird das nie was mit dem großen Mainstream-Durchbruch. Macht aber nichts, denn rührende Folds-Feinheiten wie "Kylie From Connecticut" sind nach wie vor zu schade für den Dudelfunk. (7) Andreas Borcholte

Ra Ra Riot - "The Rhumb Line"
(V2/Cooperative Music/Universal, 3. Oktober)

Nichts, aber auch gar nichts gegen Journey und Foreigner, aber dass die Rock-Journalisten in Großbritannien und den USA die neue Kings-Of-Leon-Platte "Only By The Night" außer 3 Doors Down (!) sogar mit den einstigen Frisuren-Titanen des AOR vergleichen, lässt für Ra Ra Riots "The Rhumb Line" das Schlimmste befürchten: Der gelenkige, zuweilen ins Epische driftende Pop der Band aus Syracuse, New York legt die Fährte zu so vielen Protagonisten von Orchester-Pop, New Wave, Post-Punk und herkömmlichem Indie-Rock aus, dass die wildesten Gegenüberstellungen zu erwarten sind. Doch wer sich von allen potentiell zu covernden Songs der Göttin Kate Bush ausgerechnet für das seltsam würdevolle "Suspended In Gaffa" entscheidet, hat Akkoladen verdient. Angemessen auch der Abschied vom im vergangenen Jahr tot aufgefundenen Schlagzeuger John Pike in "Ghost Under Rocks": "Here you are / You are breathing life into ghosts under rocks / Like notes found in pocket coats of your fathers / Lost and forgotten." (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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