Von Eric Pfeil
Das Songzitat, das von der Zeit und ihrem Ändern kündet, kann man natürlich nicht mehr bringen. Und doch ist man mit einiger Berechtigung dazu verführt, denn bei keinem anderen Musiker, bei keiner anderen popkulturellen Ikone steht die Zeit in einem derart wundersamen Verhältnis zum Werk und seiner Wahrnehmung.
Wer sich in den mittleren neunziger Jahren dazu bekannte, Bob-Dylan-Fan zu sein, der konnte froh sein, wenn er nur als altertümlich oder als "Englischlehrer" beschimpft wurde. Im schlimmsten Fall galt man als wunderlich, wenn man Konzerte des Griesgrams besuchte. Da war es sogar noch schlimmer: Man war Diener am Altar eines ignoranten Königs, dem mehr noch als die eigenen Anhänger seine Gabe egal geworden zu sein schien. Dabei hatte man vergleichsweise noch Glück: In den Achtzigern hatte sich Dylan vorrangig mit dem Tragen abstruser Ohrringe und Flatterhemden beschäftigt und um ein Haar Bob Geldofs "Live Aid"-Konzert vermasselt. Zwischendurch fand er immer wieder Gelegenheit, überaus schlechte Platten aufzunehmen.
Auf "Time Out Of Mind" folgten zwei weitere famose Alben: das altersaufgekratzte "Love & Theft" und das warme und melancholische "Modern Times"; Dylan stieg mit über sechzig Jahren erneut zur meistgenannten Referenz in der modernen Popmusik auf, veröffentlichte den ersten Teil seiner Lebenserinnerungen und gestattete mit "I'm Not There" höflich die Verfilmung seines Lebens als Spiegelkabinett der modernen menschlichen Seele.
Auch die Wahrnehmung seiner erratischen Live-Auftritte hat sich gewandelt: Auf seinen Konzerten finden sich außer den Englischlehrern inzwischen unzählige junge Hipster, die ungläubig den kleinen, tänzelnden Mann hinter der Orgel beobachten, der vom Geist Helge Schneiders ergriffen zu sein scheint. Längst ist es wieder so weit, dass Dylan nur irgendwo öffentlich zu husten braucht, und die Welt wird davon mindestens ein Statement zur Mythologie Amerikas erwarten.
"Tell Tale Signs", der achte Teil der "Bootleg Series", die seit 1991 unveröffentlichtes oder schwer erhältliches, dabei oft grandioses Material offiziell zugänglich macht, ist weitaus mehr als ein Husten. Die Doppel-CD kümmert sich um jene Phase des Wiederaufflackerns von Dylans Talent, die für viele Fans und Kritiker - und den Musiker selbst - mit dem 1989 veröffentlichten "Oh Mercy" begann.
Als Einstieg in Dylans Werk ist die Platte so gut oder schlecht wie manch andere geeignet. Fortgeschrittene aber werden ein ums andere Mal vor Begeisterung in die Hände klatschen - etwa bei der Urfassung von "Most Of The Time", das hier - ohne den Einfluss des Extrem-Atmosphärikers Daniel Lanois - wie ein Outtake des vielgeliebten Dylan-Klassikers "Blood On The Tracks" klingt. "30-20 Blues", die Coverversion eines Robert-Johnson-Songs, stammt wiederum aus der Phase von Dylans Schreibblockade in den frühen Neunzigern, in der er zwei Coveralben mit Folk- und Blues-Material veröffentlichte.
Inmitten all der Eigenkompositionen führt der Song hier deutlich vor, wie wichtig die Cover-Platten für die Entwicklung seines Schreibstils waren: Alle folgenden Dylan-Songs klangen, als bediene er sich aus einer geheimnisvollen Truhe voll amerikanischer Mythen, zu der nur er den Schlüssel besitzt.
Das entscheidende jener Phase aber hört man am besten auf den letzten drei Originalalben: Hier erfindet Dylan - als Gegenentwurf etwa zu den ewig jungen und gerade deshalb so altertümlichen Rolling Stones - eine alte Stimme für die Rockmusik. Gerade durch den unmodernistischen Rückgriff auf das musikalische Erbe wirkt er zeitlos, und gerade weil er das Altern thematisiert, befindet er sich hörbar im Jetzt. Fast ist es, als hätte er die Zeit bezwungen, dabei hat er sich doch nur mit ihr versöhnt.
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