SPIEGEL ONLINE: Mr. Skinner, Sie haben angekündigt, ihr HipHop-Projekt The Streets beenden zu wollen, um sich Anderem zu widmen. War das Musikgeschäft nicht mehr einträglich genug?
Skinner: Das war nicht der Grund. Meine Arbeit muss mich begeistern. Das Gefühl ist mir über die Jahre etwas verloren gegangen. Ich werde nach dem aktuellen Album "Everything is Borrowed" noch ein weiteres aufnehmen, und dann ist Schluss.
SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit haben Sie ein eigenes Label gegründet und sich als Geschäftsmann inszeniert. Auf Fotos zu ihrem letzten Album "The Hardest Way To Make An Easy Living" trugen sie deshalb demonstrativ ein Jacket. Wie sehen Sie sich heute?
Skinner: Business um seiner selbst Willen, damit habe ich abgeschlossen. Mir reicht es mittlerweile, einfach kreativ zu sein. Ich will in Zukunft weiterhin auf der Bühne stehen und an Musik arbeiten, nur nicht unter dem Namen "The Streets". Meine Serie "Beat Stevie", die zuerst auf YouTube lief und mittlerweile auch im britischen Fernsehen gesendet wird, war für mich persönlich ein großer Erfolg. Ich möchte einen Film machen und arbeite an einem Drehbuch. In gewisser Weise bin ich immer noch Geschäftsmann, in dem ich ständig nach neuen Ideen suche und meine Arbeit so gut wie möglich machen möchte.
SPIEGEL ONLINE: Die Arbeit an ihrem Label "The Beats" war leider nicht von Erfolg gekrönt. Sie haben es vor kurzem eingestellt.
Skinner: Man kann heute kaum mehr Platten verkaufen. Das Label war kein lohnendes Geschäft, und es schien mir albern, nur aus Eitelkeit weiter zu machen. Wir haben ein feierliches Begräbnis arrangiert, uns einen Sarg besorgt, den ganzen Papierkram hineingesteckt und alles im Garten verbrannt.
SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Musikmanager John Niven hat in dem Roman "Kill Your Friends" über den Verfall der Musikindustrie geschrieben. Ein britischer Labelmanager mordet darin für seinen beruflichen Erfolg. Haben Sie das Buch gelesen?
Skinner: Nein, aber ich habe viel davon gehört. In England war es ein großer Erfolg. Vieles deutet darauf hin, dass Niven das Label London Records zum Vorbild genommen hat. Einige meiner Freunde arbeiten dort und ein paar der fiktiven Charaktere in "Kill Your Friends" kommen ihnen aus dem echten Leben bekannt vor.
SPIEGEL ONLINE: Mal abgesehen von den Morden, konfrontiert Niven den Leser mit dem Klischee einer dekadenten Musikindustrie: Drogen, Partys, die Arroganz und der Zynismus der Labelmanager den Musikfans gegenüber. Das meiste davon soll tatsächlich ziemlich nah an der Realität sein. Haben Sie sich während ihrer Zeit als Teil der Musikindustrie selber wie ein Klischee gefühlt?
Skinner: Um ehrlich zu sein: Ich fühle ich mich ständig so. Als ich angefangen habe, war ich der talentierte Bedroom-Produzent, der ohne Studio und nichts anderem als einem Laptop den Durchbruch geschafft hat. Das ist ein Klischee. Und auch jetzt fühle ich mich so, wenn ich versuche, auf Distanz zum Musikgeschäft zu gehen. Im Moment des Erfolgs fühlst du dich außergewöhnlich, aber wenn ich zurückblicke, habe ich Erfahrungen gesammelt, die fast jeder macht. Nüchtern betrachtet sind wir alle im Grunde Klischees.
SPIEGEL ONLINE: Das müssen sie erklären.
Skinner: Eigentlich haben wir doch alle die gleichen, simplen Ziele. Wir wollen Erfolg und Anerkennung. Unterm Strich geht es darum, zu überleben. Im Endeffekt bietet das Leben aber nicht unendlich viele Möglichkeiten. Man arbeitet, gründet vielleicht eine Familie. Menschen sind in gewisser Hinsicht austauschbar und Lebenswege überschaubar. Das ist aber gar nicht schlimm. In meinem Privatleben versuche ich nicht krampfhaft, gegen die Klischees anzukämpfen, das wäre sinnlos. Wenn man aber Geschichten schreibt oder erzählt, wie ich als Musiker, dann sollte man versuchen, hinter die Dinge zu schauen.
SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als begabter Texter und Geschichtenerzähler. Das hymnische Titelstück ihres neuen Albums heißt "Everything is Borrowed", alles ist geliehen. Das klingt ernüchtert, fast enttäuscht.
Skinner: So ist es aber überhaupt nicht gemeint. Im Refrain heißt es "I came to the world with nothing, I leave with nothing but love, everything else is borrowed" Es bedeutet, mach dir keine Sorgen, hab' Spaß. Es ging mir in dem Text nicht um meine Musik, sondern um das Leben, um uns alle.
SPIEGEL ONLINE: Wenn sie an ihren Texten arbeiten, haben sie beim Schreiben ihre Zuhörer im Kopf?
Skinner: Popsongs bestehen oft nur aus Andeutungen. Man kann lediglich erahnen, was der Songschreiber sich wirklich gedacht hat, wenn er zum Beispiel die Zeile "I love you" verwendet. Deshalb verstehen wir die meisten Songs nie richtig. Mir ist es aber sehr wichtig, dass meine Songtexte so transparent und präzise wie möglich sind. Ich möchte, dass etwas ganz bestimmtes beim Zuhörer ankommt.
SPIEGEL ONLINE: Im Sinne einer Moral?
Skinner: Ich versuche nicht didaktisch zu sein. Aber ich denke, ein Song braucht eine Haltung, eine eigenständige Perspektive.
SPIEGEL ONLINE: Bei vielen ihrer amerikanischen HipHop-Kollegen, zum Beispiel Lil Wayne, spielt der Inhalt der Texte kaum mehr eine Rolle. Es geht um Sprachfertigkeiten und das Sounddesign. Was halten sie davon?
Skinner: In meinen Songs bemühe ich mich um Tiefgang. Inhaltlich erreicht der Mainstream-Rap kaum jemand mehr. Die Musik ist zwar perfekt produziert, aber diese übliche Prahlerei in den Texten ist vorhersehbar und langweilig. Im Grunde ist HipHop am Ende. Aber ich bin mir sicher, er wird sich neu erfinden.
Das Interview führte Hendrik Lakeberg
The Streets - "Everything is Borrowed", erschienen bei Warner
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